Herr Keller, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie hören, dass sich 100 Professoren für die Betreuung von Doktoranden angeblich haben bestechen lassen?
Das ist nicht zu entschuldigen, die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Aber mich überrascht der Vorfall auch nicht. Auch die Universitäten müssen sich über ihre Strukturen bei der Doktorandenbetreuung Gedanken machen.
Inwiefern?
Offenbar ging es im konkreten Fall ja um außerplanmäßige Professoren. Deren Beschäftigungssituation ist häufig prekär, daher sind einzelne für solche Angebote möglicherweise anfälliger. Die Unis haben eine Verantwortung dafür, dass ihre Kernaufgaben in der Lehre und Nachwuchsförderung unter angemessenen Rahmenbedingungen erledigt werden. Problematisch ist außerdem, dass die Promotion in Deutschland ein sehr intransparentes Verfahren ist. Alles hängt an der Person des Doktorvaters, der allein bestimmt, wer promovieren darf.
Läuft das im Ausland besser?
Das ist sehr unterschiedlich. In den angelsächsischen Ländern etwa dominieren die Graduiertenschulen. Hier ist zwar objektiver geregelt, wer promovieren kann. Dafür ist das Modell aber auch verschulter. Gut wäre eine Kombination aus unserem und dem angelsächsischen Modell.
Was müsste sich noch ändern?
In Sachen Promotion stehen auch die Hochschulen unter Druck. Schließlich ist die Zahl erfolgreich abgeschlossener Doktorarbeiten zu einem Leistungsindikator geworden, der den Unis Geld bringt. Entsprechend wollen sie die Zahl der Dissertationen steigern. Auch dies kann ein Grund dafür sein, dass mit dubiosen Beraterfirmen zusammengearbeitet wurde. Man sollte daher auch fragen, ob es richtig ist, nur auf quantitative Indikatoren abzuheben.
Wenn Sie und ich ehrlich sind, achten wir beim Arztbesuch doch auch stark auf den Titel.
Tatsächlich glauben viele Patienten, jeder Arzt hat einen Doktortitel. In den angelsächsischen Ländern wird dagegen unterschieden zwischen dem praktizierenden Arzt, der seinen Studienabschluss als "medical doctor" gemacht hat, und dem forschenden Mediziner, der wirklich promoviert hat und mit dem "Ph.D." abschließt.
Interview: Yvonne Globert
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