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21. Januar 2016

UN-Kinderrechtsausschuss: Vergiftete Kindheit in Sambia

 Von 
Mächtige Abraumhalde: Der Staub macht Kinder krank.  Foto: Schubert/TDH

Bis 1994 wurde in der sambischen Stadt Kabwe Blei abgebaut. Zurückgeblieben sind riesige Abraumhalden – und hohe Bleiwerte im Blut der Bevölkerung. Das Hilfswerk Terre des Hommes prangert die Menschenrechtsverletzungen vor dem UN-Kinderrechtsausschuss an.

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Kabwe, die Hauptstadt der gleichnamigen Zentralprovinz in Sambia, liegt auf einer Erzader mit einem Bleigehalt von 20 Prozent. Das ist mächtig viel – und nur ein Beispiel für den Rohstoffreichtum des Landes im südlichen Afrika, das auch über gewaltige Kupfervorkommen verfügt. Noch bis 1994 – fast ein Jahrhundert lang – wurde in Kabwe Blei abgebaut. Zurückgeblieben sind riesige Halden mit Abraum – und katastrophal hohe Bleiwerte im Blut der Bevölkerung. Das renommierte US-amerikanische Blacksmith Institute zählt Kabwe zu den zehn am meisten verschmutzten und vergifteten Städten weltweit. Worunter vor allem auch Kinder zu leiden haben.

Am heutigen Freitag steht die extreme Umweltbelastung auf der Tagesordnung des UN-Kinderrechtsausschusses in Genf. Die sambische Regierung muss dann turnusgemäß über ihre Fortschritte bei der Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention berichten und sich kritischen Fragen stellen. Dazu hat das Kinderhilfswerk Terre des Hommes (tdh) dem UN-Gremium einen Schattenbericht vorgelegt und prangert darin angesichts vergifteter Böden, Wasser und Luft eine „extreme Verletzung von Menschenrechten und der Zukunftschancen von Kindern“ an.

Eine Studie, die tdh bei der US-Organisation Pure Earth (früher Blacksmith Institute) in Auftrag gegeben hat, belegt, dass die Bleiwerte von Kindern noch immer den von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) definierten Grenzwert von zehn Mikrogramm pro Deziliter Blut um ein Vielfaches übersteigen. Experten halten schon diese von der WHO noch als unbedenklich eingestufte Konzentration für viel zu hoch. In Kabwe aber haben 98 Prozent der untersuchten Kinder laut Pure-Earth-Studie mehr als 20 Mikrogramm Blei pro Deziliter Blut in ihrem Körper. Bei 26 Prozent der getesteten Minderjährigen lag die Konzentration sogar über 65 Mikrogramm – mehr konnte das mobile Testgerät nicht anzeigen.

Und das, obwohl die Weltbank von 2003 bis 2011 in Kabwe und anderen Bergbaugebieten im sogenannten Kupfergürtel ein 40 Millionen Dollar schweres Projekt finanziert hat, um die Altlasten zu beseitigen und die Gesundheit der Menschen zu verbessern. Doch noch immer leidet die Bevölkerung unter einer massiven Blei-Belastung. Dem Schwermetall sind nach Angaben von tdh rund 94 000 Kinder ausgesetzt.

Schmutziges Erbe: die Bleifabrik im sambischen Kabwe.  Foto: Schubert/TDH

Bei ihnen kann Blei auch in geringen Mengen zu verheerenden Schäden an inneren Organen, des Nervensystems und bei der Blutbildung führen. Auch die Minderung der Intelligenz zählt zu den erwiesenen Folgen einer Belastung mit Blei. Medizinische Studien belegen, dass erhöhte Werte im Blut die emotionale und intellektuelle Entwicklung erheblich beeinträchtigen. Ärzte und Pädagogen in Kabwe berichten exakt von diesen Auswirkungen. So zeigen Schüler nicht nur Verhaltensauffälligkeiten, sondern leiden auch an Erinnerungsverlust, Sprachstörungen, Untergewicht und motorischen Einschränkungen bis hin zu Lähmungen.

Lehrer Wisdom Kaunda hat beobachtet, dass Schüler aus Kabwe signifikant schlechtere schulische Leistungen erzielen als ihre Altersgenossen, die dem toxischen Staub von den ungesicherten Abraumhalden nicht täglich ausgesetzt sind. „Heute ist die Belastung nicht viel geringer als vor dem Weltbank-Projekt“, beklagt Jonas Schubert. Der Kinderrechtsexperte von Terre des Hommes befürchtet zudem, dass neuerliche Aktivitäten in Kabwe zusätzlichen giftigen Staub aufwirbeln könnten.

Der britische Konzern Berkeley Mineral Resources (BMR) hat die stillgelegte Bleimine mittlerweile übernommen und verspricht sich davon ein lukratives Geschäft. Das Unternehmen habe eine Methode entwickelt, um das Schwermetall, das noch in den riesigen Abraumhalden steckt, herauszulösen, kündigte BMR-Vorstandschef Alex Borrelli im vergangenen Dezember in einem Interview an. Eine Pilotanlage sei bereits in Planung und das Projekt eine „Win-win-Situation“, von dem Konzern und Kommune gleichermaßen profitierten, schwärmte Borrelli. Denn das „Säubern“ der Halden werde die Umweltbelastung der Region reduzieren.

Tdh-Experte Schubert will sich auf dieses Unternehmensversprechen nicht verlassen und fordert wie auch die US-Organisation Pure Earth eine unabhängige Inspektion, bevor die Anlage in Betrieb geht. „Das Blei darf nur ökologisch verträglich gewonnen werden“, sagt Schubert.

Un-Kinderrechtskonvention
Bergbau
Blei
Pilotprojekt

193 Staaten haben sich mit der Ratifizierung der UN-Kinderrechtskonvention verpflichtet, Kindern eine bestmögliche Gesundheit, sauberes Trinkwasser und vollwertige Nahrung zu gewähren. Weltweit wird dieses Recht durch Umweltzerstörung verletzt.

Im Bergbau ereignen sich die schwerwiegendsten Menschenrechtsverletzungen, so der UN-Sonderbeauftragte für Menschenrechte und Wirtschaft, John Ruggie.

Die Bleivorkommen im sambischen Kabwe beutete bis 1994 das Unternehmen Zambia Consolidated Copper Mines, mehrheitlich in Staatsbesitz, aus. Es gab kaum Umweltauflagen. Die Mine ist mittlerweile privatisiert.

Eine Belastung mit Blei schon unterhalb der gängigen Grenzwerte belastet die geistige und emotionale Entwicklung von Kindern, wie eine Langzeitstudie der Universität Bristol belegt.

Das Hilfswerk Terre des Hommes finanziert gemeinsam mit den Partnerorganisationen Environment Africa und Pure Earth ein Pilotprojekt in Kabwe. Dabei werden in einem besonders betroffenen Viertel Böden und Wohnungen von Blei gereinigt und die Bevölkerung im Umgang mit dem Risiko geschult. (tos)

Unterdessen hat die Weltbank ein neues Fünf-Jahres-Projekt für Sambia aufgelegt, das 2016 starten soll. Mit 50 Millionen US-Dollar will die Weltbank die durch den Bergbau verursachten Umwelt- und Gesundheitsbelastungen der Menschen in Kabwe und von weiter nördlich im sambischen Kupfergürtel gelegenen Städten reduzieren. Sie hoffe, dass das Gesundheitsministerium dann auch endlich Labormaterial anschaffen könne, um die Bleiwerte im Blut der Bevölkerung dauerhaft zu kontrollieren, sagte Edwidge Mutale, Staatssekretärin der Zentralprovinz, jüngst der Zeitung „Zambia Daily Mail“.

Kinderrechtsexperte Schubert hat viel grundsätzlichere Erwartungen. Das Weltbank-Vorhaben müsse konsequent menschenrechtlich ausgerichtet werden und nicht nach „Kosten-Nutzen-Kriterien“ wie beim ersten Weltbank-Projekt. Damals habe man die Zahl der besonders mit Blei belasteten Kinder bei den 20 000 unter Fünfjährigen in Kabwe auf 5000 geschätzt. Nur sie seien getestet worden. Aufgrund begrenzter Ressourcen konnten schließlich nur knapp 3000 Mädchen und Jungen medizinisch behandelt werden. Und selbst bei diesen konnte die Bleikonzentration nicht unter die angestrebten 25 Mikrogramm pro Deziliter Blut gesenkt werden – obwohl der von der WHO gerade noch tolerierte Wert bei zehn Mikrogramm liegt.

„Jedem Kind, das durch Blei vergiftet wird, muss geholfen werden“, fordert Schubert. Alles andere sei eine moralische Bankrotterklärung. Sambia – das selbst zehn Millionen Dollar zum Weltbank-Projekt beisteuert – müsse nun endlich die Verantwortung dafür übernehmen. Schließlich war es das Staatsunternehmen Zambia Consolidated Copper Mines, das die Bleivorkommen ausgebeutet hat. Terre des Hommes hofft, dass der UN-Kinderrechtsausschuss diese Verpflichtung den sambischen Ministern ins Stammbuch schreibt.

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