Herr Professor Lehrach, denken Sie gerne an die Zeit des Humangenomprojektes und an den großen Tag der Publikation der Daten vor zehn Jahren zurück?
Das war eine wahnsinnig spannende Zeit. Jahrelang hatten wir darüber nachgedacht, wie es wäre, die gesamte Sequenz des Erbguts vorliegen zu haben und auf einmal waren die Daten da und wurden immer besser. Es hat einfach Spaß gemacht, dabei zu sein.
Hat das Wettrennen zwischen den öffentlich finanzierten Forschern und Craig Venters privater Firma Celera Genomics Sie angespornt?
Wir haben so schnell gearbeitet wie wir konnten und auch sehr viel. Aber das machen wir auch heute noch. Um in der Wissenschaft am Ball zu bleiben, ist es nicht mit 35 Wochenstunden getan. Das Wettrennen war zwar spannend, es hat aber wohl vor allem die Politik angespornt, die öffentliche Forschung in diesem Bereich besser zu finanzieren.
Wie groß war der deutsche Beitrag zum Humangenomprojekt?
Deutschland hat 2,5 Prozent der Sequenzdaten beigetragen, also recht wenig. Das lag zum einen daran, dass Deutschland sich erst 1995, mit fünfjähriger Verspätung, dem Projekt angeschlossen hat. Und mit insgesamt 13 Millionen Euro war nur wenig Geld für das Projekt da. Nicht zuletzt weil es innerhalb der Wissenschaftsgemeinde viele Stimmen gegen eine verstärkte Beteiligung gab. Das ganze wurde als stupide Arbeit abgetan, die man ruhig anderen überlassen sollte.
Hans Lehrach (64) hat in Wien Chemie studiert. Er ist seit 1994 Direktor am Max-Planck-Institut für molekulare Genetik in Berlin-Dahlem und hat außerdem eine Professur an der Freien Universität Berlin.
Der Genomforschung widmet sich Lehrach schon seit den 70er Jahren. Zusammen mit anderen Wissenschaftlern hat er das Internationale Humangenomprojekt auf den Weg gebracht.
Und dann wurde diese stupide Arbeit weltweit als Sternstunde der Biologie gefeiert. Waren die Lobeshymnen damals übertrieben aus heutiger Sicht?
Ich betrachte die erste komplette Entzifferung des menschlichen Genoms noch immer als äußerst denkwürdiges Ereignis. Ich denke, sie hat die Biologie ähnlich vorangetrieben wie die Erfindung des Buchdrucks die Wissenschaft und Kultur insgesamt vorangebracht hat.
Die Genomdaten wurden damals als Buch des Lebens bezeichnet. Wie viel davon hat die Forschung bereits durchgearbeitet und verstanden?
Wohl nur wenige Prozent. Wir haben zwar das Buch des Lebens vorliegen, können aber noch lange nicht alles lesen und verstehen. Es ist wie ein Buch, das in verschiedenen fremden Sprachen geschrieben ist und die müssen wir nun nach und nach übersetzen. Es wird noch Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte dauern, bis wir alle Prozesse verstehen, die sich aus dem Erbgutcode ergeben.
Vor zehn Jahren haben Sie und die anderen Genomforscher uns eine personalisierte Medizin versprochen. Sie haben in Aussicht gestellt, Patienten ihren Erbguteigenschaften gemäß zu behandeln. Wann wird diese neue Ära anbrechen?
Wir sind auf dem Weg dahin und in einigen Bereichen wie der Krebsbehandlung sogar schon recht weit. Es stehen bereits erste Computermodelle zur Verfügung, die auf der Basis des Krebsgenoms eines Patienten Auskunft darüber geben, welche Behandlung erfolgversprechend ist und welche nicht. Das Verfahren wird bereits in der Praxis erprobt. Über kurz oder lang wird es die Onkologie aus den Angeln heben.
Aber alles dauert länger als gedacht, nicht wahr?
Das sehe ich nicht so. Verglichen mit gesellschaftlichen Veränderungen wie die Abkehr vom unwirtschaftlichen Bergbau hierzulande, die sich über Jahrzehnte hinzog, entwickelt sich die Medizin blitzschnell.
Wie schnell können Sie Genomdaten heute entziffern?
Die Datenmenge, die wir für das Humangenom in zehn Jahren zu einem Preis von drei Milliarden US-Dollar entziffert haben, sequenzieren wir inzwischen binnen ein bis zwei Tagen für 5000 bis 10.000 US-Dollar. Und es wird effizienter. Bald wird es nur noch 1000 Dollar kosten, das Erbgut eines Menschen abzulesen.
Nach wie vor wünschen Sie sich also eine bessere Förderung der Genomforschung?
Ja. Immerhin sind wir erstmals in der Lage, die Medizin zu revolutionieren. Mit Blick auf die Ausgaben für das Gesundheitssystem würde sich diese Investition sicher bald bezahlt machen.
Wie weit wird uns die Genomforschung in zehn Jahren gebracht haben?
In zehn Jahren wird es individuelle Genomdaten zu einem Spottpreis geben. Und die personalisierte Medizin könnte so weit sein, dass sie Ärzten und Apothekern Computermodelle bereitstellen kann, die anhand der individuellen Erbgutdaten ihres Patienten vor Beginn einer Therapie voraussagen, ob die Behandlung erfolgreich sein wird oder nicht. Jeder hätte dann seinen eigenen virtuellen Patienten als Testperson.
Interview: Anne Brüning
Wie tief erwärmen sich die Meere - welche Tierart hat nichts zu fressen durch Treibhausgase? Testen Sie Ihr Wissen im FR-Quiz.
Wie eine gigantische Lasershow aus dem Weltall wirken die außerordentlich spektakulären Polarlichter - Bilder und Videos.
Neue Forschungsergebnisse in der Medizin, der Blick in das Innere des Menschen - mehr zu lesen im FR-Spezial Medizin.
Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.
Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.