Es wird vor allem Frauen treffen, die oft jahrzehntelang für Hertie hinter dem Verkaufstresen gestanden haben: Die am Mittwoch besiegelte Insolvenz der Kaufhauskette wird 2800 Menschen den Job kosten. "Wir haben kaum Hoffnungen, dass die Beschäftigten übernommen werden könnten", sagt die Sprecherin des Verdi-Bundesvorstandes, Cornelia Haß, der Frankfurter Rundschau. Meist hätten die Verkäuferinnen eine Familie zu versorgen und könnten nun nicht landesweit nach einem neuen Job suchen.
So flossen am Tag des besiegelten Endes häufig Tränen in der Belegschaft. Sie hatte vor wenigen Wochen noch einmal Hoffnung geschöpft, als eine unbekannte internationale Investorengruppe den Erhalt aller 54 Häuser und aller Arbeitsplätze versprach. Das war wohl etwas voreilig - denn die Mieten der Immobilien mit dem britischen Eigentümer Dawnay Day waren zu diesem Zeitpunkt noch längst nicht ausgehandelt.
Oscar Tietz eröffnete 1882 in Gera ein Geschäft für Garn, Knöpfe und Wolle. Kapital- und Namensgeber der Firma war sein Onkel Hermann Tietz.
Die Nazis verbaten den jüdischen Namen als Bezeichnung der Kaufhauskette. Ab 1935 firmierte das Unternehmen unter dem Kürzel Hertie.1993 über- nahm der Karstadt Hertie. Nahezu alle Filialen wurden in Karstadt umbenannt. 2005 kauften britische Finanzinvestoren 74 kleinere Filialen, die wieder den Namen Hertie erhielten.
Alleiniger Hertie-Gesellschafter ist derzeit die niederländische Mercatoria Acquisitions (MABV). Sie gehört zu 13,3 Prozent der US-Firma Hilco und zu 86,7 Prozent der britischen Dawnay Day Mercatoria Acquisitions, die den Ex-Bossen Guy Naggar und Petter Klimt und sieben Privatpersonen gehört. Von den 54 Hertie-Immobilien besitzt MABV 40 Läden, der frühere Dawnay-Day-Partner Treveria zehn Geschäfte und weitere Gesellschaften die vier übrigen Häuser.
Die angeblich zu hohen Mietforderungen stehen nun im Mittelpunkt des Streits zwischen Insolvenzverwalter Dietmar Bähr und der Finanzgruppe. "Die Eigentümer waren nur daran interessiert, die Immobilien leer zu bekommen, um sie anschließend besser vermarkten zu können", sagte Bähr. Dawnay Day sei nicht bereit gewesen, sich marktübliche Mieten zu einigen. "Ich hätte Bill Gates als Investor präsentieren können, Dawnay Day hätte sich dennoch nicht bewegt", sagte der Insolvenzverwalter auf einer fünfstündigen Betriebsversammlung am Mittwoch. Nun sei der Punkt erreicht, an dem ein Insolvenzverwalter im Interesse der 4500 Gläubiger Konsequenzen ziehen müsse, sagte Bähr.
Der Berliner Anwalt von Dawnay Day weist die Vorwürfe zurück. "Wir haben mehr als das Doppelte der vereinbarten Mieten investiert", sagte Detlev Stoecker der FR. Schon seit Mai 2008 zahle Hertie keine Miete mehr, würde sogar die Dawnay Day zustehenden Untermieten von Parkhäusern oder Supermärkten einbehalten.
Die aktuellen Verhandlungen mit der Investorengruppe seien an fehlenden Zusagen gescheitert. "Wir waren bereit, je nach Standort bis zu ein Drittel der bisherigen Miete zu erlassen und sie am Umsatz zu orientieren", so Stoecker. Doch die Investoren seien noch nicht einmal bereit gewesen, eine Mindestmiete zu vereinbaren. Es handelte sich "um nebulöse Interessenten, die jedes persönliche Treffen haben platzen lassen".
"Die angekündigte Schließung ist für die Beschäftigten und die Städte ein schwerer Schlag", sagt Stephan Articus, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages. Warenhäuser seien Magneten für die Innenstädte. "Die betroffenen Städte erwarten deshalb von den britischen Eigentümern von Hertie, dass sie neue Mieter finden, um Arbeitsplätze zu retten und die jetzt entstehende Lücke im Einzelhandel sinnvoll zu schließen." Viele Filialen der Kette liegen in kleineren Städten.
Ob dies gelingt - auch darüber sind sich Eigentümer und Insolvenzverwalter uneins. Laut Bähr wird es nun noch schwerer, die Immobilien zu verkaufen. Anwalt Stoecker hingegen ist sicher, dass "mit dem Ende des Trauerspiels das Interesse von seriösen Investoren schlagartig steigen wird."
Die Beschäftigten können nur auf den Sozialplan hoffen, den der Gesamtbetriebsrat mit Insolvenzverwalter Bähr aushandelt. "Die Handelsverbände müssen sich nun mit den Gewerkschaften und der betroffenen Stadt an einen Tisch setzen, um für die Beschäftigten eine Zukunft zu finden", fordert der Berliner Bezirksgeschäftsführer von Verdi, Roland Tremper, der zugleich Mitglied im Hertie-Aufsichtsrat ist. Er glaubt, die Gebäude würden von anderen Investoren, nicht aber von Warenhäusern aufgekauft. "Wir müssen nun Haus für Haus um eine neue Nutzung kämpfen."
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