Harsche Kritik übte der UN-Berichterstatter für Menschenrechte vor zwei Jahren an Deutschland. Eine "Politik der Absonderung" attestierte Vernor Muñoz der Bundesrepublik mit Blick auf den Umgang mit behinderten Kindern. Diese haben nach Ansicht der Vereinten Nationen (UN) das gleiche Recht auf den Besuch einer allgemeinen Schule wie alle anderen auch. Die Realität in Deutschland ist davon aber weit entfernt: nur 15 Prozent der Kinder mit Behinderungen besuchen eine Integrationsschule. 430 000 Kinder gehen auf eine Sonder- oder Förderschule.
Die seit Beginn des Jahres auch in Deutschland in Kraft getretene UN-Konvention zu den Rechten von Menschen mit Behinderung fordert nun ein "integratives Bildungssystem auf allen Ebenen". Der Unterricht an der Regelschule soll demnach tatsächlich die Regel, der an einer separaten Schule für Behinderte die Ausnahme sein. Wie sich die zuständigen Kultusminister dazu verhalten ist noch unklar - sie wollen sich zunächst drei Jahre lang in einer Arbeitsgruppe beraten.
Angebliche Lernstörungen
Für die Verfechter gemeinsamen Lernens ist das deutliche Eintreten der UN für ihr Anliegen schon jetzt ein Meilenstein. "International ist Deutschland mit seiner Aussonderung völlig isoliert", sagt Camilla Dawletschin-Linder aus Hamburg. Seit 23 Jahren setzt sich die Mutter eines Sohnes mit Behinderung in der von ihr mitgegründeten Bundesarbeitsgemeinschaft "Gemeinsam leben - gemeinsam lernen" für den integrierten Unterricht aller ein.
Je nach Bundesland gibt es aktuell bis zu zehn verschiedene Schultypen für Schüler mit körperlichen und geistigen Behinderungen oder mit eingeschränktem Seh- oder Hörvermögen. Die breite Masse der Förderschüler hat eine Behinderung, die medizinisch umstritten ist: 230 000 Jungen und Mädchen gehen wegen einer angeblichen Lernstörung nicht auf eine Regelschule, darunter überproportional viele aus sozial schwachen Familien.
Mit prominenter Unterstützung fordert die Arbeitsgemeinschaft im Manifest "Inklusive Schule jetzt!" eine "grundlegende Neuausrichtung der Bildungspolitik" in Deutschland. Jedes Kind solle Anspruch auf Aufnahme in die allgemeine Schule haben; dort solle die sonderpädagogische Förderung, so sie nötig ist, angeboten werden. Nur so könne der "Reproduktion von Ungleichheit und Armut" Einhalt geboten werden. Der Unterricht in Sonderschulen bedeute "den Einstieg in lebenslange Sonderwege an den Rändern der Gesellschaft."
Unterzeichnet haben das Manifest unter anderem die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Katrin Evers-Meyer (SPD), der Paritätische Wohlfahrtsverband, die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben, das Deutsche Kinderhilfswerk und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).
Dass das Förderschulwesen wenig Erfolge vorweisen kann, stellen viele Experten fest. Nicht einmal 20 Prozent der Förderschüler schaffen einen Hauptschulabschluss und nur 0,2 Prozent erreichen das Abitur. Der Hamburger Erziehungswissenschaftler Hans Wocken kam in einer Studie im Jahr 2000 zu dem Ergebnis, dass Schüler ihre Leistungen nach einer Überweisung an die Förderschule nicht verbesserten, sondern verschlechterten. epd
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