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Weg von der Einheitsbrause

Deutschlands Brauer wollen mit Edelbieren ihr Image aufbessern / Gerstensaft in Champagnerflaschen

Teure Edelsorten in Champagnerflaschen sollen das marode Image des Bieres aufpolieren. Deutsche Brauer haben den Nobel-Trend für sich entdeckt. Selbst der hiesige Marktführer Radeberger, der eher für Massenbiere steht, mischt in der gehobenen Klasse mit. Der Konzern hat eine noble Tochter: die Edelbier-Vertriebs Braumanufacturen mit Sitz in Frankfurt.

Marc Rauschmann ist Geschäftsführer der Braumanufacturen. 24 importierte Edelbiere, preislich bis zu 30 Euro die Flasche, bietet er an. Dazu kommen acht in Deutschland gebraute Sorten. „Wir glauben an einen Trend zu höherwertigen Lebensmitteln“, sagt Rauschmann. Bei der Konzern-Mutter gibt man dem Trend zumindest eine Chance. „Warten wir es ab“, sagt eine Radeberg-Sprecherin. Der Verbraucher werde entscheiden.

Bier ist billig. Jahrelange Preisschlachten haben dem Image von Gerstensaft in Deutschland schwer zugesetzt und ihn im Ringen der Discounter in die Nähe eines Ramschartikels manövriert. „Einheitsbrause“ nennt Sommelier Rüdiger Meyer die gängige Massenware und glaubt mit Edelbier ein Rezept zu kennen, mit dem der gute Ruf deutschen Gerstensafts wiederbelebt wird.

Neumodische Edelbiere haben Namen wie Hopfen-Fluch, 1598 oder Jacobsen Vintage 3, sie werden bisweilen in Champagnerflaschen abgefüllt, verkorkt und kosten bis zu 250 Euro pro Pulle. Sie werden mal unter Zusatz von Haferflocken gebraut, mal mit Schokolade und sollen Biertrinker zu Gourmets machen.

Der Trend kommt aus den USA und hat auch europäische Länder wie Belgien, Italien oder Großbritannien erfasst. Georg Drexler kennt sich aus. Er ist Bier-Experte beim weltgrößten Hopfenhändler Barth. In den USA seien 2009 neun Millionen Barrel (117 Liter) Edelbier gebraut worden, das sind fünf Prozent des Gesamtausstoßes. Wertmäßig liegt der Marktanteil wegen Preisen von im Schnitt fünf Euro für 0,33 Liter deutlich höher.

Craft-Brewer nennt sich die US-Edelbierszene. Sie sehen sich als Brauer, die ihren Beruf als Handwerk verstehen und sich nicht nur im Preis von Massenbieren absetzen. „Craft-Brewer haben zweistellige Zuwächse“, sagt Drexler. Im ersten Halbjahr 2010 seien in den USA mengenmäßig zwölf Prozent mehr Edelbiere verkauft worden.

Sie sind teils deutlich stärker als herkömmliche Biere, verwenden teueren Aromahopfen und Spezialhefe. In einem aufwendigen Verfahren werden sie in der Regel mehrfach vergoren und manchmal jahrelang gelagert, erklären Experten. In Deutschland zählt das Fürstliche Brauhaus Wallerstein zu den Vorreitern beim Gourmet-Bier. 1598 heißt der neun Prozent starke Edeltrunk der kleinen bayerischen Brauerei. Gerade wird der dritte Jahrgang eingebraut, 8000 Flaschen, die in Delikatessläden 60 bis 80 Euro und in der Edelgastronomie bis zu 150 Euro die Champagnerflasche kosten. 1598 gilt als das teuerste in Deutschland gebraute Bier.

Sommelier Meyer berät das Fürstenhaus. Ausländische Bierbrauer haben beim Edelbier noch die Nase vorn, weil das deutsche Reinheitsgebot beim Experimentieren mit dem Gerstensaft hinderlich sei, sagt er. Viele heimische Braumeister seien deshalb ins Ausland gegangen, hätten dort „sensationelle Biere“ entwickelt.

Mancher Geschmack sei für deutsche Zungen schon gewöhnungsbedürftig, räumt der Bier-Kenner ein. Wenn etwa wie bei einem belgischen Bier einem Liter Gerstensaft 400 Gramm Kirschen beigemischt werden, sei das dann eher ein Aperitif. Andere Edelbiere schmecken ähnlich wie Sherry. „Es gibt Extreme“, räumt Meyer ein. Bei vielen Edelbieren werden aber nur alte, in Vergessenheit geratene Rezepte wiederbelebt. Und die schmecken anders, aber bierig. Beim Deutschen Brauerbund steht man hinter der Edelbier-Idee. In Deutschland werde pro Kopf immer weniger Bier getrunken und ein neuer Qualitätsgedanke sei ein lange vernachlässigter Weg, die Geschäfte wieder anzukurbeln, sagt ein Verbandssprecher. Das Aufkommen von Bier-Sommeliers passe dazu. So habe die Kehlheimer Weißbierbrauerei Schneider ihr Vertriebsteam zu solchen Sommeliers ausbilden lassen. Deutsches Bier brauche jetzt derartige Querdenker und Vorreiter.

Autor:  Thomas Magenheim
Datum:  11 | 10 | 2010
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