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25. August 2010

Unsicherheit am Markt: Zinsen im freien Fall

 Von Stephan Kaufmann
Unsicherheit über die konjunkturelle Entwicklung schwebt über internationalen Finanzzentren wie Frankfurt.  Foto: ddp

An den Märkten geht die Angst vor sinkenden Preisen und einem Abtauchen der Konjunktur um. Die Renditen für Staatsanleihen sinken auf ein Rekordtief. Doch es gibt auch Gewinner.

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Gewinner: Der Häuslebauer
Gewinner: Der Staat
Gewinner: Die Volkswirtschaft
Gewinner: Der Anleihebesitzer
Verlierer: Der Sparer
Verlierer: Die Assekuranz

Für Hausbauer oder -käufer ist die aktuelle Niedrigzinsphase eine gute Nachricht. Denn zehnjährige Hypothekendarlehen sind mit durchschnittlich 3,39 Prozent Nominalzins günstig wie nie. Kredite mit fünfjähriger Zinsbindung sind bei günstigen Anbietern schon ab 2,3 Prozent zu haben. Ursachen dafür sind zum einen die Risikoaversion der Anleger, die ihr Geld in den sicheren Hafen von Bundesanleihen investieren und zum anderen die geringen Inflationserwartung. Wer bereits früher eine Baufinanzierung abgeschlossen hat, profitiert davon jedoch nur in Maßen. Denn wenn er vorzeitig aus seinem Vertrag aussteigen will, muss er meist eine Vorfälligkeitsentschädigung bezahlen. Nur sehr wenige Anbieter verzichten darauf, lassen sich dies aber meist auch bezahlen. Diesen Posten muss man einkalkulieren, wenn man herausfinden will, ob sich der Wechsel lohnt oder man hofft, dass die Zinsen bis zum Ende der Laufzeit niedrig bleibt. jes/lee

Der deutsche Staat profitiert in besonders hohem Maße vom gesunkenen Zinsniveau, immerhin ist er mit insgesamt 1,7 Billionen Euro verschuldet. Allein der Bund hat einen Schuldenberg in Höhe von 1,1 Billionen Euro angehäuft, für die er Jahr für Jahr rund 40 Milliarden Euro Zinsen zahlen muss. Wie viel Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) durch das Zinstief spart, zeigt eine grobe Überschlagsrechnung: Pro Jahr muss der Bund rund 320 Milliarden Euro an Krediten aufnehmen, um Verbindlichkeiten zu tilgen und neue Haushaltslöcher zu stopfen. Reduzieren sich die Zinsen zum Beispiel um einen Prozentpunkt, dann sinkt die finanzielle Belastung um gut drei Milliarden Euro. Die genaue Entlastung hängt davon ab, welche Werte Finanzminister Schäuble bei seiner Haushaltsplanung bisher unterstellt hat. Maßgeblich ist zudem, in welchem Ausmaß Anleihen mit hohen letztlich durch Papiere mit niedrigeren Zinsen abgelöst werden. tms

Die niedrigen Zinsen machen es für Unternehmen lukrativ, Kredite aufzunehmen und mit dem Kapital zu investieren. Davon profitiert die Volkswirtschaft, da Investitionen zu mehr Produktion, Jobs und Einkommen führen können. Die großen Gewinner des Renditetiefs sind Unternehmen mit guter Bonität. So zahlt BASF derzeit für eine Anleihe mit knapp fünfjähriger Restlaufzeit nur noch zwei Prozent Zinsen. Aber auch Bankkredite sind günstiger zu haben. Das liegt zum einen an dem historisch niedrigen Leitzins. Zum anderen ist die Nachfrage nach Krediten schwach, die Banken müssen Kunden daher mit Sonderkonditionen anlocken. „Für die Unternehmen sind die derzeitig niedrigen Fremdkapitalkosten sehr erfreulich“, konstatiert Michael Renner von der DZ Bank. Allerdings muss auch genügend Nachfrage vorhanden sein. „Wenn die Kapazitäten noch nicht voll ausgelastet sind, werden sich die Unternehmen nicht zu Investitionen entschließen“, so Renner. lee

Wer in den vergangenen Jahren auf Nummer sicher gehen wollte und sein Geld in Bundespapiere anlegte, hat jetzt gut Lachen. Denn mit dem historischen Renditetief haben die Kurse Rekordhöhen erreicht. „Hätte ein Anleger vor drei Jahren bei etwa 4,25 Prozent eine zehnjährige Bundesanleihe gekauft hat, so würde der Kursgewinn derzeit bei etwa 17 Prozent liegen“, rechnet Birgit Figge von der DZ Bank vor. Mit dem Verkauf der Papiere lässt sich jetzt also ein ordentlicher Gewinn erzielen. Wer sich dazu entschließt, sollte allerdings genau wissen, wofür er den Erlös verwenden will. Vielleicht doch den langgehegten Wunsch vom Eigenheim realisieren und eine Hypothek aufnehmen? Denn der Einstieg in die meisten anderen Anlageformen ist wegen des Renditetiefs ziemlich unattraktiv. Anleihen sind teuer, Sparguthaben werfen wenig ab und viele Finanzprofis sind mit Blick auf die künftige Entwicklung am Aktienmarkt ziemlich skeptisch. lee

Tagesgeld bringt den Sparern nur noch wenig Freude. Aktuell dümpeln die Zinsen auf einem so niedrigen Niveau, dass es sich kaum noch lohnt, für einen Anbieterwechsel den Computer hochzufahren. Der höchste Zinssatz liegt derzeit bei 2,2 Prozent – und dafür müssen sich die Kunden auf der Website der von Ikea-Gründer Ingvar Kamprad gegründeten Ikano Bank auch noch duzen lassen. Bei deutlich höheren Zinsen ist Vorsicht geboten. Gehört der Anbieter dem Einlagensicherungsfonds der deutschen Banken an oder hat er zumindest seinen Hauptsitz in einem EU-Staat? Wie wichtig diese Fragen werden können, hat die Pleite der isländischen Kaupthing-Bank gezeigt. Aber auch, wer sein Sparguthaben mit einem längeren Anlagehorizont investieren kann, wird dieser Tage kaum froh. Festgeld und Sparbriefe werfen bei einer Laufzeit von einem Jahr zwei Prozent Zinsen ab. Über zehn Jahre offerieren die besten Anbieter etwa vier Prozent. lee

Für Lebensversicherer grenzt das aktuelle Zinstief an eine Katastrophe. Sie stehen bei Millionen Kunden mit Zinsgarantien, die bei Altverträgen zum Teil noch bei vier Prozent liegen, im Wort. Doch sichere Anlageklassen, also festverzinsliche Wertpapiere wie Staatsanleihen, Pfandbriefe oder Unternehmensanleihen, in die Versicherer gut 85 Prozent ihrer Kundengelder investieren, bringen ihnen derzeit nur maue Renditen ein. Bleibt der Zinsmarkt auf dem derzeitigen Niveau, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Unternehmen ihre Reserven anzapfen und damit an ihre Substanz gehen müssen. Große Marktteilnehmer mit entsprechenden Rücklagen wie der deutsche Branchenprimus Allianz geben sich zwar betont entspannt. Sie können die Durststrecke nach eigenen Angaben noch jahrelang überbrücken. Den anderen aber drohen japanische Verhältnisse: Dort kosteten die niedrigen Zinsen zwischen 1997 und 2001 sieben mittelgroße Versicherer die Existenz. jes

Ethan Harris hat nachgerechnet. Der Volkswirt der Bank of America hat gezählt, wie oft das Wort „Unsicherheit“ im Konjunkturbericht vorkommt, den die US-Notenbank achtmal im Jahr vorlegt. Ergebnis: Seit dem Platzen der New-Economy-Blase vor zehn Jahren haben Amerikas Währungshüter nicht mehr so viel von Unsicherheit gesprochen wie derzeit. Aber nicht nur sie, auch die Finanzmärkte und Volkswirte irren aktuell durch den Konjunkturnebel. Setzt sich der Aufschwung fort oder kommt eine neue Rezession? Oder keines von beiden? Droht Hyperinflation oder Deflation? Während die meisten Ökonomen eher positiv gestimmt sind, scheinen die Anleger von einer neuen Krise auszugehen: Trotz wirtschaftlicher Erholung sind die Zinsen auf nie gesehene Tiefs gefallen und inzwischen fallen die Aktienmärkte hinterher.

Auch Erfolgsmeldungen können die Investoren derzeit nicht davon überzeugen, dass die Krise Vergangenheit ist. Gestern teilte das Ifo-Institut mit, dass sich das Geschäftsklima im August überraschend ein weiteres Mal verbessert hat. Die deutsche Wirtschaft, so viel steht fest, wird dieses Jahr so stark wachsen wie seit der Vereinigung nicht mehr. Dennoch sank die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen auf das Rekordtief von noch 2,1 Prozent. Abwärts geht es mit den Zinsen auch in den USA, Kanada, Japan und anderen Ländern Europas.

Angesichts starker Konjunktur und hoher Staatsschulden müssten die Zinsen eigentlich steigen. Und angesichts der hohen Unternehmensgewinne müsste es an den Aktienmärkten eigentlich aufwärtsgehen. Doch an den Finanzmärkten geht das „DDD-Gespenst“ um: Deflation und Double-Dip, also sinkende Preise und ein neuerliches Abtauchen der Konjunktur.

Sorgenkind ist derzeit die weltgrößte Volkswirtschaft, die USA. Am Freitag wird sich voraussichtlich zeigen, dass die US-Wirtschaft im zweiten Quartal nicht wie zunächst mitgeteilt um 0,6 Prozent gewachsen ist, sondern nur halb so stark. Die Banken fahren die Kreditvergabe zurück, den Konsumenten fehlt Geld zum Ausgeben, die Firmen klagen über hohe Überkapazitäten. Obwohl die Notenbank Milliarden in die Wirtschaft pumpt, fällt die Inflation. „Das Risiko einer Deflation kann im aktuellen Umfeld nicht gänzlich von der Hand gewiesen werden“, mahnt die DZ Bank.

Während in den USA die hohe Arbeitslosigkeit und die weiter schwachen Banken den Anlegern Sorgenfalten auf die Stirne treiben, sind es in Europa die Sparprogramme der Regierungen. Um ihre Schulden zu senken, erhöhen Länder Steuern und kürzen Ausgaben und Löhne. Auch dies „könnte den Weg in eine Deflation ebnen“, so die DZ Bank.

Misstrauen hegen die Finanzmärkte besonders gegenüber Krisenstaaten Südeuropas. Ihre Anleihen werden abgestoßen und Bundespapiere gekauft, was die Preise für deutsche Titel weiter in die Höhe treibt und die Zinsen drückt. „Aus den schwachen Ländern fließen Milliardenbeträge nach Deutschland“, sagt Alexander Koch, Ökonom von Unicredit. Während die Renditen von Bundesanleihen auf Rekordtief gefallen sind, liegen die Zinsen für griechische Anleihen schon wieder bei elf Prozent.

Noch halten die meisten Ökonomen eine neue Rezession für unwahrscheinlich. „Die Deflationsangst der Märkte ist übertrieben“, meint die DZ Bank. Statt vor Deflation warnen einige Experten davor, dass die niedrigen Notenbankzinsen langfristig eher zu hohen Inflationsraten führen. Warner gibt es viele, sicher ist sich niemand. „Wir haben in den vergangenen Monaten gesehen, wie schnell sich die Trends drehen können“, erklärt Unicredit-Volkswirt Koch. „Wir wissen schlicht nicht, wie die jüngste Krise die Struktur der globalen Wirtschaft verändert hat und wie viel Wachstum wir also von welchen Ländern erwarten können.“ Allein diese Unsicherheit könnte der Erholung Fesseln anlegen. Denn „Unsicherheit“, so Ökonom Harris „ist der Feind des Wachstums.“

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