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10. Juni 2014

WM in Brasilien: Geballte Wut gegen Adidas

 Von Kathrin Hartmann
Turnschuhherstellung für Adidas.

Estela Ramirez hat viele Jahre für einen Hungerlohn für den Sportartikelkonzern Adidas geschuftet. Die Fußball-WM wird sie sich nicht anschauen. Bis heute haben sich die Bedingungen bei vielen Subunternehmen nicht verbessert.

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Nein, sie wird sich die Fußball-Weltmeisterschaft nicht ansehen. „Es macht mich wütend, wie die Sportler den Marken Glanz verleihen“, sagt Estela Ramirez. Ohnehin ist sie noch ziemlich wütend, denn erst jüngst stand die Salvadorianerin ihrem Feind gegenüber. Dem „Monster“, wie sie den deutschen Sportartikelkonzern Adidas schon mal nennt. Bei der Aktionärsversammlung in Fürth hat sie den Vorstand mit den Arbeitsbedingungen in den Maquilas, den Textilfabriken in El Salvador konfrontiert, in denen die Kleider und Schuhe genäht werden, mit denen der Herzogenauracher Weltkonzern einen zweistelligen Milliardenumsatz macht.

Ramirez ist Präsidentin der salvadoriansichen Gewerkschaft SITRASACOSI für Näherinnen und Schusterinnen, die Christliche Initiative hat Ramirez für die Kampagne „Play fair – pay fair“ zu einer Vortragsreise nach Deutschland eingeladen, die sie sogar bis in die ZDF-Sendung „Die Anstalt“ geführt hat.

Ramirez hat selbst viele Jahre für Adidas und andere Sportkonzerne geschuftet. Zuletzt in der Textilfabrik Hermosa. Nicht nur, dass die Arbeiterinnen dort Diskriminierung erleiden mussten und Hungerlöhne bekamen – der Fabrikbesitzer zog ihnen die Sozialabgaben von Lohn ab und steckte sie sich selbst in die Tasche. Als Ramirez mit ihren Kolleginnen eine Gewerkschaft gründete, schloss der Besitzer die Fabrik. Ohne Rentenanspruch und Gesundheitsversorgung, geprellt um ihren letzten Lohn saßen die Frauen auf der Straße.

Beinahe zehn Jahre ist das nun her, und viele der Hermosa-Arbeiterinnen haben bis heute keine neue Arbeit gefunden – ihre Namen landeten auf „Schwarzen Listen“, weil sie einer Gewerkschaft angehörten. Bis heute haben die Frauen keinen Cent von den 353 000 Dollar gesehen, um die sie betrogen wurden. Und bis heute entzieht sich Adidas der Verantwortung: Man habe 35 Kontrollen in dieser Fabrik durchgeführt und nichts gefunden, heißt es offiziell.

Katastrophale Bedingungen

Nur kurz zucken die Vorstandsmitglieder von Adidas, als Ramirez bei der Aktionärsversammlung das Wort Hermosa fallen lässt. In fünf großen Fabriken in El Salvador lasse Adidas heute fertigen, die Arbeit wiederum an unzählige Sublieferanten weitergeben würden, nicht registrierte „geheime Werkstätten“, in denen die Bedingungen katastrophal sind, sagt Ramirez. Sie berichtet von Arbeit im Akkord, zahllosen Überstunden, sexueller Belästigung.

Davon, dass ein Fabrikbesitzer Frauen zwinge, sich bei der Bewerbung nackt auszuziehen – um zu sehen, ob sie Tätowierungen haben, die auf eine Mitgliedschaft in einer Jugendbande schließen lassen. Dass die Löhne in den Fabriken so niedrig seien, dass es selbst dann nicht möglich ist, eine Familie zu versorgen, wenn Vater und Mutter für Adidas arbeiten. Obwohl Adidas behauptet, dass alle Beschäftigten in den Zulieferbetrieben eine Bezahlung erhalten, die für Essen und Wohnung reiche und sogar dafür, Geld zu sparen. Und wie gesundheitsschädlich die Arbeit in den Fabriken sei, wo die Frauen Kreuzschmerzen bekommen und Harnwegsinfektionen, weil sie kaum trinken, damit sie nicht zur Toilette müssen.

„Was, Herr Hainer“, fragte Estela Ramirez auf der Hauptversammlung mit fester Stimme, „werden Sie konkret 2014 ändern?“

Nicht, dass sie mit einer Antwort gerechnet habe, sagt sie. „Aber die Reaktion war zynisch und respektlos“. Man führe, antwortete Vorstandsmitglied Glenn Bennet kaltschnäuzig, hunderte Kontrollen durch. Außerdem gebe es eine Beschwerdehotline. „Wenn ihnen ein konkreter Fall bekannt wird, sagen sie uns das.“ Als wäre Estella Ramirez nicht nach Deutschland gekommen, um genau das zu tun.

Sie hätte gerne noch mehr gesagt, bemerkt sie grinsend, vor allem dieses: „Die herrschende Elite kapiert nicht, dass die Arbeiterklasse immer Wege findet.“ Ramirez hat eine eigene Nähkooperative gegründet, Acopius. Zusammen mit 14 Frauen und zwei Männern näht sie nun Schuluniformen und T-Shirts. Zwei Jahre hat es gedauert, bis sie, mit Unterstützung der Hafenarbeitergewerkschaft und eines Kooperativenzentrums in Schweden ein Haus bauen und Industrienähmaschinen kaufen konnten. Acopius ist ein Triumph, sagt Ramirez, denn dass sie und die anderen Frauen nie wieder erhobenen Hauptes in die Maquila Hermosa gehen konnte, schmerzt sie noch immer: „Wir haben nichts falsch gemacht, wir wollten nur unser Recht.“

In der Kooperative gibt es keine Boss. Alle entscheiden gemeinsam. Alle teilen alles. Die Idee kam ihr, als ihr ein Buch über Kooperativen aus den 70er Jahren in die Hände fiel. „Es ging darum, etwas gemeinsam zu machen, das für die Gemeinschaft nützlich ist. Das hat mich überzeugt“. Nicht, dass sie wirklich leben könnten von ihrer Arbeit. Sie verdienen sogar weniger als bei Adidas. Obwohl sie 100 T-Shirts am Tag nähen können, haben sie nicht genug Aufträge. Sie müssen einen Kredit zurückzahlen und sie zahlen – im Gegensatz zu den Maquilas, in denen die reichen Konzerne fertigen lasse – volle Steuern. Noch immer leben Ramirez und ihre Kolleginnen in Armut. „Aber wir haben keine Chefs mehr. Wir müssen uns von niemandem anschreien lassen.“

Für Ramirez ist die Kooperative erst der Anfang: Sie möchte eine Schneiderinnenschule einrichten und einen Kindergarten. Das ganz große Ziel ist jedoch Gerechtigkeit für die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Textilfabriken der Welt. Sie unterstützt auch die Forderungen der Opfer des Fabrikeinsturzes Rana Plaza in Bangladesch oder der Arbeiter, die in Argentinien das Leder für die Sportschuhe bearbeiten, die in El Salvador hergestellt werden. „Ich glaube“, sagt sie, “ dass der Kampf um Gerechtigkeit der stärkste Ausdruck von Nächstenliebe ist.“

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