Nicht nur die Weltwirtschaft steckt in der Krise, sondern auch die Wirtschaftswissenschaften. Wer nach neuen Ansätzen Ausschau hält, wird in dem Buch mit dem provozierenden Titel "Der gute Kapitalismus" fündig.
Es ist das erste Krisenbewältigungsbuch, das die Handschrift der deutschen Post-Keynesianer trägt. Post-Keynesianer sind die wachsende Truppe von Ökonomen, die sich nie mit dem Keynesianismus abgefunden haben, der nach dem Weltkrieg die Ideen von John Maynard Keynes mit jenen der Neoklassik zur sogenannten neoklassischen Synthese verschmolzen hat. Während sich Generationen von Volkswirten mit dem berühmten IS/LM-Diagramm quälten, gingen die Post-Keynesianer auf die Suche nach sozialen Normen und Regeln wie der Herdentrieb begrenzt, die Spekulation eingedämmt und die Unsicherheit verringert werden kann.
Sebastian Dullien, Autor des Buches "Der gute Kapitalismus" und Professor an der HTW Berlin, kommt zur FR.
Am Mittwoch, 2. Dezember, diskutiert Dullien mit Wolfgang Rhode, Vorstandsmitglied der IG Metall, und Dirk Schumacher, Chefvolkswirt Deutschland bei Goldman Sachs, die Thesen und Vorschläge des Buches. Moderation: Robert von Heusinger.
Im FR-Depot, Karl-Gerold-Platz 1 in Frankfurt findet die Veranstaltung statt. Einlass ab 18 Uhr, Beginn um 18.30. Der Eintritt ist frei. (fr)
Wer die Analyse und Vorschläge der Ökonomen Sebastian Dullien, Hansjörg Herr und Christian Kellermann liest, muss vom alten Denken Abstand nehmen können. Denn bei den Post-Keynesianern stehen nicht alle Märkte neben einander und räumen sich parallel über den Preis. Bei ihnen gibt es eine sehr plausible Hierarchie. Ganz oben steht der Vermögensmarkt, wo Geld angelegt, zugeführt und gehandelt wird. Hier wird das Produktionsniveau der Volkswirtschaft bestimmt, was wiederum den Arbeitseinsatz definiert. Schlichte Lohnsenkungen etwa helfen deshalb nicht, die Arbeitslosigkeit zu reduzieren, den Arbeitsmarkt ins Gleichgewicht zu bringen. Apropos Gleichgewicht: Dieses Konstrukt kennen Post-Keynesianer nicht.
Um Enttäuschungen vorzubeugen: Es ist kein Buch, das linke Heilsversprechen macht. Im Gegenteil: Stabile Preise sind genauso wichtig wie eine Staatsverschuldung, die nicht ausufert, oder Löhne, die nur so stark steigen, wie es die gesamtwirtschaftliche Produktivität zuzüglich Zielinflation erlaubt. Genau wie Keynes selber rütteln Dullien, Herr und Kellermann nicht am Kapitalismus. Sie zeigen nur, wie er viel besser funktionieren kann, wenn er klug reguliert ist.
Dazu gehört die Rückkehr zu einem stabilen Wechselkurssystem mit einem Regelwerk für Anpassungen bei Leistungsbilanz-Ungleichgewichten genauso wie eine stärkere Koordinierung der Wirtschaftspolitik auf Welt- und EU-Ebene. Gesetzliche Mindestlöhne braucht der "gute Kapitalismus" ebenso wie die Stärkung des Flächentarifvertrages.
Wer über die Zukunft des Kapitalismus debattieren möchte, kommt an dem Buch nicht vorbei.
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