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Warnstreiks im Öffentlichen Dienst: Glückstag für Taxifahrer

Warnstreiks stören in Hessen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und im Saarland das öffentliche Leben. Die Bürger nehmen es überwiegend gelassen. Auch in Frankfurt. Von unseren Autoren

Angestellte streiken für ein Plus von fünf Prozent.
Angestellte streiken für ein Plus von fünf Prozent.
Foto: Arnold

Tolga Yildiz macht sich am Freitag recht früh auf den Weg nach Frankfurt. Es ist kein Tag wie jeder andere für den 23 Jahre alten Wiesbadener. Gut möglich, dass an diesem Tag die Weichen im Leben des jungen Mannes gestellt werden. Yildiz, der Medienmanagement studiert, will in den Frankfurter Norden, um dort ein Praktikum anzutreten.

Jetzt geht er hinab zur Haltestelle, wo die U4 und die U5 im Fünf-Minuten-Takt abfahren. Aber der Bahnsteig ist leer, die Gleise verlassen. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat an diesem Tag die Weichen gestellt - aber nicht im Sinne von Yildiz. Verdi hat U-Bahn-, Straßenbahn- und manche Busfahrer zum Warnstreik aufgerufen. "Ich hab´ kein Auto und bin auf S- und U-Bahn angewiesen", sagt Yildiz, der nun ein bisschen die Ruhe verliert. "Jetzt kommt´s drauf an, wie der Chef reagiert." Anrufen will er, sagen, dass es später wird und dann ins Taxi steigen.

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Deutschlands Pendlerhauptstadt hat an diesem Freitag ein Problem: Wo auf einen Einwohner fast ein Pendler kommt, weil täglich 600.000 Menschen in die Stadt strömen, kann der Ausfall von U- und Straßenbahnen fatale Folgen haben. Das merkt auch Erdan Kökyök, der "in der Gastronomie" in Frankfurts Rotlichtviertel arbeitet. Seine Nachtschicht hat er gerade beendet, jetzt will er nach Preungesheim. "Für die, die jetzt Feierabend haben, ist das nicht gut", sagt der 31-Jährige, als ihm bewusst wird, dass es mit der U-Bahn nichts wird. "Da muss ich mir ein Taxi nehmen", sagt er.

Von mehr als einer halben Million Personenfahrten, die täglich von U-Bahn, Straßenbahn und Bus geleistet werden, fallen mehr als 80 Prozent aus. Von chaotischen Verhältnissen ist dennoch nichts zu sehen. Die Nahverkehrsgesellschaften haben Pendler rechtzeitig auf den Streik hingewiesen, an den Haltestellen kleben Plakate. Lediglich die Einfallstraßen sind verstopfter als üblich, mehr Pendler als sonst nehmen am Freitag das Auto.

Warnstreiks beginnen im öffentlichen Dienst

Bildergalerie ( 8 Bilder )

Streik im Nahverkehr - Beispiel Frankfurt

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Aber die Streikwarnungen haben nicht alle Kunden des Öffentlichen Nahverkehrs erreicht. Bela Godo muss zu einer ambulanten Operation in die Uniklinik, um 8.30 Uhr soll das Messer angesetzt werden, aber nun steht der 74-Jährige am Buchrainplatz in Frankfurts östlichstem Stadtteil Oberrad. Die Linie 16 verkehrt an diesem Tag nicht, und Godo hat nicht genügend Geld dabei, um sich ein Taxi nehmen zu können. "Ich hab´ lange an der Haltestelle gestanden, bis ich draufgekommen bin, dass gestreikt wird", sagt der 74-Jährige. Jetzt will er zurück in die Wohnung, Geld holen, und dann in die Klinik fahren.

Auch Frankfurts Kultur ist vom Streik betroffen. Am Freitagabend kann die Oper "Mefistofele" an den städtischen Bühnen nur konzertant aufgeführt werden. Die "Drei Schwestern" im Schauspielhaus und "Das blaue blaue Meer" in den Kammerspielen werden aus dem Spielplan genommen. 250 Beschäftigte der städtischen Bühnen beteiligen sich nach Angaben des Betriebsrats an einer Kundgebung und einem Demonstrationszug, der vom Frankfurter Gewerkschaftshaus zum Theater- und Opernhaus führt. Insgesamt marschieren rund 1500 Demonstranten mit.

Stanislas Heubel, angehender Bühnentechniker, macht auf die Situation der Auszubildenden im öffentlichen Dienst aufmerksam. "Wir wollen eine Übernahmegarantie von mindestens 14 Monaten und 100 Euro mehr im Monat - sonst knallt es." Und tatsächlich zerbirst ein Luftballon mit lautem Knall, es steigt Rauch auf: Der junge Mann scheint sein Handwerk schon zu beherrschen.

Zur zentralen Kundgebung mit Verdi-Chef Frank Bsirske in Kassel sind am Freitag nach Schätzungen der Gewerkschaft rund 2000 Beschäftigte gekommen. Krankenschwestern, Stadtwerker, Erzieherinnen und Verwaltungsangestellte singen ihre Forderungen heraus. "Für gute Arbeit fünf Prozent, der de Mazière, ich glaub´ der pennt."

Bsirske wettert: "Euch und uns allen bieten die Arbeitgeber im Moment nur eine Melodie: Kein Geld, keine Bereitschaft, sich zu bewegen - Krise halt." Und er führt aus, was wohl alle auf dem Rathausplatz so sehen: Gerade jetzt müssten Löhne steigen. Dieses Geld flösse direkt in den Konsum, stärkere Binnennachfrage würde die Wirtschaft ankurbeln. Bsirske weiß auch, wo das Geld herkommen soll. Er geißelt Milliardengeschenke an Hoteliers und reiche Erben.

Er prangert "organisierte Unterbesetzung" offener Stellen für Betriebsprüfer und Steuerfahnder an. Er kritisiert, bei der Besteuerung von Kapitalvermögen liege Deutschland "weit unter dem Durchschnitt der alten EU-Länder." All das fechte die Arbeitgeber aber nicht an, "weil da im Hintergrund Leute den Takt schlagen, die auf Entstaatlichung setzen".

Nicht nur Banken seien systemrelevant, schreibt auch ein Blogger auf der Verdi-Seite. Denn ohne die Angestellten im öffentlichen Dienst "geht in unserem Lande gar nichts mehr". Zumindest nicht so bequem.

Lesen Sie auf den folgenden Seiten, wer im öffentlichen Dienst wofür streikt.

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Autor:  Jürgen Schultheis, Friederike Tinnappel und Katja Schmidt
Datum:  6 | 2 | 2010
Seiten:  1 2 3 4 5
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