Surma und Mursi kennen keinen Schmerz – zumindest zeigen sie ihn nicht. Einmal im Jahr treffen sich Dutzende Angehörige der beiden Stämme zum Donga, einem brutalen Kampf mit gut zwei Meter langen Holzstangen. Schnelligkeit und Stärke der Kämpfer machen die durch die Luft wirbelnden Stangen zu gefährlichen Waffen. Auch nach blutigen Treffern kämpfen Männer weiter bis zur totalen Erschöpfung. Das Ritual ist vermutlich Jahrhunderte alt und Teil der Traditionen, die das Leben am Unterlauf des Omo im Süden Äthiopiens bestimmen.
Den meisten Surma und Mursi erscheint Äthopien wie ein fernes Land. Doch die Politik der Regierung betrifft auch sie: Ausgerechnet am Omo will sie eines der monströsesten Bauwerke errichten, das Afrika je gesehn hat. 240 Meter soll die Staumauer von Gibe III in den Himmel ragen. Der Stausee, der sich dahinter erstreckt, soll 151 Kilometer lang sein und 11,75 Milliarden Kubikmeter Wasser fassen. Mindestens zwei Jahre wird es dauern, bis der Omo das Reservoir aufgefüllt haben wird. 1870 Megawatt Strom sollen erzeugt werden. Äthiopien würde seine Stromproduktion auf einen Schlag verdoppeln.
Die Vereinten Nationen verpflichteten sich zur Jahrtausendwende, die Lebensbedingungen der Weltbevölkerung bis 2015 grundlegend zu verbessern.
Ökologische Nachhaltigkeit heißt das siebte der acht Millenniumsziele. Die Vernichtung fruchtbarer Böden, von Flora und Fauna sollen gestoppt werden. Die Zahl der Menschen, die keinen Zugang zu Trinkwasser haben, soll halbiert werden - von 65 auf 32 Prozent.
Wirtschaftswachstum ohne Bedrohung der Naturressourcen - dazu soll das Nachhaltigkeitsziel beitragen. Ob das funktioniert, wird unter anderem an folgenden Kriterien überprüft: Anteil der Waldflächen weltweit, CO2-Ausstoß pro Kopf, Anteil der Menschen mit besserer Wasser- und Sanitärversorgung.
Ein Millenniumsgipfel in New York zieht vom 20. bis 22. September Zwischenbilanz.
Die Frankfurter Rundschau stellt in einer Serie positive und negative Beispiele vor: Projekte, die erfolgreich sind und solche, die die Einhaltung der UNMillenniumsziele gefährden - wie der Staudammbau in Äthiopien.
Die Regierung feiert das Mammutprojekt als wichtigen Entwicklungsschritt für eines der ärmsten Länder der Welt. „Wir brauchen den Gibe-III-Damm, um unseren Strombedarf zu decken“, erklärt der äthiopische UN-Botschafter Yoseph Kassaye. Wie, so fragen Regierungsvertreter, soll das Land denn ohne Energie die UN-Millenniumsziele erreichen? Tewolde Egziabher, Chef der staatlichen Umweltbehörde, versichert: „Die Vorteile für unser Land, die Bevölkerung und unsere Nachbarstaaten überwiegen bei weitem die kleinen Problemchen, die kurzzeitig auftreten werden.“ Bringt Gibe III also nachhaltige Entwicklung, wie sie das siebte Millenniumsziel propagiert?
Manche, allen voran Äthiopiens Regierung, sagen: ja. Wasserkraft sei eine klimafreundliche Energiequelle. Der Stausee könne als Reservoir für Trinkwasser dienen. Kritiker sagen: nein. Wirtschaftliche Interessen stünden klar im Vordergrund, Umwelt- und soziale Fragen würden vernachlässigt.
Umweltschützer, die das Milliardenprojekt untersucht haben, kommen zu einem vernichtenden Ergebnis. Empfindliche Ökosysteme würden unter Druck gesetzt, warnt der Direktor der Umweltschutzorganisation Rivers International, Peter Bosshard. „Der Damm wird Hunger verursachen und Konflikte unter den gut 500000 betroffenen Bewohnern schüren.“ Bauern und nomadische Viehhirten sind vom Omo-Wasser abhängig. Streit um das knappe Gut könnte schnell tödlich enden: Surma und Mursi ziehen stets schwer bewaffnet umher. Fast jeder der ansonsten unbekleideten Nomaden trägt an einem Lederband eine Kalaschnikow auf dem Rücken.
Elizabeth Hunter von der Menschenrechtsorganisation Survival International geht noch weiter. Sie fürchtet um das Überleben der Surma und Mursi. „Bisher warten sie, bis nach der Regenzeit im September das angeschwollene Flusswasser zurückgeht“, erklärt Hunter ihre Anbauweise. „Auf dem fruchtbaren Flussschlamm pflanzen sie Hirse und Bananen.“ Wenn der Damm fertig ist, gibt es keinen Flussschlamm mehr. „Dann sind sie nicht länger Selbstversorger, sondern werden auf Nahrungshilfe angewiesen sein.“
Nur jeder zehnte Äthiopier hat Zugang zu Strom
Unklar ist auch, wie der umstrittene Damm Äthiopien bei der Entwicklung helfen soll. Nur jeder zehnte Äthiopier hat Zugang zu Strom, die meisten davon in der Hauptstadt Addis Abeba. Am Omo haben die Menschen nicht einmal feste Häuser, geschweige denn Elektrizität. Auch kann der von Gibe III erzeugte Strom noch nicht ins Netz eingespeist werden, denn bis dorthin, wo der Damm gebaut wird, reicht noch keine Hochspannungsleitung. Wann eine kommt, ist ungewiss. So soll die Hälfte der erzeugten Energie exportiert werden. Doch jenseits der Grenze in Kenia steht der nächste Strommast mehr als 700 Kilometer entfernt.
Auch in Kenia hat man Angst vor dem Mammutprojekt. Der Fischer Gideon Lepalo gehört zu den gut 300000 Menschen, die rund um den Turkanasee leben. Lepalos jadegrüne Heimat ist der größte Wüstensee der Welt. Gespeist wird er zu mehr als 90 Prozent vom Omo – noch. Wenn derDamm gebaut ist, besagt eine Studie, wird so wenig Wasser in den Turkanasee fließen, dass der Pegel um zehn bis zwölf Meter sinkt. „Der See ist an der tiefsten Stelle gerade 31 Meter tief, das wäre eine Katastrophe“, warnt Lepalo. Im Wasser gelöste Salze würden sich konzentrieren, die Folge wäre ein Fischsterben riesigen Ausmaßes. „In Kalokol am Westufer sehen wir die Auswirkung der beiden anderen Omo-Dämme“, sagt Lepalo, der die Bürgerbewegung „Rettet den Turkana-See“ leitet. „Früher lag Kalokol direkt am Ufer, inzwischen hat der See sich drei Kilometer zurückgezogen.“
Nur einen Hoffnungsschimmer sieht Lepalo: dass Äthiopien das Geld ausgeht. Ein Kredit aus China deckt nur ein Viertel der auf 1,6 Milliarden Euro geschätzten Kosten. Die Europäische Investitionsbank, ihr afrikanisches Pendant und Italien überlegen noch, ob sie einsteigen. Lepalo hofft, dass Investoren abspringen, wenn Bürgerrechtler die Folgen des Projekts publik machen. Druck will er auch auf Kenias Regierung ausüben, die Interesse zeigt, Strom von Gibe III zu kaufen. „Die Politiker in Nairobi sollen sich um die Alternative kümmern.“
Die Alternative, das ist ein Windpark, der 300 Megawatt Strom erzeugen soll und nicht weit vom Turkanasee gebaut wird. Doch Kenias Regierung beäugt die alternative Energiequelle mit Skepsis. Lepalo ist besorgt. „Schon jetzt kämpfen die Stämme im Grenzgebiet von Kenia, Äthiopien und Südsudan in jeder Trockenzeit miteinander“, sagt der Aktivist. „Wenn der Turkanasee versiegt, wird das einen ausgewachsenen Krieg über die Grenzen hinweg auslösen.“
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