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14. Februar 2014

USA: Fracking wird zum Alptraum

 Von Michelle Conlin
Proteste gegen Fracking in Kalifornien.  Foto: REUTERS

Bohranlagen für das umstrittene Fracking rücken in den USA immer näher an Wohnhäuser heran. Besitzer beklagen einen massiven Wertverfall.

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Als Gary Gless 2002 sein Haus in Los Angeles kaufte, war das für ihn wie ein Sechser im Lotto. Auf dem Gelände gegenüber sollte der größte innerstädtische Park der Welt entstehen mit eigenem Golfplatz – so wenigstens sahen es die Stadtplaner vor. Doch es kam anders. Statt auf sattes Grün fällt der Blick von Gless heute auf eine staubige Ödnis mit zahlreichen Bohranlagen. Sie pumpen Öl aus dem Boden, das die USA unabhängig machen soll von Exporten aus Nahost. Fracking heißt das Verfahren, bei dem Öl und Gas mittels Druck und Chemikalien aus dem Gestein gepresst werden. Es hat den USA tausende Jobs, sinkende Energie-Rechnungen und manchen Regionen einen außerordentlichen wirtschaftlichen Aufschwung gebracht. Aber für Millionen von Hausbesitzern ist Fracking zum Alptraum geworden.

Wer will denn hier leben?

„Wer will denn hier leben?“, sagt Gless verzweifelt. Es ist nicht nur sein geplatzter Traum vom Blick in die Natur, es geht um Schäden am Haus. Er klagt über meterlange Risse. In der Umgebung sei bereits mancher Swimming-Pool aufgrund der Erschütterungen geborsten und habe sich in die Straßen ergossen. Höchstens ein Fünftel des einstigen Kaufpreises sei sein Haus noch Wert, schätzt Gless. Das liege auch daran, dass potenzielle Käufer befürchten, dass die bei der Gasgewinnung in den Boden gepressten Chemikalien die Trinkwasser-Qualität beeinträchtigen. Auch Makler mit Kunden in betroffenen Gegenden schlagen Alarm: „Viele dieser Häuser sind nahezu unverkäuflich“, sagt Phyllis Wolper aus Denton in Texas.

Früher haben US-Behörden Industrie ferngehalten von Gegenden, in denen die Mittelschicht lebt. Mit dem Fortschritt der Fördertechnik hat sich das geändert. Fracking war lange zu teuer, nun ist es auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig. Weil sich öl- und gashaltiges Gestein auch in Los Angeles, Denver oder Cleveland findet, rückt schweres Bohrgerät näher und näher an die Menschen heran. Mittlerweile liegen die Häuser von mehreren Millionen Amerikaner höchsten eine Meile (rund 1,6 Kilometer) von der nächsten Bohranlage entfernt.

Nicht einfach wegziehen

Viele fühlen sich damit nicht wohl, doch wegziehen ist nicht einfach. Einer Studie zufolge sinkt der Wert betroffener Häuser im Schnitt um knapp 17 Prozent, wenn diese in einem Umkreis von einem Kilometer zur nächsten Bohranlage liegen und einen eigenen Brunnen haben. Eine kommunale Wasser-Versorgung ist nicht Standard in den USA. Gary Gless etwa bekommt in der trockenen Sommerzeit Wasser von der Kommune, muss im Winter aber seinen eigenen Brunnen anzapfen. Auf Hilfe ihrer Versicherungen können die Hausbesitzer häufig nicht offen. Denn die Policen schließen Schäden aufgrund von „Arbeiten der Industrie“ aus.

Die Ölkonzerne verweisen auf die finanziellen Vorteile des Frackings, in deren Genuss auch die Immobilieneigner kommen. So sei die durchschnittliche Energie-Rechnung der Haushalte um rund 1000 Dollar pro Jahr gesunken, sagt Brian Straessle vom Industrieverband API. Hinzu kämen Lizenzgebühren und Gewinnbeteiligungen, die Hauseigentümer von Bohrfirmen erhalten. 2012 haben Öl- und Gasfirmen nach Verbandsangaben rund 20 Milliarden Dollar Gebühren gezahlt.

„Wir wollen nur noch weg“

Doch wer es sich leisten kann, verkauft sein Haus und geht. So wie Susan Fowler, die nur noch die Hälfte des geschätzten Werts erhielt. Einst hatten die Ingenieurin mit ihrer Familie ihr Glück in einem Backsteinhaus mit Garten in Cleveland gefunden – bis ein Nachbar seine Schürfrechte abtrat. „Im Handumdrehen sah es aus wie im Industriegebiet“, erinnert sie sich. „Wir wollten nur noch weg – so weit weg vom Fracking wie möglich.“ Auch Gless würde gerne umziehen. Das gehe aber nicht, weil er keinen Käufer finde. Und Ölfirmen wie Freeport-McMoRan, die in der Region bohren, wollen dort 400 weitere Anlagen bauen. (rtr)

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