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10. März 2011

Unternehmensgewinne: Die große Umverteilung

 Von Jakob Schlandt und Frank-Thomas Wenzel
Autoabsatz brummt: Unternehmen nutzen weltweit ihre Chancen.  Foto: getty images

Die Krise ist nur noch eine blasse Erinnerung: Den Konzernen in Deutschland geht es wieder blendend. Doch die hohen Gewinne gehen einher mit einer Umverteilung von unten nach oben.

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Die Krise ist nur noch eine blasse Erinnerung: Den Konzernen in Deutschland geht es wieder blendend. Doch die hohen Gewinne gehen einher mit einer Umverteilung von unten nach oben.

Eine Jubelmeldung jagt die nächste, die Konzerne übertreffen sich in Superlativen. Die deutsche Industrie ist obenauf und macht satte Gewinne. Sechs Dax-Konzerne legten gestern Zahlen vor. Und mit einer Ausnahme des Rückversicherers Munich Re, der unter Sondereffekten leidet, sind die Kennziffern durchgängig hervorragend.

Autos, Chemie, Dienstleistungen: Deutsche Produkte verkaufen sich blendend in aller Welt. Die Konzerne nutzen die Chancen, die der Aufstieg der Schwellenländer bietet.

Christoph Ohme, Fondsmanager der DWS, sagt: „In den Exportbranchen Automobil, Chemie und Maschinenbau sind die Kapazitäten nahezu ausgelastet. Der Eingang neuer Orders ist stark, die Auftragsbücher sind voll. Das sollte sich positiv für das Geschäftsjahr 2011 auswirken.“

Aufschwung ist Resultat des tiefen Abschwungs zuvor

Woher kommt der schnelle Aufschwung? Vor allem aus dem tiefen Abschwung zuvor. Für Ralf Zimmermann, Experte der Investmentbank Macquarie, gehen die Ursachen für die kräftigen Gewinne letztlich bis in die Krise des Frühjahrs 2009 zurück: „Überall auf der Welt wurden Lager komplett geleert.“ Als die Konjunktur nach wenigen Monaten wieder anzog, mussten erst einmal Lager wieder aufgefüllt werden, was bis weit ins Jahr 2010 getragen und alle Bereiche des verarbeitenden Gewerbes unterstützt habe.

Das ist für den Aktienstrategen aber nur ein Faktor. Hinzu kommt, dass die Konsumnachfrage in den Schwellenländern deutlich gestiegen sei – China meldete gestern erstmals ein Handelsbilanzdefizit, das Riesenland importierte mehr als es ausführte. In Europa würden die Verbraucher zwar nur mäßig, in den USA aber kräftiger konsumieren.

Deutschen Unternehmen kam zupass, dass sie mit den richtigen Produkten auf dem Weltmarkt unterwegs sind. „Die Chinesen benötigen Präzisionsmaschinen, die deutsche Unternehmen liefern können“, so Macquarie-Stratege Zimmermann. Und der wachsende Wohlstand im Reich der Mitte bringe eine Mittelschicht hervor, die sich gern mit Statussymbolen schmücke. Dazu zählten Autos von Mercedes und BMW.

Investitionen der Unternehmen steigen

Wege aus der Krise

Erst kippten die Banken - dann wackelte die Wirtschaft. Die Staaten und die Steuerzahler mussten einspringen. Reden Sie mit über Wege aus der Krise.

Was machen die Unternehmen mit dem Geld? Voriges Jahr hätten die Unternehmen noch abgewartet und wenig investiert, sagt Ohme von der DWS. „Jetzt steigen die Ausgaben, es gibt vermehrt Unternehmensübernahmen, und dieser Trend könnte sich fortsetzen. Die Dividenden werden zum Teil deutlich erhöht. Ich erwarte aber auch, dass die Investitionen ansteigen“, sagt Ohme.

Ohne das Eingreifen des Staats hätte die Krise freilich viel verheerendere Folgen gehabt. In Deutschland bewahrte das Kurzarbeitergeld die Industrie vor Massenentlassungen – nur deshalb können die Firmen die gestiegene Nachfrage jetzt überhaupt bedienen. Die chinesische Regierung legte ein riesiges Konjunkturprogramm auf, mit dem die Infrastruktur ausgebaut wurde. Die USA kurbelten mit Steuerentlastungen die Wirtschaft an.

Boom mit öffentlicher Verschuldung erkauft

Nach Zimmermanns Ansicht haben die staatlichen Hilfsprogramme funktioniert. Aber: „Ein Stück weit ist es so, dass Steuergeld in die Gewinne der Unternehmen geleitet wird.“ Der Boom werde mit einer höheren öffentlichen Verschuldung erkauft, die sich jetzt noch nicht negativ auswirke, aber langfristig Probleme machen könne.

Gustav Horn, Chef des gewerkschaftsnahen Instituts IMK, sieht das genauso: „Wir müssen aufpassen, dass die Umverteilung von Lohneinkommen zu Gewinneinkommen sich nicht fortsetzt.“

Gewinne steige gegenüber dem Lohneinkommen

Nach einer Berechnung der Frankfurter Rundschau, die auf Zahlen des Statistischen Bundesamts basiert, ist die Gewinnquote in den vergangenen Jahrzehnten stark gestiegen. Sie drückt aus, wie hoch der Anteil der Unternehmens- und Vermögensgewinne am Volkseinkommen ist. Was übrig bleibt, wandert in die Lohntüten der Arbeitnehmer.

Diese Gewinnquote lag 1980 bei 26,8 Prozent. 2010 hingegen betrug sie 33,75 Prozent. Nach den Gewinnschätzungen zu urteilen wächst der Teil des Kuchens, den Firmen, deren Besitzer, das Führungspersonal sowie Vermögende erhalten, weiter an.

Warnung vor Auseinanderdriften der Gesellschaft

Horn hält das für eine gefährliche Entwicklung: „Die Gesellschaft driftet auseinander.“ Dass sich mehr Geld in den Händen weniger befände, habe auch die Risikobereitschaft steigen lassen und damit die Finanzkrise begünstigt.

Wie entsteht die Umverteilung? Vor allem durch niedrige Steuern auf Gewinne und durch niedrige Lohnabschlüsse, die nicht mit der Steigerung der Produktivität mithalten, sagt Horn. Sein Fazit: Die Vermögenssteuer müsse wieder eingeführt werden, und die Unternehmenssteuern sollten auf das Niveau anderer Industrieländer angehoben werden.

DWS-Manager Ohme glaubt hingegen, dass die Arbeitnehmer ohnehin profitieren: „Die Löhne steigen aktuell wieder stärker als in den Krisenjahren und damit werden auch die Arbeitnehmer am Erfolg beteiligt. Hinzu kommen viele Sonderausschüttungen an die Mitarbeiter.“

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