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Außenhandelspolitik: Wettlauf um Rohstoffe

Europas Industrie sorgt sich um den Nachschub an wichtigen und seltenen Metallen und anderen Rohstoffen. Die Europäische Kommission will deshalb eine neue Strategie vorlegen.

Begehrte Rohstoffe: Das Metall Gallium wird in modernen Mobiltelefonen verarbeitet.
Begehrte Rohstoffe: Das Metall Gallium wird in modernen Mobiltelefonen verarbeitet.
Foto: dpa
Brüssel –  

„Bei der Versorgung mit wesentlichen Rohstoffen treten zunehmend Engpässe auf“, warnt die EU-Kommission. „Das Thema wird hohe politische Priorität haben“, kündigt die Bundesregierung an. In der europäischen Wirtschaft grassiert die Sorge um den Nachschub bei zentralen Grundstoffen für die Produktion – Unternehmen und Verbände schlagen Alarm.

Die Politik reagiert: Sowohl das Bundeswirtschaftsministerium als auch der in Brüssel zuständige EU-Kommissar Antonio Tajani wollen im Herbst „Strategien zur Sicherstellung des Zugangs bei Rohstoffen“ vorlegen. Reichlich spät, finden Kritiker. Sie verweisen darauf, dass Staaten wie die USA und China ihren Rohstoffinteressen schon lange einen hohen Stellenwert einräumen und mit langfristigen Strategien – etwa Chinas Afrikapolitik – deren Beschaffung sichern.

Übersicht über die weltweite Verteilung seltener Rohstoffe.
Übersicht über die weltweite Verteilung seltener Rohstoffe.

Mit Namen wie Antimon, Germanium oder Tantal werden die wenigsten Menschen etwas anfangen können. Die drei Mineralien gehören zu einer Gruppe von 14 Rohstoffen, die für die Europäische Union „von entscheidender Bedeutung sind“, wie es in Brüssel heißt. Hightech-Produkte für die Industrie aber auch technisch hochwertige Erzeugnisse für den täglichen Gebrauch der Bürger können ohne sie nicht hergestellt werden. Dazu gehören etwa Mobiltelefone, Katalysatoren, Sonnenkollektoren, Lithium-Batterien, Glasfaserkabel, Flachbildschirme oder Transistoren. Bei allen 14 Rohstoffen stellen Experten zunehmende Lieferengpässe fest, und stufen sie als „kritisch“ ein.

Zu wenige Länder exportieren knappe Rohstoffe

Die in Europa konstatierte Knappheit hat drei Ursachen. Erstens steigt die Nachfrage nach den Mineralien stark wegen des Wachstums von Schwellenländern wie China, Indien oder Brasilien. Ein zweiter Grund für die wachsende Begehrtheit ist die zunehmende Bedeutung neuer Technologien, die ohne die Stoffe mit den bizarren Namen nicht hergestellt werden können. Zentral für die Knappheit ist Experten der EU zufolge aber die Konzentration des Angebots auf – im wesentlichen – vier Staaten.

Dass Materialien, die dringend gebraucht werden, auf wenige Anbieterländer beschränkt sind, ist nicht neu. In der Geschichte gelang es den Industrienationen immer wieder, sich dennoch Zugang zu verschaffen – nicht selten durch zweifelhafte Methoden wie die Finanzierung von politischen Umstürzen in Lieferstaaten und Kriege gegen selbstbewusste Nationen. Zuletzt fiel auf den Feldzug der USA und ihrer westlichen Verbündeten gegen die Taliban-Krieger in Afghanistan ein neues Licht, als bekanntwurde, dass US-Geologen am Hindukusch schon vor einiger Zeit gewaltige Rohstofflager entdeckt haben.

Bei den vier Ländern, auf die ein großer Teil der weltweiten Förderung der 14 begehrten Mineralien und Metalle entfällt, handelt es sich um Russland, China, die Demokratische Republik Kongo und Brasilien – alle keine Kleinstaaten an der Peripherie, die sich politisch oder militärisch leicht unter Druck setzen ließen. Entsprechend selbstbewusst vertreten sie ihre Interessen. China etwa will die sogenannten seltenen Erden nicht mehr ohne weiteres exportieren. Diese Stoffe, die zu 95 Prozent nur im Reich der Mitte gefördert werden, sind unentbehrlich für Hybridfahrzeuge, Hochleistungsmagnete, Röntgenapparate, Computerlaufwerke und einzelne Waffensysteme.

Die Regierung in Peking hat bereits strenge Förder- und Ausfuhrquoten beschlossen und plant überdies den Aufbau einer „strategischen Reserve“. Nicht ausgeschlossen ist ein vollständiger Ausfuhrstopp, relativ konkret sind bereits Exportgebühren bis zu 25 Prozent. Solche Aufschläge, die China auch bei anderen Rohstoffen erhebt, kosten die deutsche Wirtschaft pro anno mehr als 33 Millionen Euro, wie der Bundesverband der Deutschen Industrie schätzt.

Noch tiefer werden die Sorgenfalten bei Unternehmern und Verbandsfunktionären, weil Prognosen für die nächsten 20 Jahre eine Verdreifachung der Nachfrage für bereits heute nur kostspielig zu beschaffende Rohstoffe ankündigen. Der Verbrauch des für die Produktion von Sonnenkollektoren unentbehrlichen Galliums etwa werde dann die heute geförderte Menge um das Vierfache übertreffen.

Bilaterale Abkommen zur Rohstoffsicherung

„Europa muss seine Rohstoffinteressen stärker zum Ausdruck bringen, sonst gewinnt China den Wettlauf“, warnt deshalb der Staatssekretär im Berliner Wirtschaftsministerium, Bernd Pfaffenbach. Auch Tajani unterstreicht: „Wir benötigen faire Bedingungen auf den außereuropäischen Märkten.“ Der Vorsitzende des Ausschusses für Industrie, Forschung und Energie im Europäischen Parlament, der CDU-Abgeordnete Herbert Reul, fügt hinzu: „Die Sicherung der Rohstoffversorgung muss fester Bestandteil der Außen- Handels- und Wirtschaftspolitik werden.“

Experten der Kommission in Brüssel betonen, dass die Europäische Union zum einen stärker bilaterale Abkommen mit wichtigen Rohstoffländern abschließen muss. Zum anderen gelte es, über die Welthandelsorganisation mehr Druck auf Staaten auszuüben, die den Handel mit den begehrten Stoffen einschränken.

Autor:  Werner Balsen
Datum:  11 | 8 | 2010
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