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Sächsisch für Anfänger: „Die Gonsonanden müssen glingen“

Coach Annekatrin Michler bringt Wessis bei, wie man sächselt. Im FR-Interview erklärt sie, warum sie das tut.

Annekatrin Michler bringt Wessis bei, wie man sächselt.
Annekatrin Michler bringt Wessis bei, wie man sächselt.
Foto: privat

Frau Michler, wieso sollte ein Wessi Sächsisch lernen?

Um den Ossi besser zu verstehen, und wertzuschätzen, und um sich gegenseitig besser kennenzulernen. Aber das ist keine Einbahnstraße. Deshalb mein Theaterstück „Säggsisch fier de innerdeidsche Endwigglung“.

Zur Person

Annekatrin Michler ist Coach und Kommunikationstrainerin. Im Hauptberuf bringt sie Führungskräften bei, sich ihrer Schwächen und Stärkenbewusst zu werden. Schon zum zweiten Mal hat sie jetzt Leipziger Erstsemestern Sächsisch beigebracht. Ihr Anliegen ist die „innerdeutsche Entwicklung: Nur wenn wir verstehen, wie wir ticken, fangen wir auch an, uns wertzuschätzen.“ fra

...als Motor der Verständigung?

Genau. Denn der Wessi und der Ossi, das ist ein interkulturelles Thema. Wir sind verschieden sozialisiert und ich − als Coach und Kommunikationstrainerin − nutze das Theater, um Botschaften zur Verhaltensänderung spielerisch rüberzubringen.

In einem Video von Ihrem Kurs an der Uni Leipzig sieht man, wie Sie mit den Studenen die „sächsische Körperhaltung“ einüben. Das sieht aus wie ein alter oder ein desillusionierter Mensch...

Meine provokante Botschaft ist ja, der Sachse ist für die Marktwirtschaft zu weech (weich).

Und warum das?

Der Sachse macht gerne eine Pause, der bleibt mal stehen, und quatscht.

Der Sachse ist faul?

Nein, überhaupt nicht, im Gegenteil. Er hat bloß eine andere Effizienz. Es ist doch so, in der Marktwirtschaft stehen wir alle ständig unter Spannung. Das ist es doch, was die Leute oft so fertig macht. Und der Sachse macht das so nicht mit: Der hält einfach inne, dann trinkt er halt erst mal einen Kaffee und quatscht. Er will sich nämlich nich zorrubbn. Und so entwickelt er seine Visionen.

Der Sachse hat Visionen?

Ja, wenn er gerade mal nichts macht, fällt ihm meist was ein. Der Sachse hat ganz viel erfunden, vom Melittafilter über die Gaslaterne bis zum Teebeutel. Übrigens sind das alles Dinge, die mit Gemütlichkeit zu tun haben.

Aber was hat das mit einer schlaffen Körperhaltung zu tun?

Das ist der Tiefstatus, der zur Kultur des Sachsen gehört. Das kommt durch die kollektive Erziehung. Hier bekamen wir immer gesagt: „Guck’ nicht raus aus der Menge!“, also entwickelte der Sachse eine Körperhaltung des gesenkten Kopfes, der nach vorne gebeugten Schultern, des unsteten Blicks. Der Westeuropäer hingegen lernt, „Sei präsent!“, breite Brust, Schultern nach hinten − was man im Osten gerne mit „Angeber“ assoziiert, während die Wessis uns als Loser sehen. Dabei können wir beide gar nichts dafür, das ist keine Wertung, sondern ein Zustand.

Und zu was soll es gut sein, diese „Loser“-Haltung einzuüben?

Wir brauchen im Alltag beide Zustände. Der Sachse lernt vom Westeuropäer den Hochstatus, um sich besser zu präsentieren und der Westeuropäer lernt mit dem Tiefstatus, mal nachzugeben – eine starke Eigenschaft. Und wir üben den Tiefstatus, um zu verstehen, warum der Ossi so tickt wie er tickt. Der Tiefstatus gehört zu uns, anders können wir gar nicht sächseln, versuchen Sie mal, „Ganslorin“ oder „Bolidig“ mit breiter Brust zu sagen. Das geht nicht. Wenn Sie also irgendwo einen sehen, der so rumhängt: Das muss ein Sachse sein. Sonst gönnen die Gonsonanden nicht glingen.

Ich bin skeptisch. Wer will mit so einem Schluffi was zu tun haben?

Natürlich ist das überzeichnet, um die Teilnehmer zum Lachen zu bringen. Über das Lachen lernen sie und gehen vielleicht offener auf die Sachsen zu. Dann stellen sie nämlich fest, dass der Sachse ein sehr liebenswerter, hilfsbereiter, offener Mensch ist. Wer sächsisch lernt, wird nie wieder trübsinnig sein.

Und warum das?

Weil der Sachse alles Tragische ins Komische verkehrt. Für ihn ist Selbstkritik kein großes Problem, er kann gut über sich selbst lachen: „das habsch ja rischdsch vergeigd“, sagt er dann und lacht. Das kann heilsam sein.

Hat der Sachse auch schlechte Eigenschaften?

Nunu, er ist vielleicht ein bisschen distanzlos, der Sachse ist nämlich ein Forscher, der will alles wissen, er sucht die Nähe und überschreitet da vielleicht auch mal eine Grenze. Wenn er so an einem dran klebt, einen ausfragt und aus seinem Leben erzählt, das irritiert die Wessis. Wenn ich das erzähle, nicken die Studenten immer und erzählen von ihren Erfahrungen: „Ja, meine Vermieter, die sind genauso!“ So was kann auch Aggressionen auslösen. Dabei könnte der liebenswerte, zugängliche Sachse gut als Bindeglied zwischen Westen und Osten wirken. Denn er ist sehr beziehungsorientiert, während der Westeuropäer eher sachorientiert ist.

Das klang jetzt insgesamt wieder eher positiv als negativ...

Na gut. Der Sachse ist sehr empfindlich, wenn man ihn nachahmt.

Aber genau das machen Sie doch in Ihren Kursen! Oder lernt man bei Ihnen gar kein Sächsisch?

Doch, zum Beispiel, dass Blärre oder Blemmbe dünner Gafee ist, dass rumwärschn etwas ist, was der Sachse nicht mag, nämlich Hektik machen, weil ihm sonst dr Nischl brummd. Das tut er übrigens auch, wenn er een zuviel zwiddschern geht.

Interview: Frauke Haß

Datum:  12 | 11 | 2010
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