kalaydo.de Anzeigen

Hirnforscher Spitzer im Interview: "Glück rauf, Angst runter"

Hirnforscher Manfred Spitzer zur Wirkung von Musik auf den Menschen.

Prof. Manfred Spitzer ist ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm.
Prof. Manfred Spitzer ist ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm.
Foto: dpa

Herr Professor Spitzer, Sie machen gerne selbst Musik. Was geschieht in Ihrem Gehirn, wenn Sie das Instrument beiseite legen und nur zuhören?

Musik beansprucht das ganze Gehirn, ein Musikzentrum im eigentlichen Sinn gibt es nicht. Melodie, Rhythmus, emotionale Dinge, oder auch Erinnerungen, sorgen dafür, dass Musik im ganzen Hirn wahrgenommen wird. Weil Musik rhythmisch ist und die Motorik anwirft, wirkt sie sich sowohl auf die Gefühle als auch den Körper aus.

Zur Person

Prof. Manfred Spitzer ist ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm. Dort leitet er auch das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL), das sich vor allem mit Neurodidaktik beschäftigt.

Als Autor wurde Spitzer bekannt mit "Geist im Netz" (1996). Zuletzt erschien "Liebesbriefe und Einkaufszentren - Meditationen im und über den Kopf" (2008).

Nehmen Musikexperten und musikalische Anfänger Musik anders auf?

Ja. Der Anfänger nimmt Musik eher ganzheitlich auf. Der sagt "Wow" und ist ganz platt. Das sind eher Gefühle, die da zum Ausdruck kommen. Das passiert vor allem in der rechten Gehirnhälfte. Der Experte kann alles ganz genau einordnen, analysieren und zerlegen. Das macht er vor allem mit der linken Gehirnhälfte.

Kann man dieses "Wow"- Gefühl mit den lustvollen Gefühlen vergleichen, wenn wir Schokolade essen oder verliebt sind?

Das kommt darauf an, was wir uns anhören. Das Belohnungssystem schüttet Glückshormone nur aus, wenn wir Musik hören, die uns gefällt. Interessanterweise schaltet das Lieblingslied einerseits das Belohnungssystem an und gleichzeitig das System, das für Angst verantwortlich ist, ab. Also Glück rauf, Angst runter. Nichts anderes löst diese beiden Effekte gleichzeitig aus.

Nicht einmal Drogen, die ja sehr intensiv auf das Belohnungssystem wirken?

Nein. Manche Substanzen wie Beruhigungsmittel schalten nur das Angstzentrum ab. Andere fahren das Glück rauf, wie Kokain. Aber mir ist keine Substanz bekannt, die beides gleichzeitig macht. Deshalb ist Musik für die Menschen auch so wichtig. 2001 haben in den USA die Leute mehr Geld für Musik als für Medikamente ausgegeben. Das bedeutet ja was.

Kann man Musik als die harmloseste aller Süchte ansehen?

Das würde ich so nicht sagen. Bei einer Abhängigkeit ist das Belohnungssystem gestört. Das Lernen und die Motivation funktionieren dann nicht mehr richtig. Musik nimmt im Gehirn teilweise den gleichen Weg wie die Sucht, ist aber die gesunde Variante.

Warum gibt es biologisch gesehen überhaupt Musik?

Darüber gibt es mehrere Theorien. Eine mögliche Erklärung ist, dass Musik etwas mit Sprache zu tun hat und die Sprach-Entwicklung fördert. Dafür spricht manches, aber nicht alles. Nach einer anderen Theorie soll Musik etwas mit Sozialverhalten zu tun haben. Musik bringt demnach Gruppen in Gleichklang und stimmt ihr Verhalten miteinander ab.

Sie sorgt für Harmonie?

Genau. Dann gibt es noch eine ganz verrückte Überlegung, die auf den US-Evolutionsbiologen Geoffrey Miller zurückgeht. Der hat sich überlegt, dass Musik, gerade weil sie sinnlos ist, ein Produkt sexueller Auswahlmechanismen sei. In der Natur gibt es völlig unnütze Dinge, die sich über die Jahrtausende entwickelt haben.

Gibt es für Sie gute Beispiele?

Ich spreche unter anderem vom Rad des Pfaus und dem riesigen Geweih von Elchen. Die Männchen dieser Arten haben in der Evolution diese Dinge nach dem sogenannten Handicap-Prinzip entwickelt. Sie signalisieren damit den Weibchen: Seht her wie fit ich bin! Trotz dieses Handicaps kann ich überleben! Nun gibt es evolutionsbiologische Überlegungen, warum der Mensch so ein tolles Gehirn hat. Miller meint: Unser großes Gehirn sorgt dafür, dass wir Witze machen, Gedichte aufsagen oder eben Musik machen können. Und trotzdem überleben wir. Musik hat sich danach also evolutionär entwickelt, damit die Männer zeigen können, wie fit sie sind: Dass sie überleben, obwohl sie Musik machen.

Interview: Johannes Schmidt

Datum:  12 | 3 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Quiz

Wie tief erwärmen sich die Meere - welche Tierart hat nichts zu fressen durch Treibhausgase? Testen Sie Ihr Wissen im FR-Quiz.

Aurora Borealis

Wie eine gigantische Lasershow aus dem Weltall wirken die außerordentlich spektakulären Polarlichter - Bilder und Videos.

Spezial
Kindermund tut Wahrheit kund (FR vom 22. November 2011)

Zeichen für den Klimawandel: Erderwärmung, saure Meere, Treibhauseffekt, Ozonloch, Wetterkapriolen und Naturkatastrophen.

Anzeige

Videos
Ressort

Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung


Spezial
www.museocereanatomiche.it

Neue Forschungsergebnisse in der Medizin, der Blick in das Innere des Menschen - mehr zu lesen im FR-Spezial Medizin.

Rückblick auf 50 Jahre
Der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin in seinem Raumanzug bei Übungen zum ersten bemannten Weltraumflug. Gagarin umkreiste am 12. April 1961 in der Raumkapsel Wostok als erster Mensch die Erde.

Zum fünfzigsten Jahrestag des ersten Starts der Menschheit ins Weltall hat die russische Raumfahrtagentur ein Video veröffentlicht.

Anzeige

Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.

Spezial
Blick in die Magellanwolke

Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.

Spezial

Vor vierzig Jahren brachen mutige Männer auf, um einen Menschheitstraum zu erfüllen - die Landung auf dem Mond.

Umfrage: Sind Feedback-Fahrten für Fahranfänger sinnvoll?

Die Koalition plant offenbar, nach österreichischem Vorbild sogenannte Feedback-Fahrten für Führerscheinneulinge einzuführen. Die müssen drei Monate nach ihrer Prüfung erneut Fahrstunden nehmen. Gute Idee - oder Unsinn?

Meistgeklickt
Sängerin Loreen holt mit Euphoria den ESC nach Schweden und siegt in Baku.
Eurovision Song Contest in Baku 
Harry Nutt
Leitartikel zum Eurovision Song Contest 
Ermittler der Spurensicherung der Polizei durchsuchen in Kiel ein ehemaliges Trafohaus auf dem Gelände einer Kfz-Werkstatt.
Einsatz gegen Rockerbande 
Spezial

Sie sollte das Studium vereinfachen, das Hochschulwesen europaweit vereinheitlichen. Die Kritik an der Bologna-Reform lässt nicht nach.

Ein Jahr Fukushima
Test auf Strahlenspuren.

Ein Jahr nach dem 11. März 2011 zeigen wir, wie das Unglück Japan und die Welt verändert hat.

ANZEIGE
- Business
- sonstiges
- Kauftipps!