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10. Juli 2011

World Wide Fund For Nature: Panda im Zwielicht

 Von Stephan Börnecke
Begehrter Rohstoff: Soja-Bohnen.  Foto: rtr

Kann Gen-Soja nachhaltig sein? Die Diskussion wird durch eine Ladung des Rohstoffs angefacht, die dieser Tage Europa erreicht. Es gibt Vorwürfe gegen die Umweltorganisation WWF, die ihr Zertifikat auch für gentechnisch veränderte Pflanzen hergibt.

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Soja-Importe

Europa importiert jährlich 35 bis 38 Millionen Tonnen Soja-Rohstoffe. Rechnerisch ergibt das für jeden der 470 Millionen EU-Bürger eine Menge von 70 Kilogramm. Etwa 90 Prozent aller in der EU gehandelten Futtermittel sind als gentechnisch verändert gekennzeichnet, obwohl nicht klar ist, ob im Sack tatsächlich Gen-Soja enthalten ist. Die Importeure kennzeichnen die Ware, um Regressansprüchen vorzubeugen.

Schätzungen gehen davon aus , dass tatsächlich 50 bis 65 Prozent der Ware aus Gen-Anbau stammt oder mit Gen-Soja verunreinigt ist. 14 bis 19 Millionen Tonnen sind gentechnikfrei. Gentechnikfreie Ware ist oft nur noch aus einigen Regionen Brasiliens zu beziehen. Zertifizierungen, die den Weg vom Erzeuger über Schiffs- und Lastwagentransport begleiten, stellen sicher, dass diese saubere Ware an keiner Stelle mit Gen-Soja in Kontakt kam.

In Deutschland werden pro Jahr etwa fünf Millionen Tonnen Soja-Öl respektive Soja-Schrot verbraucht. 2010 gingen davon 94 Prozent in Lebens- oder Futtermittel, vor zehn Jahren waren es noch 98 Prozent, da inzwischen fünf Prozent des Sojas in die Biodieselproduktion gehen. Biodiesel besteht zu 10 Prozent aus Sojamethylester. In Deutschland kann Biodiesel in der
warmen Jahreszeit bis zu fünf Prozent Palmöl enthalten. Von den 2010 gewonnenen 53 Millionen Tonnen Palmöl gingen 71,1 Prozent in Nahrungsmittel, 4, 7 Prozent wurden energetisch genutzt (Strom, Wärme, Kraftstoff).

Biokraftstoffe und Pflanzenöle müssen mit Hilfe von Zertifizierungssystemen ihre Nachhaltigkeit beim Anbau und in der Herstellung nachweisen, nur dann können sie auf die Biokraftstoffquote angerechnet werden oder nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gefördert werden. So darf der Anbau von Biomasse für Biokraftstoffe und Pflanzenöle nicht mit der Umwandlung von Flächen mit hohem Kohlenstoffbestand und hoher Biodiversität einhergehen.

Zertifizierungssysteme wie der Round Table on Responsible Soy (RTRS) oder Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) können die Basis dafür sein. RTRS-Soja ist von der EU bereits als Nachweis für nachhaltige Produktion anerkant worden. (-ke)

Der Versuch der internationalen Agrar- und Nahrungsmittelindustrie, ihr Image aufzupolieren, geht in eine neue Phase: Nach jahrelanger Vorbereitung soll in diesen Tagen die erste Charge mit angeblich nachhaltig produziertem Soja per Schiff Europa erreichen: 80.000 Tonnen Soja des brasilianischen Herstellers André Maggi, bestimmt für Landwirte der Großmolkerei Friesland-Campina und des Fleischkonzerns Vion, beides niederländische Unternehmen. Weitere 5000 Tonnen gehen in die USA, zum Lebensmittelkonzern Unilever.

Der seit Monaten andauernde Streit darüber, ob dieses Soja tatsächlich nachhaltig produziert ist, beginnt damit jetzt erst richtig. Denn der vermeintlich umweltschonend angebaute Rohstoff enthält Gen-Soja. Und das gilt in Europa gar nicht als nachhaltig, zumal sich die Berichte über die Gesundheitsgefahren beim Anbau von Gen-Soja häufen. Mit der brasilianischen Tonnage landen gentechnisch verändertes Öl und Schrot auch in der Milch, im Schweine- und Hühnerfutter oder in Margarine und Dressings – und die Konzerne hängen sich ein grünes Mäntelchen um.

Hinter der Anlandung steht die mit Hilfe der internationalen Umweltorganisation WWF 2006 in der Schweiz gegründete, von Firmen wie Monsanto, Unilever oder Bayer Crop Science getragene Vereinigung RTRS (Round Table on Responsible Soy Association; Runder Tisch für nachhaltigen Soja-Anbau). Deren Zertifikat, das bald auch auf deutschen Lebensmitteln prangen könnte, lässt ausdrücklich auch den Anbau von gentechnisch verändertem Soja zu. Gen-Soja aber hat vor allem durch die damit verbundene Verwendung des Total-Herbizids Round-up mit dem Wirkstoff Glyphosat erhebliche Auswirkungen auf die Umwelt und, was neuere Studien bekräftigen, auch auf die menschliche Gesundheit. Mit Nachhaltigkeit, so BUND-Gentechnik-Expertin Heike Moldenhauer, „hat das nichts zu tun“.

Doch der WWF, Mitgründer nicht nur der Soja-Initiative RTRS, sondern auch einer ähnlichen Vereinigung für vermeintlich nachhaltigen Palmöl-Anbau, RSPO (Round Table on Sustainable Palmoil; Runder Tisch für nachhaltige Palmöl-Gewinnung) wiegelt ab: Bei der ersten Charge des RTRS-Sojas, so Expertin Ilka Petersen, handle es sich nicht um Gen-Soja, das Soja sei erst später mit gentechnisch veränderter Ware vermischt worden. Gleichwie: Da garantiert gentechnikfreies Soja wegen befürchteter Vermischungen mit Gentech-Soja auf dem Transportweg heute aufwändig zertifiziert werden muss und deshalb auch teurer ist, bezeichnet Moldenhauer auch diese erste RTRS-Lieferung nach Europa als fragwürdig: „Wenn es wirklich gentechnikfrei wäre, würde das draufstehen.“

Ob Gen-Soja oder nicht: Alle als RTRS-Soja ausgelobten Produkte werden als „nachhaltig“ gelabelt, sofern damit Regenwald oder andere biologisch wertvolle Landschaften gerettet werden können. Die Gentechnik ist im RTRS-Katalog ausdrücklich erlaubt. Umweltorganisationen, allen voran Greenpeace und der BUND, werfen dem WWF deshalb intern seit langem vor, Greenwashing, Etikettenschwindel und, so BUND-Chef Hubert Weiger, einen „Missbrauch des Begriffs der Nachhaltigkeit“ zu betreiben. In einem unter anderem von BUND, Demeter, Naturland und der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft unterzeichneten, allerdings nur intern verbreiteten, Brief schrieben die Organisationen von einem „grünen Mäntelchen“ für die Gen-Pflanze – mit WWF-Hilfe. Es würden allenfalls einige wenige wertvolle Regionen verschont, „sicher aber nicht die Umwelt insgesamt“. Die Umweltschützer halten dem WWF vor, den internationalen Initiativen, die gegen die Gentechnik kämpfen und damit mindestens in Europa großen Erfolg haben, „in den Rücken zu fallen“.

Offen freilich äußern die Umweltorganisationen diese Kritik ungern, man tut sich untereinander nicht weh, dafür „ist die Umweltbewegung am Ende doch zu klein“, sagte Greenpeace-Geschäftsführerin Brigitte Behrens der Frankfurter Rundschau.

Gleichwohl tobt auf einer von Greenpeace getragenen „offenen Kampagnen-Plattform“ der Panda, das Markenzeichen des WWF. Neue Vorwürfe gegen der WWF, er paktiere mit den mächtigen Konzernen statt mit der Umwelt, avancierten auf der Plattform „Greenaction.de/Kampagnen“ sogar zum „Publikumsliebling“.

Dazu beigetragen hat der in der ARD erstmals am 22. Juni zu mitternächtlicher Stunde ausgestrahlte Film des Journalisten Wilfried Huismann, der „Pakt mit dem Panda“. Darin unterstellt der Autor dem WWF, als grünes Feigenblatt für die Industrie zu wirken. Die Rettung des Regenwaldes oder der Orang-Utans finde lediglich auf marginalen Flächen statt, stattdessen könne die Industrie auf die Schützenhilfe des WWF zählen, weil Palmöl im Biosprit in der Europäischen Union aus nachhaltigem Anbau stammen muss. Das RSPO-Label könnte diesen Nachweis liefern.

Der deutsche WWF zieht inzwischen mit Unterlassungserklärungen gegen den Film zu Felde. Zentrale Behauptungen stimmten nicht. So sei eine im Film gezeigte Plantage gar nicht RSPO-zertifiziert, und wenn sie es eines Tages doch werde, dann blieben nicht 80 Hektar, sondern 4000 Hektar und damit ein Drittel der Plantagenfläche als geschützter Wald übrig. Auch bei den Vorwürfen bezüglich der Gentechnik übt der deutsche WWF Distanz: Man kooperiere nicht mit Monsanto. Vielmehr sei der Konzern nun mal Mitglied im RTRS – ganz ohne Einfluss des WWF. Wer in Ländern wie Argentinien agiere, wo 90 Prozent des Soja-Anbaus gentechnisch verändert seien, der müsse auch mit Monsanto reden, sagt WWF-Sprecherin Astrid Deilmann.

Der deutsche WWF hat jetzt ein Problem: Er ist lediglich Ableger der internationalen Organisation und lehnt, anders als amerikanische WWF-Organisationen, die Gentechnik ab. Im Gegensatz zum WWF Brasilien hat der deutsche Ableger keinen Sitz im RTRS. Während sich im Huismann-Film der US-amerikanische WWF-Vizechef Jason Clay klar zur Gentechnik bekennt, warnt die deutsche WWF-Sprecherin Deilmann Firmen sogar davor, RTRS-Soja zu verwenden. Die Konzerne denken anders darüber: Fleischproduzent Vion will bis 2015 alle seine holländischen Bauern auf RTRS-Soja umstellen und das Konzept auf Deutschland ausdehnen. In der Ankündigung des Konzerns findet sich kein Wort darüber, dass RTRS-Sojaschrot auch Gentechnik enthalten kann.

Ähnlich liegt der Fall beim Palmöl: Schon im November 2009 wandten sich 80 international agierende Umweltorganisationen, von der Acción Ecológica in Ecuador über die deutschen Freunde für die Naturvölker bis zum World Rainforest Movement, gegen die WWF-Hilfe für den RSPO. Hauptvorwurf: RSPO dulde die Vertreibung der lokalen Bevölkerung von künftigen Palmöl-Plantagen, zerstöre Moore und Regenwälder. „Endlich“, kommentieren die Freunde für die Naturvölker nun, habe jemand den „Mut, den WWF und seine Machenschaften mit der Industrie zu thematisieren.“ Die Organisation, heißt es in dem Film aus dem Mund eines Sprechers der Friends of the Earth Foe, helfe der Palmöl-Industrie, sich auszudehnen und eine zerstörerische Produktion „grün zu waschen“.

Der Film „Pakt mit dem Panda“ wird am Mittwoch, 13. Juli, 20.15 bis 21 Uhr, im SWR wiederholt. Der WWF, bestens in social media engagiert, hat sich darauf vorbereitet. Er organisiert an diesem Tag einen Livechat mit seinen Experten auf www.wwf.de

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