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12. November 2012

Zusatzleistungen der Krankenkassen: Zückerchen für die Versicherten

 Von Daniel Baumann
Auch die Kosten von homöopathischen Behandlungen übernehmen manche Krankenkassen.  Foto: dapd

Eigenbluttherapie, Fangobehandlungen und Homöopathie: Weil es die Finanzen zulassen, zahlen Krankenkassen auch für exotische Behandlungen. Einige sind umstritten, ein Ärzteverband hält die freiwilligen Leistungen für blanken Unsinn. Die Kassen sehen sich im Wettbewerb gestärkt.

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Angesichts ihrer guten Finanzlage verteilen die gesetzlichen Krankenkassen immer häufiger Zückerchen an ihre Versicherten. Freiwillig kommen sie nun auch für medizinische Leistungen auf, die viele von ihnen in wirtschaftlich schlechteren Zeiten nicht bezahlt hätten, zum Beispiel Fango-Behandlungen, Reflexzonen-Massagen oder Osteopathie.

Während im vergangenen Jahr im Durchschnitt jede Krankenkasse die Kosten für 6,1 alternative oder anthroposophische Therapien vollständig übernommen hat, sind es in diesem Jahr bereits 8,8 Therapien. Das hat eine Auswertung des Vergleichsportals krankenkassen-kompass.de für die Berliner Zeitung ergeben. Ein deutlicher Anstieg. Zudem übernimmt jede Krankenkasse im Durchschnitt für 2,6 weitere besondere Therapien einen Teil der Kosten (Vorjahr: 2,15).

Mehr bezahlte Therapien

„Die Krankenkassen finanzieren auf Kosten der Solidargemeinschaft jede Menge Unsinn“, wettert Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des NAV-Virchow-Ärzteverbundes. Über den Umweg der freiwilligen Satzungsleistungen böten sie ihren Patienten immer mehr Behandlungsmethoden und Arzneimittel, deren Nutzen zweifelhaft sei. So sei der Nutzen von Behandlungen bei Osteopathien nicht nachgewiesen und gehöre deshalb aus guten Gründen nicht zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung.

Für unsere Zeitung hat Krankenkassen-Kompass.de insgesamt 27 freiwillige Satzungsleistungen aus dem Bereich der Alternativmedizin analysiert. Dazu gehörten unter anderem Behandlungen wie Atemtherapie, Balneotherapie, Eigenbluttherapie, Eigenurintherapie, Fangobehandlungen, Kneipp-Kuren, Homöopathie, Osteopathie oder Reflexzonenmassagen. Das sind Leistungen, die nicht im Pflichtkatalog der gesetzlichen Krankenversicherung stehen, etwa weil sie medizinisch fragwürdig oder nicht wirtschaftlich sind.

Kassen mit Strauß neuer Angebote

Im Vergleich zum Vorjahr werden deutlich mehr dieser Leistungen von den Krankenkassen bezahlt. Starke Anstiege gab es bei Reflexzonenmassagen (plus 68 Prozent), Eigenbluttherapien (plus 78 Prozent) und der Irisdiagnostik (plus108 Prozent). Die Zahl der Kassen, die Theater- und Musiktherapien zahlen, hat sich verdoppelt. Wer eine Schlammkur machen will, findet bei 36 Krankenkassen Unterstützung, im Vorjahr waren es nur 29.

Die Ausweitung der Leistungen gehört zur Strategie insbesondere der Krankenkassen mit guter Haushaltslage. Seit dem Jahresanfang versuchen sie ihre Konkurrenten mit einem Strauß neuer Angebote zu übertreffen. Und das nicht nur im Bereich der alternativen oder anthroposophischen Behandlungen. Plötzlich gibt es auch kostenfreie Medikamente für Kinder und Schwangere, Zuschüsse zur sportmedizinischen Untersuchung und neue zahnmedizinische Leistungen. Und das sei nur der Anfang, kündigte manche Krankenkasse ihren Versicherten bereits an. Weitere neue Angebote würden demnächst folgen.

Wofür die Kassen zahlen.

Unter dem Spardruck der vergangenen Jahre waren freiwillig gewährte, in der Satzung der Krankenkassen festgehaltene Leistungen („Satzungsleistungen“), immer seltener geworden. Die Krankenkassen sahen in diesem Bereich eine Möglichkeit, ihre Kosten zu reduzieren. Die Ausgaben dafür wurden kontinuierlich kleiner: Von 884 Millionen Euro im Jahr 2009 sollen sie in diesem Jahr auf 698 Millionen Euro sinken. Noch wird die Leistungsausweitung in den Bilanzen der Versicherungen nicht erkennbar.

Für das kommende Jahr erwartet der Schätzerkreis beim Bundesversicherungsamt für die Krankenkassenausgaben aber einen deutlichen Anstieg der Kosten auf 834 Millionen Euro. Das würde im Vergleich zu diesem Jahr eine Zunahme um ein Fünftel bedeuten.

Auf Kosten der Beitragszahler

Der Schätzerkreis geht davon aus, dass die Krankenkassen Satzungs- und Ermessensleistungen zunehmend als wettbewerbliches Instrument einsetzen werden. Befürworter dagegen begrüßen das als willkommenen Leistungswettbewerb und freuen sich über die größere Angebotsvielfalt.

„Wir begrüßen die aktuelle Entwicklung und können allen gesetzlich Versicherten nur empfehlen, regelmäßig die eigene Krankenkasse auf den Prüfstand zu stellen“, erklärt der Geschäftsführer von Krankenkassen-Kompass.de, Patrick Zinn. „Letztlich entscheiden die Kunden, welche Leistungen sie für wichtig erachten.“

Kritiker halten die Kostenübernahme für Behandlungen mit wissenschaftlich umstrittenem oder nicht bewiesenem Nutzen dagegen für eine reine Geldverschwendung. „Die Absicht ist klar: Die Kassen wollen ein bestimmtes Klientel bedienen. Und das auf Kosten aller Beitragszahler“, sagt Ärztefunktionär Heinrich. „Das ist Rosinenpickerei durch knallhartes Marketing und hat mit der verantwortungsvollen Versorgung von Patienten nichts zu tun. So geht man mit Zwangsbeiträgen nicht um.“

Auch die Politik und die Krankenkassenaufsicht verfolgen die Leistungsausweitungen mit kritischem Blick. „Hier hat die Aufsicht ein scharfes Auge darauf, dass Kassen keinen medizinischen Unsinn anbieten“, sagte Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) dem Handelsblatt vom Montag. Nicht alles, was die Krankenkassen ihren Versicherten anbieten wollen, stößt auf die Zustimmung der Regierung. Bahr: „Da ist auch vieles inzwischen untersagt worden.“

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