Die Bio-Nahrungsmittelbranche rühmt sich hehrer Prinzipien: Besonders gesund, besonders sauber, besonders transparent. Nur schwer mit diesem Bild lässt sich vereinbaren, was in den vergangenen Wochen vorgefallen ist: In zahlreichen Lieferungen getrockneter türkischer Bio-Linsen ist das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat aufgetaucht. Die Ware wurde aus dem Regal geräumt – doch die Verbraucher lässt man im Dunkeln tappen. Infos werden nur spärlich erteilt.
Akute oder chronische Gesundheitsgefahr besteht laut Behördenangaben zwar nicht – die kritischen Schwellenwerte sind unterschritten, ab denen die Ware als Gefahr für den Menschen angesehen wird. Der Weiterverkauf ist dennoch illegal: Mit bis zu 2,5 Milligramm Glyphosat pro Kilo Linsen ist der gesetzliche Grenzwert von 0,1 Milligramm um das 25-fache überschritten – nicht etwa jener für Bio-Nahrung, sondern der allgemein für alle Lebensmittel gültige. Das Fach-Informationsportal BioHandel spricht deshalb von einer "extrem hohen Konzentration" des Herbizids in den Bio-Linsen.
Verantwortlich ist der türkische Exporteur Tiryaki, der über zwei Zwischenhändler an fast alle namhaften Vertriebe in Deutschland liefert. Die Türkei ist neben Kanada der größte Bio-Linsen-Lieferant für Deutschland. Noch ist unklar, wie es zu der starken Belastung kommen konnte. Glyphosat wurde 1970 vom Agrar-Riesen Monsanto als Breitband-Herbizid entdeckt. Es darf im Bio-Anbau nicht zum Einsatz kommen. Aber selbst in konventioneller Ware kann es selten in derart hohen Dosen nachgewiesen werden. Glyphosat wird nämlich in der Regel vor der Aussaat auf den Feldern verteilt, um Unkraut zu vernichten. Anschließend wird es relativ schnell natürlich abgebaut. Wie derart viel Glyphosat ausgerechnet in Bio-Produkte gelangte, lässt die Branche rätseln.
Leergeräumte Regale
Nach dem Herbizid-Fund und der Meldung durch das Frühwarnsystem der EU am 24. Februar wurden die nötigsten Schritte eingeleitet: Die Regale sind leergeräumt, zügig wurde ein Verkaufsstopp verhängt. Rote und Grüne Linsen sind nun in den meisten Bioläden nicht mehr zu haben. Betroffen sind offenbar alle Tiryaki-Linsen aus den Jahren 2009 und 2010. Damit wurde erfüllt, was der Gesetzgeber fordert. Denn die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) hat die Vermarktungsgenehmigung für türkische Bio-Linsen ausgesetzt. Der Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) ist sogar stolz darauf, schnell reagiert zu haben: "Wir haben den Verkaufsstopp extrem zügig umgesetzt und mehr Linsen und Hülsenfrüchte aus dem Regal genommen, als nötig gewesen wäre", sagte eine Sprecherin.
Jedoch: Die Verbraucher wurden lange Zeit nicht und bis heute nur sehr spärlich informiert. Der BNN informierte erst seine Mitglieder und Tage später dann die Öffentlichkeit. Erst am Freitag, nach der Anfrage dieser Zeitung, entschloss sich der BNN dazu, nach einer Meldung, die unter "Qualitätsarbeit" auf der Webseite kaum zu entdecken ist, auch unter "Aktuelles" über die verseuchten Bio-Linsen aufzuklären. Eine Pressemitteilung wurde nach wie vor nicht verschickt. Die Bio-Supermarktkette Alnatura, die zahlreiche Filialen unter anderem in Berlin und im Rhein-Main-Gebiet betreibt, veröffentlichte ebenfalls erst am Freitag nach dem Anruf dieser Zeitung eine Mitteilung auf ihrer Webseite zu dem Thema. In Alnatura-Märkten und auch anderen Bio-Supermärkten wird an den halbleeren Regalen bislang nicht über die Funde informiert. Auch andere Biomarkt-Ketten zögerten lange, bis Infos veröffentlicht wurden.
Keine Rückrufaktion
Auch eine teure Rückrufaktion will sich die Branche bislang sparen. Die Käufer sollen also offenbar die belastete Öko-Ware zu Hause verzehren oder, falls sie zufällig von der Herbizid-Belastung hören, auf eigene Kosten wegschmeißen. Eine Alnatura-Sprecherin sagte: "Ein Rückruf ist nicht geplant, denn die Belastung liegt unter dem Grenzwert, ab dem eine Gesundheitsgefährdung besteht." Eine BNN-Sprecherin sagte ebenfalls: "Wir sind der Meinung, dass ein öffentlicher Rückruf nicht nötig ist. Es besteht keine Gesundheitsgefahr."
Derartige Beschwichtigungen, die sich auf formale gesetzliche Vorgaben beziehen, hört man normalerweise nach Skandalen mit konventionellen Lebensmitteln. Wie darüber ein Kunde befinden mag, der die lange lagerbaren Linsen nach und nach verzehrt und dann aufgrund des zögerlichen Informationsflusses erst später entdeckt, dass er möglicherweise Herbizide in Mengen zu sich genommen hat, die weit über den Grenzwerten für den Verkauf der Ware liegen? Der Fachdienst BioPress hat sein Urteil über die Informationspolitik bereits gefällt. "Dem Prinzip der Transparenz in der Bio-Branche dient dies nicht."
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