Kirchen, Pharmaindustrie und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) drängen die Bundesregierung zu mehr Engagement für die Gesundheitsfürsorge in Entwicklungsländern. Die Regierung solle die Hilfen ausweiten und wirksamer gestalten, heißt es in einem Aufruf der Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung (GKKE) und des Verbandes der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa).
In einem eigenen Papier fordern die Deutsche Stiftung für Weltbevölkerung (DSW), Care Deutschland, Oxfam, World Vision und die Rotarian Action Group die Regierung auf, ihren Beitrag für Gesundheit in der Entwicklungszusammenarbeit auf 0,1 Prozent des Bruttosozialprodukts zu vervierfachen. Bislang bleibe Deutschland "weit hinter dem zurück, was gemessen an seiner Wirtschaftskraft ein fairer Anteil wäre".
Die Frankfurter Rundschau (FR) und die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammen- arbeit (GTZ) starten am Donnerstag, 7. Mai, in Frankfurt ihre Diskussions- reihe "Forum Entwicklung".
Bundesentwicklungs- ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) und Dr. Hedwig Petry (Leiterin der GTZ-Abteilung Gesundheit, Bildung und soziale Sicherheit) diskutieren unter dem Motto "Zukunft braucht Gesundheit" über Mütter- und Kindersterblichkeit in Entwicklungs- ländern. Die Moderation hat FR-Redakteur Tobias Schwab.
Die Veranstaltung im FR-Domizil Neues Depot, Textorstraße 35, Frankfurt, beginnt um 18.30 Uhr. Der Eintritt ist frei.
Die Deutsche Stiftung für Weltbevölkerung lädt ebenfalls für den 7. Mai zur ersten "Mutternacht in Berlin" ein, um die hohe Mütter- sterblichkeit in den Fokus des Interesses zu rücken. Eine Anmeldung ist nötig. Infos: www.mutternacht.de
Hintergrund der Kritik ist das sich abzeichnende Scheitern des Millennium-Projektes der UN. Die meisten der acht Millennium Development Goals (MDG) sind infolge der globalen Krise nicht mehr zu erreichen. Davon gehen jetzt selbst Weltbank und Internationaler Währungsfonds (IWF) in ihrem aktuellen Entwicklungsbericht aus. Die Zahl der Hungernden sollte bis 2015 gegenüber 1990 halbiert werden. Tatsächlich aber, so die Prognose von Weltbank und IWF, wird sie in diesem Jahr von 960 Millionen auf eine Milliarde steigen. Auch bei den Zielen, Mütter- und Kindersterblichkeit bis 2015 um drei Viertel beziehungsweise zwei Drittel zu senken, sieht es düster aus.
Jährlich sterben noch immer rund zehn Millionen Jungen und Mädchen unter fünf Jahren. Todesursache sind vor allem Komplikationen bei der Geburt, Durchfall, Malaria, Masern und Aids. Krankheiten, die leicht zu vermeiden oder zu behandeln wären.
Infolge der globalen Rezession könnten laut Weltbank in diesem Jahr bis zu 400 000 Kinder zusätzlich sterben. Experten des Londoner Overseas Development Institute (ODI) weisen daraufhin, dass ein sinkendes Wachstum in der Regel zu einem Anstieg der Kindersterblichkeit führt. Die Auswertung der Daten aus 59 Entwicklungsländern hat laut ODI gezeigt: Schrumpft das Bruttosozialprodukt um ein Prozent, steigt die Kindersterblichkeit durchschnittlich um 0,3 bis 0,8 Prozent.
Deprimierend fällt die Bilanz auch beim MDG fünf aus, die Müttersterblichkeit bis 2015 um drei Viertel zu reduzieren. In den Ländern mit der höchsten Müttersterblichkeit hat es in den letzten 15 Jahren praktisch keinen Fortschritt gegeben. Jedes Jahr sterben noch immer mehr als eine halbe Million Frauen während der Schwangerschaft oder Geburt an vermeidbaren Komplikationen - 99 Prozent davon in Entwicklungsländern.
"Ein Armutszeugnis", findet DSW-Sprecherin Uta Stallmeister. Für die NGOs Anlass, von der Regierung mehr Initiative zu verlangen. Gesundheit müsse in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit einen höheren Stellenwert erhalten, heißt es in ihrer Entschließung. Sie verlangen für das Entwicklungsministerium ein eigenes Referat, das sich ausschließlich mit Gesundheitsfürsorge befassen solle.
Strukturelle Änderungen fordern auch die Pharmalobby und die GKKE, in der die deutsche Kommission Justitia et Pax und der Evangelischen Entwicklungsdienst kooperieren. Sie empfehlen neben mehr Finanzhilfen, im Bundestag einen Unterausschuss "Gesundheit in Entwicklungsländern" einzurichten. Zudem solle eine Koordinierungsstelle alle Aktivitäten der Ministerien für Gesundheit, Entwicklungshilfe und Forschung zur " globalen Gesundheit" abstimmen.
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