Herr Professor Spitzer, Sie machen gerne selbst Musik. Was geschieht in Ihrem Gehirn, wenn Sie das Instrument beiseite legen und nur zuhören?
Musik beansprucht das ganze Gehirn, ein Musikzentrum im eigentlichen Sinn gibt es nicht. Melodie, Rhythmus, emotionale Dinge, oder auch Erinnerungen, sorgen dafür, dass Musik im ganzen Hirn wahrgenommen wird. Weil Musik rhythmisch ist und die Motorik anwirft, wirkt sie sich sowohl auf die Gefühle als auch den Körper aus.
Prof. Manfred Spitzer ist ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm. Dort leitet er auch das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL), das sich vor allem mit Neurodidaktik beschäftigt.
Als Autor wurde Spitzer bekannt mit "Geist im Netz" (1996). Zuletzt erschien "Liebesbriefe und Einkaufszentren - Meditationen im und über den Kopf" (2008).
Nehmen Musikexperten und musikalische Anfänger Musik anders auf?
Ja. Der Anfänger nimmt Musik eher ganzheitlich auf. Der sagt "Wow" und ist ganz platt. Das sind eher Gefühle, die da zum Ausdruck kommen. Das passiert vor allem in der rechten Gehirnhälfte. Der Experte kann alles ganz genau einordnen, analysieren und zerlegen. Das macht er vor allem mit der linken Gehirnhälfte.
Kann man dieses "Wow"- Gefühl mit den lustvollen Gefühlen vergleichen, wenn wir Schokolade essen oder verliebt sind?
Das kommt darauf an, was wir uns anhören. Das Belohnungssystem schüttet Glückshormone nur aus, wenn wir Musik hören, die uns gefällt. Interessanterweise schaltet das Lieblingslied einerseits das Belohnungssystem an und gleichzeitig das System, das für Angst verantwortlich ist, ab. Also Glück rauf, Angst runter. Nichts anderes löst diese beiden Effekte gleichzeitig aus.
Nicht einmal Drogen, die ja sehr intensiv auf das Belohnungssystem wirken?
Nein. Manche Substanzen wie Beruhigungsmittel schalten nur das Angstzentrum ab. Andere fahren das Glück rauf, wie Kokain. Aber mir ist keine Substanz bekannt, die beides gleichzeitig macht. Deshalb ist Musik für die Menschen auch so wichtig. 2001 haben in den USA die Leute mehr Geld für Musik als für Medikamente ausgegeben. Das bedeutet ja was.
Kann man Musik als die harmloseste aller Süchte ansehen?
Das würde ich so nicht sagen. Bei einer Abhängigkeit ist das Belohnungssystem gestört. Das Lernen und die Motivation funktionieren dann nicht mehr richtig. Musik nimmt im Gehirn teilweise den gleichen Weg wie die Sucht, ist aber die gesunde Variante.
Warum gibt es biologisch gesehen überhaupt Musik?
Darüber gibt es mehrere Theorien. Eine mögliche Erklärung ist, dass Musik etwas mit Sprache zu tun hat und die Sprach-Entwicklung fördert. Dafür spricht manches, aber nicht alles. Nach einer anderen Theorie soll Musik etwas mit Sozialverhalten zu tun haben. Musik bringt demnach Gruppen in Gleichklang und stimmt ihr Verhalten miteinander ab.
Sie sorgt für Harmonie?
Genau. Dann gibt es noch eine ganz verrückte Überlegung, die auf den US-Evolutionsbiologen Geoffrey Miller zurückgeht. Der hat sich überlegt, dass Musik, gerade weil sie sinnlos ist, ein Produkt sexueller Auswahlmechanismen sei. In der Natur gibt es völlig unnütze Dinge, die sich über die Jahrtausende entwickelt haben.
Gibt es für Sie gute Beispiele?
Ich spreche unter anderem vom Rad des Pfaus und dem riesigen Geweih von Elchen. Die Männchen dieser Arten haben in der Evolution diese Dinge nach dem sogenannten Handicap-Prinzip entwickelt. Sie signalisieren damit den Weibchen: Seht her wie fit ich bin! Trotz dieses Handicaps kann ich überleben! Nun gibt es evolutionsbiologische Überlegungen, warum der Mensch so ein tolles Gehirn hat. Miller meint: Unser großes Gehirn sorgt dafür, dass wir Witze machen, Gedichte aufsagen oder eben Musik machen können. Und trotzdem überleben wir. Musik hat sich danach also evolutionär entwickelt, damit die Männer zeigen können, wie fit sie sind: Dass sie überleben, obwohl sie Musik machen.
Interview: Johannes Schmidt
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