Es hat sich etwas aufgestaut in den Krankenhäusern . Davon zeugt eine lange Liste mit Forderungen für bessere Arbeitsbedingungen in den Kliniken, mit denen die Gewerkschaft Verdi schon bald die Arbeitgeber konfrontieren will.
Überstunden, Nachtarbeit und Bereitschaftsdienste sollen reduziert, das Personal aufgestockt und der Freizeitausgleich verbessert werden. Zudem soll erreicht werden, dass Überlastungs- und Gefährdungsanzeigen in den Kliniken auch tatsächlich zu Verbesserungen führen und dass wieder mehr Zeit für Fortbildungen bleibt. Insgesamt sollen laut Verdi über eine Million Beschäftigte davon profitieren.
Hohe Ausfallquoten
„Wir sind nicht mehr länger bereit, die aktuellen Arbeitsbedingungen zu akzeptieren“, kommentierte Verdi-Bundesvorstand Ellen Paschke die Beschlüsse der Tarifkonferenz. „Die Belastungen in den Krankenhäusern sind zu hoch, die Menschen können nicht mehr. Die Arbeit im Krankenhaus darf nicht länger krank machen.“ Die Ausfallquoten in manchen Krankenhäusern seien inzwischen eklatant.
Abhilfe soll ein Tarifvertrag für besseren Gesundheitsschutz und bessere Arbeitsbedingungen schaffen. „Weder der Gesetzgeber noch die Arbeitgeber haben etwas für die Beschäftigten in den Krankenhäusern getan, jetzt wollen wir eine tarifvertragliche Regelung“, so Paschke.
Die Forderungen sollen in den nächsten sechs bis acht Wochen in den Krankenhäusern diskutiert und im November verabschiedet werden. Wenn alles abläuft wie geplant, „werden wir im Dezember die Arbeitgeber zu Verhandlungen auffordern“, sagte Paschke. Der Tarifvertrag soll die Arbeitsbedingungen aller Beschäftigten verbessern, unabhängig davon, ob diese im Labor, in der Röntgenabteilung oder beim Reinigungspersonal arbeiten.
Spezielles Gewicht soll in den Verhandlungen aber der Pflege zukommen. Das Institut für Arbeit und Technik der Fachhochschule Gelsenkirchen hat festgestellt, dass die Arbeitsbelastung der Beschäftigten in diesem Bereich immer größer wird. In der Pflege würden viele Aufgaben gar nicht mehr gemacht, so Paschke. Für Hilfe beim Essen oder Patientengespräche fehle einfach oft die Zeit. „Das macht die Pfleger und Pflegerinnen selbst sehr unglücklich, weil sie hohe Ansprüche an ihre Tätigkeit stellen“, sagt Paschke. Die Folge seien Burn-outs.
Um die Arbeitgeber dazu zu zwingen, mehr Rücksicht auf das Personal zu nehmen, soll das durch massiv höhere Lohnkosten sanktioniert werden. Bei Nachtarbeit soll die Arbeitszeit 1,5-fach zählen. Die Überstunden sollen auf zehn Prozent der Arbeitszeit begrenzt werden – wird das nicht eingehalten, soll der doppelte Stundenlohn bezahlt werden. Erfolgt kein Ausgleich der geleisteten Überstunden innerhalb der nächsten vier Wochen durch Freizeit, soll der Freizeitanspruch verdreifacht werden.
Das sind happige Forderungen, die für viele Krankenhäuser unakzeptabel sein dürften, weil ihnen schlicht das Geld fehlt. Sechs von sieben Krankenhausmanagern messen laut einer Umfrage, die die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young 2010 durchgeführt hat, Kostensenkungen große bis sehr große Bedeutung zu.
Das Personal als größter Kostenblock kann dabei kaum verschont werden. Die Forderungen von Verdi richten sich zwar direkt an die Krankenhäuser, indirekt nehmen sie aber die Politik in die Pflicht. Dass die Gewerkschaft nicht nur bei konkreten Lohnforderungen kampffähig ist, zeigte die Tarifauseinandersetzung in den Kindertagesstätten vor zwei Jahren, als mit mehrfachen bundesweiten Streiks Verbesserungen durchgesetzt wurden.
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