Man könnte die junge Französin leicht unterschätzen, wenn sie im Blumenkleid auf die Bühne steigt, die modische Sonnenbrille in die Haare schiebt und ihr charmantes Starlächeln aufsetzt.
Doch anders als etwa Kinostar Audrey Tautou, die ihr so ähnlich sieht, steigt Aurélie Trouvé nicht die Treppen des Filmfestivals von Cannes hoch. Die 31-jährige Französin nimmt lieber an einem Podiumsgespräch über die weltweite Agrarmisere oder die komplexen Zusammenhänge der Weltwirtschaft teil. Und wenn sie dann über die "Brutalität" des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu reden beginnt, verschwindet ihr Lächeln ganz schnell.
Der IWF ist eine Hauptzielscheibe Trouvés. Nur logisch, dass die Agaringenieurin nun dort für den Vorsitz kandidiert, nachdem IWF-Direktor Dominique Strauss-Kahn zurückgetreten ist. Das nötige Rüstzeug bringt die Französin mühelos mit: Die Doktorin der Wirtschaftswissenschaften – ihr Disserationsthema war die europäische Landwirtschaftspolitik – unterrichtet heute an der Hochschule von Dijon Agrarökonomie. Vor fünf Jahren wurde Aurélie zur Ko-Präsidentin des globalisierungskritischen Netzwerks Attac gewählt. Und jetzt will sie die Stimme der "altermondialistes", wie man in Frankreich sagt, bis in das Herz des internationalen Kapitalismus tragen.
Würde sie zur IWF-Chefin gewählt, müsste sie nicht lange überlegen, was zu tun ist. Erste Maßnahme: "Die Austeritätspläne des Währungsfonds stoppen." Die seien ebenso wirkungslos wie ungerecht, da arme Bürger für die Verfehlungen der finanziellen Deregulation die Zeche zahlen müssten. Stattdessen müssten die Gläubigerstaaten zusammen mit den Schuldnern dafür einstehen, da die Schuld – nicht die finanzielle! – auch bei den Industrienationen liege: Deutschland und China drückten die Löhne, die USA beherrsche die Weltfinanz über den Dollar. "Schon Keynes schlug ein mitverantwortliches Schuldenmanagement durch Gläubiger und Schuldnern im Rahmen des IWF vor."
Trouvés Maßnahmen zwei bis fünf: strikte Finanzregulation zur Vermeidung weiterer Krisen; den Einbezug ökologischer Kriterien bei allen IWF-Entscheidungen; Anpassung sozialer Regeln an die Gesetzgebung der fortschrittlichsten Länder.
Trouvé weiß, dass sie keine Chance hat. Sie scheitert schon daran, dass Kandidaturen nur durch andere IWF-Gouverneure lanciert werden können. Trotzdem schlägt ihre "wilde Kandidatur" über Frankreich hinaus Wellen. Dass Aurélie Trouvés Ideen am Washingtoner IWF-Sitz beachtet werden: Diese Chance besteht immerhin.
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