Immer mehr Beschäftigte werden mit "Hungerlöhnen" abgespeist. Gleichzeitig ist ein Trend zu einer weiteren Lohnspreizung nach unten erkennbar. Das zeigen Berechnungen des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Uni Duisburg-Essen. "In Deutschland ist das Lohnspektrum in einem Ausmaß nach unten ausgefranst, das in anderen Ländern aufgrund von Mindestlöhnen nicht möglich wäre" kritisiert Claudia Weinkopf, Vize-Leiterin des IAQ.
Inzwischen arbeiten 6,5 Millionen Menschen mehr als jeder fünfte Beschäftigte für Stundenlöhne unterhalb der Schwelle von 9,62 Euro in West- und 7,18 Euro in Ostdeutschland. Seit 1995 ist die Zahl der Niedriglohnbeschäftigten um 2,1 Millionen gestiegen.
Die IAQ-Berechnungen zeigen außerdem, dass die Durchschnittsverdienste von Niedriglohnbeziehern in den vergangenen zwölf Jahren preisbereinigt nicht gestiegen und im Westen sogar gesunken sind. Jeder dritte Niedriglöhner arbeitet für weniger als sechs Euro brutto, 1,2 Millionen Betroffene verdienen weniger als fünf Euro. Auch Vollzeit-Jobs schützen nicht vor niedrigen Stundenlöhnen: Immerhin knapp ein Viertel der Beschäftigten verdient trotz voller Arbeitszeit im Monat weniger als 800 Euro brutto. Der Anteil der Niedriglohnbeschäftigten mit abgeschlossener Berufsausbildung ist deutlich von 58,5 Prozent im Jahr 1995 auf 70,8 Prozent in 2007 gestiegen.
Ein weiteres "Ausfransen" der Lohnstruktur wird erkennbar, wenn man Tarif- und Effektivlöhne vergleicht. Haben die Tarife im ersten Halbjahr 2009 kräftig zugelegt, steigen die tatsächlich ausgezahlten Entgelte kaum stärker als die Preise. So errechnet das Statistische Bundesamt erstmals die Realverdienste und kommt zum Ergebnis, dass diese im ersten Quartal noch um 0,4 Prozent gesunken sind.
Dagegen signalisieren die Forscher der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung Zuwächse: Drei Prozent haben danach die Tarifabschlüsse zwischen Januar und Juni im Schnitt gebracht. Rechnet man dazu noch die länger laufenden Verträge hoch fürs ganze Jahr, kommt man zu einem Plus von 2,4 Prozent. Der Grund für die Diskrepanz: Sinkende Arbeitszeiten, mehr Kurzarbeit und Einschnitte bei den Sonderzahlungen bremsen den Effektivlohn.
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