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17. Oktober 2010

Zugbegleiter: Beleidigt, bespuckt, angegriffen

 Von Joachim Frank und Peter Kirnich
Schaffner brauchen Schutz. Ein fingierter Name kann helfen. Foto: laif

Um sich vor Übergriffen zu wehren, dürfen Zugbegleiter der Bahn falsche Namen benutzen. Per Rundschreiben kam die Mitteilung, dass auf den Namensschildern an den Dienstuniformen Pseudonyme stehen dürfen.

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Berlin/Frankfurt –  

Aylin Yildiz sitzt im ICE und häkelt. Nur daran, sagt die DB-Zugbegleiterin augenzwinkernd zu ihrem Kollegen Boris Rakitic (Namen geändert), könne er erkennen, woher sie stammt. Nach Dienstschluss unterhalten sich die beiden Bahnmitarbeiter über ihre Herkunft: Er kommt aus Bosnien, sie aus der Türkei. Yildiz’ Sprache verrät das nicht, ihr Hochdeutsch ist perfekt. „Nenn dich im Zug doch künftig Schmidt“, empfiehlt der Kollege.

Solche Namensänderungen sind bei der Bahn jetzt ausdrücklich erlaubt. Per Rundschreiben kam die Mitteilung, dass auf den Namensschildern an den Dienstuniformen Pseudonyme stehen dürfen. Zu ihrem eigenen Schutz, erklärt eine Bahnsprecherin. Beschimpfungen, Beleidigungen, Androhung von Gewalt – „für viele unserer Mitarbeiter ist das leider oftmals der Arbeitsalltag“.

Vor allem im Regionalverkehr lebten Zugbegleiter gefährlich, weil dort die Übergriffe besonders zahlreich und zum Teil sehr brutal seien. Auf einem Bahnhof im Kreis Erlangen (Bayern) wurde vor einigen Wochen eine Zugbegleiterin hinterrücks auf den Kopf geschlagen. Der Lokführer fand sie bewusstlos am Bahnsteig. Im Kreis Lichtenfeld (ebenfalls Bayern) traten zwei Jugendliche einen Schaffner aus dem Abteil, weil er sie beim Schwarzfahren erwischt hatte. Zwei von vielen Beispielen.

„Jährlich werden mehr als 800 Körperverletzungen gegenüber DB-Mitarbeiter angezeigt“, sagt der Sprecher der Bundespolizei, Kristian Veil. Höhepunkt waren 865 Anzeigen 2008. Im vorigen Jahr waren es 836. In diesem Jahr wurden laut Bundespolizei bis Ende August 413 Anzeigen gemeldet. Die Palette der Übergriffe reicht von verbalen Pöbeleien über Körperverletzung bis hin zu Sachbeschädigung oder zu Beschimpfungen von Bahnmitarbeitern mit Migrationshintergrund. „Viele Delikte werden gar nicht erst angezeigt“, sagt die Bahnsprecherin. „Das gilt vor allem für Beleidigungen, Beschimpfungen, Bespucken und anderes – also keine unmittelbaren Rohheitsdelikte –, die im Alltag unserer Mitarbeiter fraglos eine Belastung sind, aber selten zur Anzeige kommen.“

Die Gewerkschaft Transnet hat beobachtet, dass auch Fälle sexueller Belästigung von Mitarbeiterinnen deutlich gestiegen sind. Nicht selten seien Beschäftigte zudem Telefonterror ausgesetzt. Reisende würden sich den Namen des Bahnmitarbeiters merken, die Telefonnummer ausfindig machen und ihn dann belästigen. „Wir sind deshalb froh, dass Mitarbeiter, die es möchten, ein Pseudonym auf ihrem Namensschild angeben dürfen. Das ist ein langjährige Forderung von uns“, sagt Transnet-Sprecher Oliver Kaufhold. Im Regionalverkehr gilt die Regelung bereits seit 2009. „Wir werden sie nun auch auf den Fernverkehr ausdehnen“, kündigt die Bahnsprecherin an.

In den meisten Fällen werden Zugbegleiter von angetrunkenen Passagieren, Fußballfans oder Schwarzfahrern beschimpft. Bundespolizeisprecher Veil sieht darin auch ein gesamtgesellschaftliches Problem: „Der Respekt voreinander sinkt. Es gibt leider viele, die meinen, sie müssten eine Dienstleistung wie die Bahnfahrt einfach nicht bezahlen.“

Training für Kontrolleure

Um ihre Mitarbeiter besser zu schützen, bietet die Bahn gemeinsam mit der Bundespolizei ein Deeskalationstraining an. „Dem sollen sich möglichst alle der 4800 Zugbegleiter unterziehen“, sagt die Bahnsprecherin. „Wir bringen den Mitarbeitern bei, wie sie sich gegenüber aggressiven Reisenden oder solchen, die offenbar ohne Fahrschein unterwegs sind, am besten verhalten, ohne diese zusätzlich zu reizen“, erläutert Kommunikations- und Verhaltenstrainer Thomas Frick. A und O sei dabei die Körpersprache. Schon die kleinste Regung könne provozieren oder zur Entspannung beitragen. Frick: „Wir müssen vermeiden, dass der Kontrolleur plötzlich zum Kopfgeldjäger wird.“

Der Gewerkschaft Transnet reichen diese Maßnahmen aber noch nicht aus.. „Wir fordern vor allem, dass die Bahn mehr Sicherheitspersonal einstellt, das Deeskalationstraining bundesweit vereinheitlicht und sich stärker um die Mitarbeiter kümmert, die Opfer von Übergriffen geworden sind“, sagt Sprecher Kaufhold.

Vor einem Monat hat die Gewerkschaft mit der Bahn eine entsprechende Vereinbarung unterzeichnet. Selbst an den Fall, dass sich ein Reisender über einen Bahnmitarbeiter mit Pseudonym beschwert, ist gedacht: „Wir wissen selbstverständlich, wer sich hinter dem falschen Namen tatsächlich verbirgt“, so die Bahnsprecherin.

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