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07. April 2011

Versteckte Studie: Unbequeme Wahrheit für Brüderle

 Von Jakob Schlandt
Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle hat eine Studie über die Zukunft erneuerbarer Energien zurückgehalten.  Foto: dpa

Bis 2020 könnten mindestens 40 Prozent des deutschen Stroms aus erneuerbaren Energien stammen. Das zeigt eine Studie des Wirtschaftsministeriums vom Sommer 2010. Veröffentlicht wurde sie klammheimlich Mitte Februar.

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Im Wirtschaftsministerium hatte man sich wohl auf die Studie gefreut. Der Arbeitsauftrag lautete zu untersuchen, wie schnell sich der Ausbau der erneuerbaren Energien vorantreiben lässt, ohne gravierende Probleme zu verursachen. Den Zuschlag erhielten die beiden Institute Consentec und r2b Energy Consulting, die als kompetent und politisch neutral gelten.

Vermutlich erhoffte sich Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP), dass die Antwort negativ für die Erneuerbaren ausfallen würde. Als aber die fachlich aufwändige 277-Seiten-Untersuchung im Juni 2010 vorlag, war das Gegenteil war der Fall.

Die Studie mit dem sperrigen Titel „Voraussetzungen einer optimalen Integration erneuerbarer Energien in das Stromversorgungssystem“ (Download siehe unten) kommt zum Schluss, dass sich bis 2020 etwa 40 Prozent des Stroms in Deutschland ohne gravierende Probleme mit Öko-Strom-Kraftwerken erzeugen lassen – sogar, wenn gleichzeitig die Kernkraftwerke entsprechend des alten Atomausstiegs nach und nach abgeschaltet werden. Die Bundesregierung geht von mindestens 30 Prozent Öko-Strom-Anteil im Jahr 2020 aus, im Energiekonzept vom Herbst werden rund 35 Prozent veranschlagt.

Grün geht auch günstig: Brüderle dürfte diese Botschaft überhaupt nicht gefallen haben. Prinzipiell ist er, was den Ausbau der Erneuerbaren angeht, skeptisch und warnt vor hohen Kosten für Verbraucher und Industrie. Im Sommer 2010 focht er zudem den Streit über die Laufzeitverlängerung mit dem Umweltministerium aus. Brüderle setzte sich durch – auch mit dem Argument, es brauche eine technologische Brücke, bis Erneuerbare die Lücken füllen könnten.

Im Giftschrank verschwunden

Also verschwand die unbequeme Studie in der Schublade. Obwohl sie seit Juni vorliegt, wurde sie vom Ministerium erst am 14. Februar auf der Webseite veröffentlicht – so gut versteckt, dass sie bislang von der Öffentlichkeit überhaupt nicht zur Kenntnis genommen wurde. Beim Ministerium hieß es, die Studie sei „nach endgültigem Abschluss der internen Auswertung“ des Ministeriums ins Netz gestellt worden.

Ein detaillierter Blick in die Ergebnisse zeigt, dass sich viele Schreckensszenarien nicht aufrechterhalten lassen, solange der Ausbau der Öko-Energie bis 2020 lediglich rasch, aber nicht blitzartig vonstattengeht. So heißt es in dem Papier, die Analyse zeige, „dass die Auswirkungen eines EE-Anteils von bis zu 40 Prozent für den konventionellen Kraftwerkspark technisch realisierbar und wirtschaftlich vertretbar sind“. Auch beim Stromnetz werden die Verwerfungen als gering angesehen. Während Brüderle derzeit ständig wiederholt, dass 3600 Kilometer neue Höchstspannungsleitungen nötig seien, veranschlagen die Autoren der Studie bei einem Öko-Strom-Anteil von mehr als 40 Prozent lediglich 250 Kilometer neue Trassen.

Harte Kritik am Minister

Selbst ein Anteil von 50 Prozent Öko-Strom ist laut der Studie schon 2020 machbar – allerdings mit massiven Kostensteigerungen. Consentec und r2b schätzen, dass der Preis pro Kilowattstunde für Haushalte bei einem Öko-Strom-Anteil von 25 Prozent von derzeit 19,3 Cent auf 21,8 Cent im Jahr 2020 steigt. 35 Prozent Öko-Strom-Anteil kämen mit 23,3 Cent nur etwas teurer. 50 Prozent Ökostrom allerdings würden eine Preissteigerung auf 27,96 Cent bedeuten. Die Ausbaukosten für Photovoltaik und Netze schlügen dann stark zu Buche.

In einem alternativen Szenario wurde auch die Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke untersucht. Zwar wird von den Autoren erwartet, dass die Meiler die Strompreise deutlich senken, wenn sie am Netz bleiben. Durch die Laufzeitverlängerung verzögere sich die Anpassung des Stroms. Für die Opposition ist die Studie aus dem Giftschrank eine Steilvorlage. Bärbel Höhn, die Bundestags-Energieexpertin der Grünen, sagte die FR: „Unverständlich ist, warum die Studie nicht bereits letzten Sommer publiziert wurde. Wahrscheinlich sollte sie nicht die Position von Minister Brüderle untergraben.“ Brüderle, so Höhn weiter, leide bei der Energiedebatte häufig an Realitätsverweigerung.

Downloads

„Seit Jahren malt er das Schreckgespenst horrender Preissteigerungen bei einem Ausbau der Erneuerbaren Energien an die Wand. Wenn seine eigene Studie das Gegenteil aufzeigt, werden diese Erkenntnisse einfach ignoriert und stumpf die alten Märchen weiter erzählt.“

Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) sieht sich bestätigt. Die Untersuchung zeige, dass einem schnellen Ausbau der Öko-Energie nichts Wesentliches im Wege stehe. BEE-Geschäftsführer Björn Klusmann sagte: „Die Studie macht deutlich: Um erfolgreich die Erneuerbaren voranzutreiben, brauchen wir nicht erst einen dramatischen und vielleicht kaum realisierbaren Netzausbau.“

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