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14. Dezember 2013

Wiesenhof Massentierhaltung: Wiesenhof am Pranger

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Solange sie leben, geht es Hühnern in Massenhaltung schlecht. Werden sie geschlachtet, dann häufig zu Billiglöhnen und unter miesen Arbeitsbedingungen (Archivbild)  Foto: sxc.hu

Der Marktführer der Geflügelbranche beutet Osteuropäer aus. Die Arbeitsbedingungen bei Wiesenhof sind ein Skandal, aber nicht unbedingt illegal.

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Der Marktführer der Geflügelbranche beutet Osteuropäer aus. Die Arbeitsbedingungen bei Wiesenhof sind ein Skandal, aber nicht unbedingt illegal.

Als Ramona Marinela Chelaru Anfang Oktober die Anzeige im Internet entdeckt, keimt Hoffnung auf. In Deutschland werden Arbeitskräfte zum Verpacken von Geflügelfleisch gesucht, 800 Euro monatlich soll es geben, plus Unterkunft und zwei Mahlzeiten täglich. Das ist eine Menge Geld in Rumänien, wo der Durchschnittslohn bei umgerechnet 350 Euro liegt – falls es Arbeit gibt. Im Heimatort der ausgebildeten Krankenschwester, Poiana Mare, gibt es keine. Und in Italien, wo die 33-Jährige jahrelang als Altenpflegerin gearbeitet hat, auch nicht mehr. Deutschland aber ist von der Wirtschaftskrise verschont geblieben. Ramona Marinela Chelaru will es wagen.

Der Arbeitsvertrag - ein Schock

Weite Teile der deutschen Fleischindustrie zahlen extrem niedrige Entgelte. Fünf oder sechs Euro pro Stunde sind keine Ausnahme. Viele in deutschen Schlachthöfen Beschäftige kommen aus Polen, Bulgarien und Rumänien. Sie sind fast immer bei Subunternehmen angestellt, arbeiten im Rahmen von Werkverträgen. In der Fleischbranche gibt es weder Branchenmindestlohn noch Flächentarif. Gerade lehnten die Arbeitgeber die Forderung der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) ab, 2014 einen Mindestlohn von 8,50 Euro einzuführen.

Am Nachmittag des 1. November, es ist Allerheiligen, befindet sich Ramona Chelaru mit sechs Landsleuten im Kleinbus auf dem Weg nach Deutschland. Sie hat 300 Euro Vermittlungsgebühr plus 120 Euro Fahrtkosten an die rumänische Arbeitsvermittlung „Boni Blue Starfire Company SRL“ gezahlt. Auf der Fahrt freundet sich Ramona mit Florentina Morarescu aus dem nordrumänischen Iasi an. Auch die gelernte Schneiderin Florentina hat lange in Italien gearbeitet, auch sie setzt ihre Hoffnung auf die deutsche Geflügelpackerei. Umso größer der Schock, als die Arbeitsverträge verteilt werden.

Marktführer der Geflügelbranche im gelobten Land ist die PHW-Gruppe. 2011/2012 setzte PHW 2,34 Milliarden Euro um. Die größte Marke der Gruppe mit mehr als 40 Tochterunternehmen kennt jeder: „Wiesenhof“-Geflügel gibt’s in fast jedem Supermarkt. Über 500.000 Hähnchen schlachten PHW-Betriebe mit insgesamt 5500 Beschäftigen täglich.

Nichts in diesen Arbeitsverträgen ist, wie es den Rumäninnen versprochen war. Bei einer Wochenarbeitszeit von 45 Stunden soll es den „gesetzlichen Grundlohn in der Slowakei“ in Höhe von 295 Euro pro Monat geben sowie eine „Prämie“ von 400 Euro. Nicht einmal diese Angaben stimmen. Denn der gesetzliche Mindestlohn in der Slowakei liegt bei 1,94 Euro pro Stunde, umgelegt auf eine 45-Stunden-Woche ergeben sich 380 Euro monatlicher Grundlohn. Als Arbeitgeber ist die slowakische Kupex spol.s.r.o. in Voderady auf den Verträgen angegeben, die der Frankfurter Rundschau vorliegen. „Arbeitsort“ ist eine Firma Petermeier an der Staffhorster Straße 51 in 31613 Wietzen.

14 Rumänen teilen sich drei Zimmer

HÖHERE LÖHNE SIND MÖGLICH

Die Fleischpreise in Deutschland würden nach Berechnungen der Gewerkschaft NGG kaum merklich steigen müssen, um etwa für die Schlachter anständige Löhne zahlen zu können.

Ein schlachtfertiges Schwein mit einem Körpergewicht von 120 Kilo kostet derzeit rund 175 Euro. Nach dem Ausweiden bleiben davon rund 93 Kilogramm übrig. Würde sich der Preis pro Schwein um nur fünf Euro erhöhen, so würde das Kilo im Verkauf folglich nicht einmal sechs Cent mehr kosten.

Für die Schlachter aber ergäbe sich nach Auskunft des NGG-Fleisch-Experten Bernd Maiweg daraus ein Stundenlohn von 15 Euro.

Für andere Fleischsorten wie Rind und Geflügel gelte ähnliches: Kaum merkliche Preissteigerungen würden deutlich bessere Entgelte als heute ermöglichen. Wenn der allgemeine gesetzliche Mindestlohn Anfang 2015 auch in der Fleischindustrie in Kraft treten sollte, so werde dies an den Verbraucherpreisen kaum abzulesen sein, prophezeit der Gewerkschafter. (sts)

Als der Kleinbus nach 20 Stunden Fahrt am 2. November das Ziel erreicht, sind die Frauen entsetzt. Sie werden in einem einsamen Haus untergebracht, umgeben von Feldern, mitten im niedersächsischen Nirgendwo, Postanschrift Brinkstraße 8, 27249 Mellinghausen.

14 Rumäninnen und Rumänen teilen sich drei Zimmer, eine Dusche, eine Toilette und eine kleine Küche. Zugesagt waren Doppelzimmer, für Frauen und Männer getrennt, und zwei kostenlose Mahlzeiten. „Das könnt ihr vergessen, fürs Essen müsst ihr selber sorgen“, erklärt eine Landsmännin den Neuankömmlingen. Einmal pro Woche werde man zum Einkaufen gefahren, Proviant fassen.

Die Geschäftsadresse des Fleischzerlege-Betriebs David Petermeier befindet sich auf einem Areal der „Nienburger Geflügelspezialitäten GmbH und Co.KG“, die zur PHW-Gruppe gehört. Petermeier hat dort ein Büro angemietet, ansonsten befinden sich auf dem Gelände an der Staffhorster Str. 51 in Wietzen mehrere Hallen, in denen Geflügelteile am Fließband verpackt und maschinell mit Wiesenhof-Etiketten versehen werden. Mit der Firma Petermeier bestehe ein Werkvertrag, teilt PHW mit. Petermeiers Lohnbescheide würden halbjährlich von unabhängigen Wirtschaftsprüfern kontrolliert.

„Aufgrund Ihrer Anfrage haben wir gestern zusätzlich zu dieser Überprüfung die Lohnbescheide erneut eingesehen und können bestätigen, dass der Bruttolohn – je nach Steuerklasse – 08,00 Euro bis 08,49 Euro entspricht.“ Zum Unternehmen Kupex, dem Arbeitgeber der Rumäninnen, pflege man keine Geschäftsbeziehung. Das sieht Kupex anders: Auf der Internetseite wird Wiesenhof als Geschäftspartner genannt.

Löhne zwischen 2,10 und 3,70 Euro

Am 4. November, einem Montag, beginnt die erste Schicht um 6 Uhr morgens. Die Frauen erhalten Arbeitskleidung und Kopfhauben. In der Verpackungshalle ist es eiskalt, über 40 Rumäninnen und Rumänen stehen an den Bändern. Ob die im Arbeitsvertrag erwähnte Prämie von 400 Euro von der Zahl verpackter Geflügelteile abhängt? Keiner scheint es zu wissen. Von ihren neuen Kollegen erfahren Ramona und Florentina, dass in der Regel zwischen 400 und 700 Euro ausgezahlt werden. Bei 190 Arbeitsstunden im Monat ergibt das Löhne zwischen 2,10 und 3,70 Euro.

Bei der Firma Kupex ist niemand zu erreichen, der sich hierzu äußern könnte. Auch David Petermeier ist seit Mitte der Woche nicht zu sprechen und noch bis Montag unterwegs, heißt es unter der angegebenen Firmennummer. PHW teilt auf nochmalige Anfrage mit, auch die Kupex-Mitarbeiter erhielten Bruttolöhne zwischen 8 und 8,49 Euro.

Offenbar fungiere die Kupex als Subunternehmer für Petermeier, sagt Thomas Bernhard, NGG-Geschäftsführer der Region Hannover. Er kennt die Zustände in Wietzen. Es gebe in dem Betrieb eine Art Kastenwesen: oben die PHW-Mitarbeiter der „Niendorfer Geflügelspezialitäten“, dann die Werkvertragler von Petermeier, ganz unten die Kupex-Beschäftigen, erkennbar an unterschiedlich gefärbten Kopfhauben.

"Moderne Sklaverei"

„Das ist eine Form moderner Sklaverei“, kritisiert Bernd Maiweg, NGG-Referatsleiter für die Fleischwirtschaft. Allerdings eineine rechtlich kaum angreifbare. „Die Praktiken sind unsäglich, aber sie sind nicht notwendiger Weise illegal“, sagt der renommierte Frankfurter Arbeitsrechtler Manfred Weiss. Ohne verbindliche Lohnuntergrenze seien Hungerlöhne per Werkvertrag mitten in Deutschland weiterhin möglich. „Die Zustände sind der eine Skandal, dass sie strafrechtlich kaum zu fassen sind, ist der andere“, sagt Weiss.

Ramona und Florentina erkennen schnell, dass sie auf einer Galeere an Land angeheuert haben. Viele ihrer rumänischen Kollegen arbeiten seit Jahren in Wietzen, manche sind verschuldet, andere über 50, ohne Chance, weg zu kommen. „Wir haben uns wie Gefangene gefühlt“, sagt Ramona. „Wir wollten nur weg“, sagt Florentina. Ein Landsmann erklärt sich bereit, die Frauen für 110 Euro im Auto nach Dortmund zu fahren. Es ist ihr letztes Geld. Am 15. November machen sie sich auf den Weg.

Wünsche für 2014

In Dortmund finden sie Hilfe. Szabols Sepsi, Mitarbeiter der DGB-Initiative „Faire Mobilität“ und die örtliche Diakonie stellen Kontakte zu rumänischen Familien her, wo die Frauen unterkommen, die Eberhard-Schultz-Stiftung für soziale Menschenrechte spendet 500 Euro.

Wie es weiter geht? Von 1. Januar an gilt die Freizügigkeit für Arbeitnehmer in der EU auch für Rumänen. Florentina Morarescu und Ramona Marinela Chelaru wünschen sich nur eines im neuen Jahr: „Eine gute Arbeit.“

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