Frau Schulze, viele haben sich gewundert, als Sie zur NRW-Wissenschaftsministerin berufen wurden. Sie sich auch?
Nein. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft rief an einem Sonntagnachmittag an, als ich gerade mit meinem Partner auf dem Balkon Kaffee getrunken habe. Sie sagte: „Ich habe ein Angebot für Dich, das Du nicht ablehnen kannst.“ Und ich habe wirklich sofort gedacht: Super, ich kann persönlich die Studiengebühren abschaffen. Das fand ich toll.
Svenja Schulze (41) ist Wissenschaftsministerin im rot-grünen Minderheitskabinett in Nordrhein-
Westfalen.
Sie muss das zentrale Versprechen des Düsseldorfer Kabinetts durchsetzen und die Studiengebühren wieder abschaffen. Knackpunkt ist dabei die Kompensation für die Universitäten, die die 250 Millionen Euro pro Jahr in neues Personal, Bibliotheken und Labore stecken.
Zuvor waren Sie im Landtag Expertin für Verbraucherschutz.
Als Frau werde ich immer wieder unterschätzt. Viele denken immer noch, nur ein stattlicher Mittfünfziger könne so ein Amt ausfüllen. Das ist natürlich Unsinn. Ich habe Unternehmen beraten, wie sie Mitarbeiter und Prozesse führen, das kommt mir jetzt in meinem Ministerium zugute. Vor allem aber habe ich lange Jahre Hochschulpolitik gemacht und war selbst Asta-Vorsitzende in Bochum. Ich saß sozusagen auf der anderen Seite und das war gut. Das hat mich geprägt und da habe ich viel gelernt.
Sie haben damals im Ruhrgebiet für bezahlbare Studi-Wohnungen gekämpft. Ihr Motto lautete „Miethaie zu Fischstäbchen“. Was wäre Ihr heutiger Slogan als Asta-Vorsitzende?
Studieren muss wieder „Wissen erwerben“ bedeuten. Heute leiden viele Studierende unter diesem so genannten Bulimie-Lernen: Alles Wissen in sich reinfressen, zur Prüfung es wieder von sich geben und dann ist alles vergessen. Furchtbar. Ich hatte eine große Freiheit beim Studium, musste und konnte selbstständig lernen. Das war eine große Chance. Heute ist vieles leider sehr verschult, die Studierenden sind in ein enges Korsett gepresst.
Ihre größte Aufgabe ist die Abschaffung der Studiengebühren.
Es ist mir ein persönliches Anliegen, die Gebühren dauerhaft abzuschaffen. Ich selbst habe in meinem Wohnort Münster erlebt, wie Studierende unter dieser enormen finanziellen Belastung gelitten habe, die saßen weinend bei mir im Büro. Auch ich selbst hätte mit diesen Gebühren von bis zu 1000 Euro im Jahr nicht studieren können. Ich will sie endlich und vor allem rechtssicher abschaffen und den Unis ausreichend Kompensationsmittel zur Verfügung stellen.
Dafür brauchen Sie aber die Linken im Düsseldorfer Landtag. Und die wollen die Gebühren schon zum nächsten Sommersemester abschaffen, sie erst im Wintersemester 2011. Warum?
Dies ist der frühest mögliche Zeitpunkt. Wir müssen das Gesetz zunächst im Landtag beraten und dann in den Haushalt einstellen, das braucht seine Zeit. Wir verschieben das ja nicht aus Boshaftigkeit auf das Wintersemester – früher ist die Abschaffung nicht möglich. Wir wollen und müssen den Universitäten das Geld aus den Studiengebühren seriös ersetzen, das haben wir in der Landtagswahl versprochen und das werden wir auch halten.
Die Linke hat Vorschläge für eine sofortige Gegenfinanzierung. Was machen Sie, wenn die Fraktion ihr Gesetz ablehnt, und Ihnen somit die Mehrheit fehlt?
Es gibt einen breiten gesellschaftlichen Konsens für die Abschaffung der Studiengebühren. Ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Linke das Risiko eingeht, dafür verantwortlich zu sein, dass die Studiengebühren nicht abgeschafft werden. Eine Enthaltung der Linken würde übrigens schon zur Verabschiedung des Gesetzes ausreichen.
Auch der Bologna-Prozess an den Hochschulen setzt Ihnen Grenzen. Wie wollen Sie ihn an Rhein und Ruhr umdrehen?
Es gibt viel größere Spielräume vor Ort, als vielfach angenommen. Ich will alle Hochschulen und die Studierenden an einen Tisch bringen und eine Bologna-Statuskonferenz einberufen. Dort sollen auch Studierende entscheidend mitreden, wie das Studium entschlackt werden kann. Da müssen wir eine ganze Reihe von Fragen klären: Muss man in jedem Kurs eine schriftliche Prüfung verlangen? Warum gibt es eine generelle Anwesenheitspflicht für Vorlesungen? Es ist sinnvoller, Wissen abzufragen als die Teilnahme vorzuschreiben. Warum brechen mehr als 50 Prozent der Bauingenieure ihr Studium ab? Warum sind in Deutschland die Akkreditierungen für ein Studium hunderte Seiten lang und in den Niederlanden nur zwölf? Da müssen wir entrümpeln.
Sie haben Germanistik und Sozialwissenschaften studiert. Brotlos. Würden Sie’s wieder tun?
Unbedingt ja. Ich wünschte mir, die Studierenden hätten weniger Ängste. Meine Eltern waren mutig, obwohl ich die erste aus meiner Familie bin, die studieren konnte, hat meine Mutter gesagt: Mach das, was Dir wirklich Spaß macht, dann erwächst daraus sicher auch ein Job. Und das hat bis heute so funktioniert.
Interview: Annika Joeres
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