Aktuell: Ukraine | Rosetta-Mission | Fernbus-Markt | Fußball-News | Eintracht Frankfurt | Polizeimeldungen Frankfurt/Rhein-Main

Wirtschaft
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse, Finanz-Themen

26. Dezember 2012

Urwald Zerstörung: Biosprit-Branche will Raubbau stoppen

 Von Jakob Schlandt
Brandrodungen auf Sumatra: Indonesien opfert seinen Naturschatz, um mehr Biosprit herstellen zu können. Foto: dpa

Die EU soll den Import von Biosprit aus Ländern wie Indonesien stoppen, das fordern die deutschen Biospritunternehmen. Sie argumentieren, dass die Zerstörung der Urwälder für Palmöl auch der Branche hierzulande schaden.

Drucken per Mail

Die Biokraftstoffbranche steht immer wieder massiv in der Kritik für Umweltschäden, die durch den Anbau von Energiepflanzen außerhalb Europas entstehen. Nun drehen die Biosprit-Unternehmen den Spieß um und fordern die europäische Politik auf, Biosprit-Importe aus Ländern vollständig zu stoppen, in denen in großem Stil Urwald gerodet wird.

Was ist Biosprit?

Biokraftstoffe werden aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen. In der EU entfallen rund drei Viertel der Produktion auf Biodiesel, der meist aus Raps stammt. Ein Viertel ist Bioethanol, der aus Zuckerrüben oder Getreide (Weizen, Roggen oder Mais) gewonnen wird. Energiepflanzen werden auf zwei Prozent der EU-Agrarflächen angebaut - weltweit sind es drei Prozent. Beim Verbrauch im Motor verursachen sie wesentlich weniger Treibhausgase als Öl, Gas oder Kohle.

Der Geschäftsführer des Verbandes der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB), Elmar Baumann, sagte dieser Zeitung, er verlange von der EU-Kommission, „die Einfuhr von Rohstoffen und Biokraftstoff zu verbieten, wenn klar nachgewiesen ist, dass in den Herkunftsländern Waldschutzgesetze missachtet und wertvolle Biotope vernichtet werden“. Nationale Regierungen, darunter auch die deutsche Politik, sollten das Vorhaben unterstützen.

Laut VDB-Chef Baumann ist das Importverbot auf EU-Ebene rechtlich möglich, wenn sich Bedenken erhärten, dass grundlegende Nachhaltigkeitsanforderungen in den Herkunftsländern missachtet werden. „Dies gilt gleichermaßen für ökologische wie soziale Nachhaltigkeitskriterien – auch wenn pro forma Biokraftstoffe eine Zertifizierung erhalten, aber an anderer Stelle dagegen munter verstoßen wird“, sagte Baumann.

Ein augenfälliges Beispiel sei Indonesien, wo Brandrodungen stattfänden, um zusätzliche Anbauflächen für Palmölplantagen zu schaffen. Die EU-Kommission könne bereits heute bilaterale Verhandlungen mit diesen Ländern aufnehmen und ihre Besorgnis über die Missstände zum Ausdruck bringen. Sollten die Verstöße gegen die nationalen Schutzgesetze dennoch fortdauern, könne die EU Biokraftstoffimporte verbieten.

"An den Pranger gestellt"

Statt konsequent die bekannten Risikoregionen zu kontrollieren und Importverbote zu verhängen, werde laut Baumann „die gesamte europäische Biokraftstoff-Branche an den Pranger gestellt und für Umweltschäden verantwortlich gemacht, die außerhalb ihres Einflussbereichs liegen“.

Etwa ein Fünftel des Biosprit-Verbrauchs in der EU wird durch Importe gedeckt. Zusätzlich werden Rohstoffe importiert, die hier verarbeitet werden. Spanien hatte kürzlich alle Biosprit-Importe aus Ländern außerhalb der EU verboten. Argentinien reagierte aber bereits mit einer Beschwerde bei der Welthandelsorganisation WTO. Hintergrund sind Streitigkeiten der beiden Länder wegen der Verstaatlichung spanischer Beteiligungen an Ölfeldern in Argentinien.

Der VDB befürchtet, dass die EU-Kommission keine Zukunft für die Biokraftstoffproduktion in Europa sieht. „Wir haben im Moment den Eindruck, dass die EU-Kommission uns am liebsten den Garaus machen möchte“, sagte er. Kürzlich hatte die EU-Kommission beschlossen, dass in Zukunft höchstens fünf Prozent des Spritbedarfs mit Biokraftstoffen der sogenannten ersten Generation gedeckt werden sollen.

Ab 2020 soll die staatliche Förderung von Biosprit vollständig eingestellt werden. Zusätzlich wurden Kriterien vorgestellt, mit denen der Klimanutzen von Biokraftstoffen bestimmt werden soll. Nach dieser Bewertung spart Biodiesel überhaupt keine Klimagase ein, auch Bioethanol schneidet schlechter ab.

"Hohe Rechtsunsicherheit"

Baumann befürchtet, dass diese Kriterien „mittelfristig das Aus für unsere Branche bedeuten“. Die europäischen Biosprithersteller schnitten aber nur deshalb schlecht ab, weil Urwaldrodungen in Ländern wie Indonesien in die Treibhausgasbilanz von hierzulande produziertem Biosprit hineingerechnet würden. „Das ist absurd. Statt unsere Branche abzuwürgen, müssten Import-Sanktionen gegen die Länder verhängt werden, die massiv abholzen.“

In die von der EU-Kommission positiver bewerteten Biospriterzeugnisse zweiter Generation, zum Beispiel aus Stroh und Abfall, wird laut Baumann kaum investiert werden. „Die EU hat eine derart hohe Rechtsunsicherheit für unsere Branche geschaffen, dass niemand im großen Stil in die Entwicklung und Produktion einsteigen wird.“

Laut VDB durchläuft die Biodieselbranche in Deutschland eine wirtschaftlich schwierige Phase. Baumann sagte, die Biodieselanlagen seien im Durchschnitt aktuell nur zur Hälfte ausgelastet und weitere Werksschließen damit unvermeidlich. Der Absatz von Biodiesel stagniert laut den aktuellen VDB-Zahlen in Deutschland 2012, „der Verkauf von Ethanol aus pflanzlichen Rohstoffen ist einer ersten Hochrechnung zufolge in diesem Jahr lediglich von 1,24 Millionen Tonnen auf 1,25 Millionen Tonnen gestiegen“.

Die Benzinsorte E10 mit erhöhtem Ethanolanteil habe sich nur wenig besser verkauft als im Vorjahr. Insgesamt stagnierten Biokraftstoffe bei knapp sechs Prozent Marktanteil. In der Spitze waren es 2007 deutlich über sieben Prozent.

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Ressort

Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.

Videonachrichten Wirtschaft
Umfrage

Die FR möchte auch nach wissenschaftlichen Maßstäben das Gerechtigkeitsempfinden erforschen. Dabei setzen wir auf Sie, liebe Leserinnen und Leser - und Ihre Beteiligung an einer wissenschaftliche Studie der Universität Köln.

Koffein-Junkies

Die Jobs mit dem höchsten Kaffee-Konsum

Von  |
Ohne den Wachmacher geht es nicht: 70 Prozent der befragten Berufstätigen glauben, ihre Arbeitsleistung wäre ohne Kaffee beeinträchtigt.

In TV-Serien sitzen Polizisten oft mit einem Becher Kaffee im Auto und observieren. Doch eine Umfrage belegt: Gesetzeshüter sind gar nicht die größten Kaffeetrinker unter den Berufsgruppen. In diesen zehn Jobs sind Mitarbeiter süchtig nach Koffein. Mehr...

FR-Schwerpunkt

Was ist gerecht?

Was ist gerecht?

WIRKLICH? Wie ungleich darf eine Gesellschaft sein – und was ist eigentlich Gerechtigkeit? Der große Schwerpunkt der Frankfurter Rundschau.

FR-Online: Ergänzende Informationen und ausgewählte Texte zum Thema im Online-Dossier.

iPad-App: Alle großen Stücke des Schwerpunkts - interaktiv in preisgekrönter Aufbereitung. Informationen und Bestellformular.

Zeitung: Sämtliche Analyen und Interviews im Vorteils-Abonnement - keine Folge verpassen und dabei noch anderen helfen. Das ist gerecht. Bestellformular.

Wie würden Sie Deutschland gerechter machen? Gibt es eine Ungerechtigkeit, der die Frankfurter Rundschau unbedingt nachgehen sollte? Reden Sie mit - auf unserer interaktiven Webseite.

STUDIE! Die FR möchte auch nach wissenschaftlichen Maßstäben das Gerechtigkeitsempfinden erforschen. Nehmen Sie teil an unserer Umfrage!

Premium-Fotostrecke

Das Frankfurter Bankenviertel - eine Welt für sich. Schlendern Sie mit uns um die Mittagszeit über Opernplatz, Platz der Republik und Taunusanlage.

Zur Premium-Fotostrecke
Brutto-Netto-Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen