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20. Januar 2016

Weltwirtschaftsforum in Davos: Die Versprechen der digitalen Revolution

 Von Hannes Koch
Oh du schöne, neue Welt: Teilnehmer des Wirtschaftsforums probieren Virtual-Reality-Brillen aus.  Foto: dpa

Produktiver, gesünder und länger leben? Auf dem Forum der Weltwirtschaft in Davos entwerfen Konzernchefs eine wunderbare Welt – doch Kritiker zweifeln.

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Davos –  

Das Mädchen lebt auf einer indonesischen Insel. Dann kommt der große Sturm und zerstört die Fähre, die die Schülerin bislang zur Schule aufs Festland gebracht hat. Diese Geschichte erzählt Facebook-Chefin Sheryl Sandberg. In rotem Kleid und roten Pumps sitzt sie vor der blauen Wand mit der Aufschrift „Weltwirtschaftsforum“. Hier findet die Eröffnungsdebatte am ersten Tag des diesjährigen Manager-Gipfels von Davos statt.

Sandberg bringt ihre Story zu Ende: Weil die Familie des indonesischen Mädchens einen Internetanschluss hat, kann die Schülerin mit Online-Kursen die Zeit überbrücken, bis die Fähre zur Schule wieder fährt. Ob sich diese Geschichte wirklich so zugetragen hat, ist egal. Wichtig ist das Versprechen, das Sandberg sendet. Sie selbst formuliert es so: „Heute haben vier Milliarden Menschen auf der Welt keinen Internetanschluss. Bekommen sie einen, wird ihr Leben produktiver, gesünder und länger.“

Das offizielle Motto des Weltwirtschaftsforums 2016 (WEF) im Kongresszentrum des Schweizer Bergorts lautet „die vierte industrielle Revolution gestalten“. Dieser Begriff beschreibt den gegenwärtig stattfindenden technologischen Sprung, darunter die Leistungssteigerung des Internets. Die Manager, Politiker und Wissenschaftler diskutieren die Veränderungen, die die Digitalisierung in den kommenden Jahrzehnten mit sich bringen könnte.

Satya Nadella, der Vorstandsvorsitzende von Microsoft, nennt ein Beispiel: Wenn den Banken, Versicherungen und Verwaltungen mehr Daten über die Bürger zur Verfügung stehen, werde das auf jeden Fall den Menschen dienen, die bisher von Wohlstand ausgeschlossen seien, sagt er. Künftig sei es möglich, mit geringem Aufwand Kreditratings auch für Menschen mit sehr wenig Geld zu berechnen – und ihnen damit Zugang zu Kredit und möglicherweise sozialem Aufstieg zu geben.

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Paul Kagame, der Staatspräsident von Ruanda, springt auf diesen Zug auf. Zehntausende Menschen in seinem Land würden neuerdings mit Solaranlagen ausgerüstet, weil die Anbieter ihre neuen Kunden erst dank der Kombination aus Mobilfunk und Internet erreichen, überwachen und abrechnen könnten.

Welche Möglichkeiten das Internet später mit sich bringen mag, kann man sich als normaler Bürger vielleicht noch vorstellen. Kaum aber das, was die weltweiten Technologieexperten, die das WEF unlängst mit einer Studie befragte, schon bald für Alltag zu halten scheinen. So soll es in grob geschätzt zehn Jahren machbar sein, menschliche Organe, beispielsweise Lebern, im Verfahren des 3D-Drucks zu produzieren und dann zu transplantieren. Angeblich haben chinesische Ärzte bereits vergangenes Jahr einem Jungen eine 3D-produzierte Rippe eingepflanzt.

Bei der WEF-Podiumsdiskussion zur „digitalen Transformation der Industrie“ erkärt Bernard Tyson, Chef der US-Gesundheits- und Krankenversicherungsfirma Kaiser Permanente, auf welches Pferd er setzt. Millionenfach habe man mittlerweile das Modell des „E-Visits“ ausprobiert – Patienten besuchen ihren Arzt dabei per Video-Übertragung vom Smartphone oder Tablet. „Die Leute lieben es“, so Tyson, schließlich könne man den Arztbesuch dann mal eben in den Büroalltag einschieben.

Klar: Die Produktivität der Ärzte steigt, sie können mehr Patienten pro Tag beraten. Aber wird die Behandlung dadurch besser, geht die Heilung schneller? Erscheint auf dem Videobildschirm bald nur noch das Standbild des Arztes, weil der Praxiscomputer die Therapie eigenständig zusammenstellt? Schließlich sollen die nötigen Patientendaten später automatisch von unserer computerisierten Kleidung an den Hausarzt gesendet werden. Und braucht unsere Gesellschaft dann weniger Ärzte?

„Aber natürlich benötigen wir auch in Zukunft noch Ärzte“, ruft Gesundheitsmanager Tyson ins Publikum, aufgrund der modernen Technologien könnten sie ihre Patienten aber besser versorgen als heute. Technik-Optimismus also allenthalben. Die Manager sind jedoch auch so klug, Vorbehalte und Kritik gleich mitzuformulieren. Tyson berichtet, Ärzte hätten ihm vorgeworfen, ihre Interessen gar nicht berücksichtigt zu haben. „Manche Leute haben Angst“, räumt der Gesundheitsmanager ein.

Neue Verdienstmöglichkeiten

Das gibt Moderator und „New York Times“-Kolumnist Andrew Sorkin die Gelegenheit, das „Beschäftigungsthema“ anzusprechen. In einem eigenen Bericht hat das WEF die Sache so dargestellt: Demnach sind bis 2020 rund sieben Millionen Arbeitsplätze in den großen Industrieländern gefährdet – darunter viele Bürojobs. Denn auch dort können zunehmend intelligente Maschinen menschliche Arbeit ersetzen. Allerdings sollen auch etwa zwei Millionen Stellen neu entstehen, so das WEF (siehe nebenstehende Box und Grafik).

„Ja“, sagt Microsoft-Chef Nadella, die Digitalisierung werde zu Problemen auf dem Arbeitsmarkt führen, und die konkrete Tätigkeit sehr vieler Beschäftigter verändere sich in den kommenden Jahrzehnten grundsätzlich. Man solle aber keine Angst davor haben, dass Jobs verlorengehen. Die richtige Frage laute dagegen: Welche Ausbildung braucht man, um einen neuen Job zu finden?

Nicht nur würden Millionen neuer Stellen auf dem formellen Arbeitsmarkt entstehen, so die Ansage der Manager. Sie verbinden diese Prognose oft mit einem weiteren Versprechen. Tatsächlich lässt die digitale Transformation viele Verdienstmöglichkeiten entstehen, die es früher nicht gab. Beispielsweise kann man seine Wohnung über die Internetseite Airbnb vermieten, mit dem 3D-Drucker bald Konsumgüter wie Teller, Tassen oder Fahrradteile zu Hause produzieren und billige Lebensmittel aus städtischen Gemeinschaftsgärten beziehen. Können dadurch künftig nicht viele Leute auch ohne formellen Arbeitsplatz ganz gut über die Runden kommen, die sich heute nur mühsam finanzieren?

„Ich bin skeptisch“, sagt dazu Klaus Dörre, Soziologie-Professor der Universität Jena. „Denn oftmals ermöglichen die neuen Tätigkeiten nur ein finanzielles Zubrot. Wer sich darauf verlässt, braucht Einnahmen aus verschiedenen Quellen. Ich weiß nicht, wie angenehm ein solches Dasein als Unternehmer seines eigenen Alltags ist.“

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