München. Bei dem Wüstenstromprojekt Desertec klingt vieles noch wie Zukunftsmusik. Unter der andalusischen Sonne hat diese Zukunft in kleinerem Maßstab unter maßgeblicher Beteiligung deutscher Konzerne bereits begonnen. In Spanien bauen nämlich die Firma Solar Millennium aus Erlangen und MAN Ferrostaal das Solarthermie-Kraftwerk Andasol 3, bei dem sich die Stadtwerke München jetzt für 180 Millionen Euro knapp zur Hälfte eingekauft haben.
Stadtwerke-Chef Kurt Mühlhäuser hat ehrgeizige Ziele. "München soll die erste deutsche Großstadt werden, in der alle Privathaushalte mit regenerativ erzeugtem Strom versorgt werden", plant der Manager. 2020 soll es soweit sein. Andasol 3 ist ein Element in dieser Strategie, in die Mühlhäuser mehr als eine Milliarde Euro investieren lässt.
Unter der andalusischen Sonne wird von 2011 an so viel Strom produziert, wie 30.000 der 800.000 Münchner Haushalte verbrauchen. Derzeit beliefern die Stadtwerke knapp ein Fünftel ihrer Kunden aus erneuerbaren Quellen wie Wasser, Wind, Photovoltaik und Biomasse. Dieser Anteil wird demnächst verdoppelt, weil sich die Münchner auch an einem Windpark in der Nordsee beteiligt haben. Dazu kommen ein neues Wasserkraftwerk an der Münchner Isar, eine Solaranlage an der Donau und eine Geothermie-Bohrung im Umland. Weitere Projekte werden gerade verhandelt.
Gesichert ist die Versorgung von 320.000 Münchner Haushalten mit Ökostrom. Ein Zehntel davon soll Andasol 3 beisteuern. Physisch nach München fließen wird der spanische Solarstrom aber nicht, stellt Mühlhäuser klar. Er wird sozusagen am iberischen Ufer in den Verbund des großen europäischen Stromsees gespeist und mengenmäßig an der Isar abgezapft. Die Frage nach Transportverlusten sei deshalb gegenstandslos, sagen Stadtwerke und Solar Millennium. Auch an den anderen beiden Andasol-Kraftwerken hat der Erlanger Mittelständler maßgeblich mitgebaut. Eine halbe Million Menschen versorgt das Trio mit Ökostrom und vermeidet so 450.000 Tonnen des Klimakillers Kohlendioxid. Mit je 50 Megawatt Kapazität und einer Fläche wie 70 Fußballfelder seien sie die weltweit größten Anlagen ihrer Art und technologisch das, was auch einmal in der Sahara die Sonnenenergie einfangen soll.
Den Franken beschert der Solartrend glänzende Geschäfte. Ihre Umsätze sollen dieses Jahr von 32 Millionen auf fast 200 Millionen Euro steigen, der operative Gewinn von acht Millionen auf 42 Millionen Euro zulegen, verrät ein Sprecher. Das gehe zwar auch auf außerordentliche Effekte zurück. Aber selbst ohne die sei das Wachstum enorm. Solarthermische Anlagen haben im Gegensatz zur Photovoltaik den Vorteil, dass sie Strom speichern und auch nachts abgeben können, erklären die Erlanger. Sie haben aber den Nachteil, dass sie blauen Himmel brauchen und nur von Wolken ungefilterte Sonnenstrahlen in Strom umwandeln können.
Deshalb seien Solarthermie-Kraftwerke in Deutschland ein Unding. Eine in Jülich entstehende Anlage sei zum Demonstrationsprojekt verdammt, meint Solar Millennium. An wolkenlosen Standorten wie Nordafrika oder Südspanien sei Solarthermie aber in spätestens zehn Jahren gegenüber fossil erzeugtem Strom ohne Subvention konkurrenzfähig. Derzeit sind in Spanien noch Einspeisevergütungen nötig.
Die Stadtwerke München mögen mit ihrem Engagement in Andalusien auf ihre Art ein Vorreiter sein. Allein stehen sie hierzulande aber nicht. Die Initiative "100 Prozent Erneuerbare-Energie-Regionen" will heimische Kommunen und Landkreise dazu bringen, nicht nur ihren ganzen Strom aus regenerativen Quellen zu speisen, sondern auch die für Wärme und Mobilität nötigen Energien. Zudem soll das aus Produktion vor Ort geschehen und nicht durch Zukäufe von der Nordsee bis Südspanien wie in München.
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