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Windkraft: Laues Lüftchen in Deutschland

Deutsche Energieriesen sind bei Windkraftprojekten auf hoher See ganz weit vorne dabei. Doch in der Heimat läuft noch wenig - obwohl die Politik schon lange anderes verspricht. Von Jakob Schlandt

Beim Anflug zur offziellen Inbetriebnahme des ersten deutschen Offshore-Windparks Alpha Ventus in der Nordsee ist im Vordergrund die Trafo-Plattform mit dem Helikopterdeck zu sehen. Das Testfeld aus zwölf Windkrafträdern steht rund 45 Kilometer vor der ostfriesischen Insel Borkum und kann rund 50.000 Haushalte mit Strom versorgen. Alpha Ventus ist ein Gemeinschaftsprojekt von EWE, Eon und Vattenfall.
Beim Anflug zur offziellen Inbetriebnahme des ersten deutschen Offshore-Windparks "Alpha Ventus" in der Nordsee ist im Vordergrund die Trafo-Plattform mit dem Helikopterdeck zu sehen. Das Testfeld aus zwölf Windkrafträdern steht rund 45 Kilometer vor der ostfriesischen Insel Borkum und kann rund 50.000 Haushalte mit Strom versorgen. Alpha Ventus ist ein Gemeinschaftsprojekt von EWE, Eon und Vattenfall.
Foto: dpa

London. Deutsche Energieriesen machen auf See mächtig Wind. Eon mischt beim größten europäischen Windpark London Array mit, Anfang kommenden Jahres soll mit dem Bau begonnen werden. Bei Fertigstellung soll es genug Strom produzieren, um theoretisch 750.000 Haushalte zu versorgen.

Jetzt zog auch Konkurrent RWE nach. Die Ökostrom-Tochter Innogy will vor der walisischen Küste federführend die ebenfalls riesige Anlage Gwynt y Môr bauen. Zwei Milliarden Euro werden investiert, 160 Turbinen sollen sich dort bis 2014 drehen und den Bedarf von rund 400.000 Haushalten decken.

Bemerkenswert ist, dass es sich um ein rein deutsches Projekt handelt: Die Anlagen liefert Siemens, die auch zehn Prozent der Betreiber-Anteile halten. RWE besitzt weitere 60 Prozent 30 Prozent steuern die Stadtwerke München bei. Eine Hand voll weitere Projekte in Großbritannien ist im Bau, dutzende kurz davor.

In Deutschland herrscht Flaute

In Großbritannien nimmt die Offshore-Windkraft also mächtig Fahrt auf - und in Deutschland herrscht Flaute. Derzeit sind nur zwei größere Windparks auf See im Bau. Ein Armutszeugnis - denn schon vor zehn Jahren nahm sich die deutsche Politik vor, Windkraft auszubauen. Und hatte eigentlich mit führenden Windkraftfirmen vor Ort und der Erfahrung aus den vielen Projekten an Land einen ordentlichen Startvorteil. Der wurde verspielt.

Deutschland hat sich für einen Sonderweg entschieden - hier müssen die Offshore-Windparks weit vor der Küste in großen Wassertiefen gebaut werden, um Umwelt, Tourismus und Fischer zu schützen. Das treibt die Preise für die Betreiber enorm nach oben, ohne dass die Vergütung für den Strom höher ist.

Denn der Bau ist deutlich komplizierter und die Wartungsmannschaften müssen weite Wege zurücklegen. RWE-Innogy-Chef Fritz Vahrenholt, der in Großbritannien die Mega-Projekte auf See recht problemlos vorantreiben kann, beklagt sich: Wir wären in Deutschland gerne ähnlich schnell vorangekommen wie in Großbritannien. Doch die Rahmenbedingungen waren in der Vergangenheit ungünstiger."

Regulierung nicht stimmig

Hinzu kommt aber noch, dass auch die Regulierung nicht stimmig ist. Fritz Vahrenholt sagt: "Die Netzanbindung für unseren Windpark Nordsee Ost könnte nicht rechtzeitig fertig werden." Hintergrund ist, dass in Deutschland die Netzbetreiber den Anschluss auf eigene Kosten bauen müssen, später das Geld aber von den Stromkunden ersetzt bekommen.

Die Bundesnetzagentur kontrolliert, wie viel sie ausgeben - eine besonders schnelle und damit teure Anbindung erlaub sie in der Regel nicht. RWE ist sauer: "Es wäre unverantwortbar, wenn der Windpark fertig und das Netz nicht da wäre. Hier geht es um den möglichen Ertragsausfall eines ganzen Jahres", sagt Vahrenholt, der von der Bundesregierung verlangt, dass sie sich schnellstmöglich um eine bessere Regelung kümmert.

Noch viele weitere bürokratische Vorgaben behindern Offshore in Deutschland - zum Beispiel die Wochenarbeitszeit von 48 Stunden. Die Instandhaltung von Windparks auf hoher See entspricht eher dem Arbeitsrhythmus auf einer Bohrinsel - wochenlang zehn Stunden täglich, dann mehrere Wochen frei. Deshalb haben viele Länder für derartige Jobs Ausnahmeregeln - nicht aber Deutschland.

Schon wird in der Branche gemunkelt, dass das Ziel, bis 2030 Windanlagen mit rund 25.000 Megawatt Leistung auf See in Betrieb zu haben, kaum noch zu erreichen ist. Das entspricht immerhin nach dem derzeitigen Stand der Technik 5000 großen Windmühlen und etwa 50 großen Windparks. Die Zwischenetappen bis 2015 und 2020 sind inzwischen tatsächlich ernsthaft gefährdet.

Autor:  Jakob Schlandt
Datum:  4 | 6 | 2010
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