Mehr Lohn für die Beschäftigten im Einzelhandel: Inzwischen haben sich sieben Landesbezirke dem ausgehandelten Tarifabschluss in Baden-Württemberg angeschlossen: Saarland, Hessen, Hamburg, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, SAT (Sachsen, Sachen-Anhalt und Thüringen) und vorgestern Bayern. Im Bezirk Niedersachsen-Bremen ist der Schritt nur noch eine Formsache: Der Arbeitgeberverband hat den Unternehmen bereits empfohlen, die Eckpunkte aus dem Kompromiss von Baden-Württemberg zu übernehmen.
In Berlin-Brandenburg sind die Verhandlungen am Laufen. Mittlerweile gehen beide Lager davon aus, dass es zu einem bundesweiten, flächendeckenden Tarifabschluss kommt. Damit hatte der Abschluss in Baden-Württemberg im Juni letztlich Pilotcharakter – zumindest, was die Lohnsteigerungen betrifft. Drei Prozent mehr erhalten die Arbeitnehmer in diesem Jahr, weitere zwei Prozent im kommenden. Die Tarifabschlüsse gelten jeweils für zwei Jahre. Hinzu kommt eine Einmalzahlung von 50 Euro (Azubis: 25 Euro) im April 2012.
Die übrigen Länder dürften die Lohnsteigerungen relativ reibungslos übernehmen. Wenn, dann könnten die Verhandlungen nur noch bei den Ergänzungen zum Manteltarifvertrag „kneifen“, sagt Rainer Marschaus, Vorsitzender des tarifpolitischen Ausschusses des Handelsverbands HDE. Es geht um die Urlaubstage, die für alle auf 36 Tage erhöht werden sollen. Dies galt bislang nur für Arbeitnehmer, die das 30. Lebensjahr vollendet haben. Das Landesarbeitsgericht Düsseldorf hatte im Januar der Klage einer 24-Jährigen stattgegeben, die sich durch den nach Alter gestaffelten Urlaubsanspruch diskriminiert fühlte.
Die Abschlüsse sind höher, als dies im Einzelhandel – der Branche mit hunderttausenden Geringverdienern – in den vergangenen Jahren der Fall war: Sie bewegen sich diesmal etwa auf dem Niveau des gesamtwirtschaftlichen Anstiegs. Seit 1995 lagen die Abschlüsse im Schnitt 0,3 Prozentpunkte darunter. „Wir erleben momentan eine kleine Zeitenwende“, sagt Andreas Scheuerle, Analyst bei der Deka Bank. Nach einer langen Phase blutleeren Wachstums von durchschnittlich 0,2 Prozent jährlich sei der private Konsum spürbar angezogen. „Wir haben heute eine andere Welt als in den Jahren 2002 bis 2010. Das spiegelt sich in den Abschlüssen wider“, sagte Scheuerle.
Keine rauschenden Feste
Er glaubt, dass nach vielen Jahren der Lohnzurückhaltung die Zeit gekommen ist, in der alle Branchen von der positiven Entwicklung deutscher Exporte auf dem Weltmarkt profitieren können. Und zwar ohne Arbeitsplätze und Exportchancen zu gefährden. Branchen mit hohen Produktivitätssteigerungen wie die Metall-, Elektro- oder Chemieindustrie, in denen die Gewerkschaften auch in Zukunft überdurchschnittliche Abschlüsse erzielen dürften, könnten Branchen mit weniger Verteilungsspielraum – wie den Einzelhandel – mitziehen.
Den Gewinnerwartungen der Einzelhändler dürfte der Tarifabschluss kaum schaden – der HDE räumt selbst ein, dass die Lohnerhöhung innerhalb ihrer Planungen liegt. Dennoch warnt der Verband davor, nun „rauschende Feste zu feiern“. Denn der Einzelhandel habe zwar in der Krise weniger gelitten als andere Branchen, profitiere nun aber auch weniger vom Aufschwung.
Analysten wie Alexander Koch von Unicredit schätzen das Umfeld für den privaten Konsum trotz Krisen und Abwärtsrisiken jedoch als „noch ganz ordentlich“ ein: Immer mehr Menschen sind in Arbeit, die Wochen- oder Monatsarbeitszeit steigt, die Arbeitsplätze werden sicherer. Das steigert die Kauflaune, auch für größere Anschaffungen.
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