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Viehfutter: Die Gen-Attacke

Bauern und Futterimporteure streiten mit der EU seit langem für einen laxeren Umgang mit Gen-Futter fürs Vieh. Um den Verbraucherschutz aufzuweichen, scheuen die Landwirte mutmaßlich keine Manipulation. Von Stephan Börnecke

Es gibt immer noch genug gentechnikfreie Ware, um den Viehfutterbedarf der EU zu decken.
Es gibt immer noch genug gentechnikfreie Ware, um den Viehfutterbedarf der EU zu decken.
Foto: ddp

Die Kontamination von Nahrungs- und Futtermitteln mit gentechnisch veränderten, aber hierzulande verbotenen Organismen hält an: Mal greifen die Behörden illegale Gen-Papaya aus Übersee ab, dann finden sie Spuren von in der EU nicht zugelassenem Gen-Mais im Hundefutter, oder sie konfiszieren Import-Honig, weil der unerlaubterweise Gentec-Pollen enthält.

Seit Monaten immer ganz oben auf der Liste: Lebensmittel, die verbotenen Gen-Reis enthalten. Allein sieben Fälle, in denen deutschen, schwedischen und schweizer Verbrauchern die verbotenen Stoffe untergejubelt werden sollten, listet die Organisation Gene Watch UK in ihrem Contamination-Register für die vergangenen acht Wochen auf.

Eiweiß im Trog

Die für Viehfutter heute zentralen Grundstoffe Sojabohnen und Sojaschrot führen die EU-Importliste für Agrargüter an: Für 9,1 Milliarden Euro wird Soja pro Jahr eingeführt, es folgen Kaffee mit 4,6 und Bananen mit 2, 8 Milliarden Euro.

Mehr als die Hälfte des verfütterten Eiweißes stammt aus Soja, die andere Hälfte kommt zu großen Teilen als Nebenprodukt aus der Rapsölherstellung. Der Anbau heimischer Eiweißpflanzen wie Erbsen, Lupinen oder Ackerbohnen (Leguminosen) wurde durch billiges Soja verdrängt. Die Folge: Die heimischen Eiweißpflanzen wurden "züchterisch vernachlässigt". Zudem ging Tiermehl als Eiweißquelle verloren: Dies wurde wegen des BSE-Skandals verboten.

Der Erbsenanbau sank von 2001 bis 2008 von 163.000 auf 48.000 Hektar, bei Bohnen und Lupinen hat er sich halbiert. Der Anbau konzentriert sich heute auf Biohöfe, die solche Leguminosen zur Stickstoffanreicherung benötigen. Da seit diesem Jahr Prämien von bis zu 150 Euro je Hektar für den Anbau von pflanzlichen Eiweißträgern gezahlt werden, rechnet der Bauernverband wieder mit einer wachsenden Eigenversorgung.

Soja-Importeure trennen meist nicht zwischen Gen- und gentechnikfreiem Soja. Futterhändler wie Josef Feilmeier rechnen vor, dass in Brasilien und anderen Ländern immer noch genug gentechnikfreies Soja angebaut werde, um den EU-Bedarf zu decken.

Bauern mögen solche Vorkommnisse als vernachlässigbar ansehen, denn sie streiten seit langem für die Duldung illegaler Gen-Partikel im Viehfutter sofern es sich um Spuren handelt.

Aktuell aufgeschreckt hat die deutschen Schweinezüchter, die europäischen Futtermittelhersteller und den Bauernverband ein spezieller Fall: Danach hatten deutsche Überwachungsbehörden via EU-Schnellwarn-System am 5. Juni und dann ein weiteres Mal am 9. Juli mitgeteilt, dass sie in Ladungen mit Sojamehl Spuren des in der EU nicht zugelassenen Mais der Linie Mon 88017 des US-Agrarmultis Monsanto gefunden hatten.

Weitere Meldungen aus diesem Zeitraum betrafen Gen-Mais des Syngenta-Konzerns, den man verbotenerweise im Haustierfutter analysierte. Doch: Wie kam der Gen-Mais ins (sogar ausgelieferte und vermutlich längst verfütterte) Sojamehl, das in der EU in aller Regel im Trog von Schwein, Rind oder Huhn als Eiweißfutter landet?

Beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit vermutet Sprecher Andreas Tief, dass "Stäube bei der Verarbeitung" etwa im Futterwerk oder Vermengen im Frachter auf See, etwa durch unzureichend gesäuberte Container, eine Vermischung verursacht haben könnten. Von unbeabsichtigter "Verschleppung" spricht der Bauernverband.

Daran aber haben Kritiker wie der niederbayerische Futtermittelhändler Josef Feilmeier "berechtigte Zweifel". Es könnte sogar "Absicht" dahinter stecken, werde in Händlerkreisen diskutiert. Grund: Von der verunreinigten Soja-Mais-Charge sei bereits die Rede gewesen, als die in Europa noch gar nicht angekommen war.

Ziel einer absichtlichen Vermischung könnte sein, in der EU einen laxeren Umgang mit dem Gen-Futter durchzusetzen, vermutet Feilmeier.

Denn statt für eine saubere Trennung zu sorgen und damit auch den Import gentechnikfreier Ware zu garantieren, verlangen die Agrarlobbyisten seit langem eine Abschaffung der in der EU geltenden Null-Toleranz und damit die Aufweichung des Umwelt- und Verbraucherschutzes. Noch sind nach dieser Vorgabe Nahrungs- und Futtermittel illegal, auch wenn sie nur in Spuren in der EU nicht zugelassene, gentechnisch veränderte Organismen enthalten.

Bauern, vor allem Schweinehalter, fürchten, dass ihnen das eiweißreiche Futter ausgeht, wenn in Amerika mehr und mehr in der EU nicht erlaubte Gen-Pflanzen angebaut werden, die dann in Mühlen oder Frachtern legale Ware verunreinigen könnten.

Er fürchte, sagt der Generalsekretär des Bauernverbands, Helmut Born, zur Frankfurter Rundschau, dass wegen der Zunahme des Anbaus von Gen-Mais und Gen-Soja sich solche Substanzen immer öfter in Überseelieferungen befinden. Born wirbt deshalb für eine statthafte Marge von 0,1 Prozent für Organismen, die in der EU die Umwelt- und Gesundheitsprüfung nicht durchlaufen haben.

Bisher blieben mehrere, zum Teil am Parlament vorbei unternommene Versuche der EU, die Null-Toleranz abzuschaffen oder aufzuweichen, ohne Erfolg. Stattdessen kam im Winter überraschend schnell die Zulassung der EU-Kommission für Gen-Soja der zweiten Generation, das in Amerika angebaut werden soll.

Unter den EU-Agrarministern, die sich in Gentechnik-Fragen stets uneins sind, hatte es zuvor keine qualifizierte Mehrheit dafür gegeben. Doch die Soja-Legalisierung hat die Problemlösung womöglich nur vertagt: Wegen des Mais-Funds intervenierte EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel, freilich nicht im Sinne des Verbraucherschutzes: Sie fordert das Ende der Null-Toleranz.

Weil das Eiweißfutter andernfalls knapp werden könnte, müsste die EU am Ende mehr Fleisch importieren, behauptet die Dänin.

Autor:  Stephan Börnecke
Datum:  3 | 8 | 2009
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