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Kinderarzt Remo Largo im FR-Interview: „Kinder lernen nur von Kindern“

Der Schweizer Kinderarzt Remo Largo spricht über isoliert lebende und auf Erfolg getrimmte Mädchen und Jungen. Und den Druck der auf Eltern und Kindern lastet.

Da können Mutter und Vater so viel mit den Kleinen spielen, wie sie wollen: Richtig voran in der Entwicklung geht es erst  mit Gleichaltrigen.
Da können Mutter und Vater so viel mit den Kleinen spielen, wie sie wollen: Richtig voran in der Entwicklung geht es erst mit Gleichaltrigen.
Foto: dapd

Herr Largo, die niedrige Geburtenrate wird meist nur mit Blick auf das kollabierende Rentensystem diskutiert. Wie wirkt sie sich auf die Kinder selbst aus?

Ganz fatal. Weil Kinder andere Kinder brauchen, um sich zu entwickeln. Wir gehen immer davon aus, dass die Erwachsenen den Kindern etwas beibringen. Das stimmt aber im Grunde genommen gar nicht. Die Erwachsenen funktionieren zwar als Vorbilder; aber das Verinnerlichen und Einüben von Fähigkeiten erlernen Kinder mit anderen Kindern. Studien zeigen, dass Kinder, die in den ersten fünf Lebensjahren nur in Kleinfamilien aufwachsen, sprachlich und sozial nicht so weit entwickelt sind wie Kinder, die in einer Gemeinschaft mit anderen Kindern groß werden.

Zur Person
        

Uni Zürich

Remo Largo ist Kinderarzt und emeritierter Professor für Kinderheilkunde. Von 1975 bis 2005 leitete der heute 66-jährige Schweizer die Abteilung „Wachstum und Entwicklung“ an der Uni-Kinderklinik Zürich. In den Züricher Langzeitstudien verfolgte er die Entwicklung von mehr als 800 Kindern von der Geburt bis ins Erwachsenenalter. Die Datensammlung gilt weltweit als die größte zu kindlicher Entwicklung über zwei Generationen. Seine Bücher „Babyjahre“ (1993), „Kinderjahre“ (1999) und „Schülerjahre“ (2008) sind Bestseller.

Ist das ein Plädoyer für Krippe und Kindergarten?

Es gibt noch eine kleine Minderheit von Familien, wo es die Eltern schaffen, ihre Kinder mit anderen Kindern unterschiedlichen Alters zusammenzubringen. Die meisten sind aber auf Kitas angewiesen. Dabei geht es nicht um die Betreuung des Kindes, sondern um die Entwicklungsförderung durch andere Kinder und eine kindergerechte Umgebung. Die Gesellschaft muss investieren und akzeptieren, dass qualitativ gute Kitas den Staat etwas kosten werden.

Viele Eltern verstehen unter guter Betreuung die bestmögliche Vorbereitung auf eine akademische Karriere ihrer Kinder.

80 Prozent der Kinder, die geboren werden, sind Wunschkinder; ein Kind zu haben, ist also eine bewusste Entscheidung. Und damit verbinden viele Eltern eine hohe Erwartung: Wenn wir denn schon ein Kind haben, dann soll’s auch ein Erfolg werden! Das Kind wird damit zu einem Produkt. Das Kind kommt aber nicht auf die Welt, um die Erwartungen von Eltern und Lehrern zu erfüllen, sondern es soll das Wesen werden, das in ihm angelegt ist.

Was ist falsch daran, Kinder mit Blick auf spätere Erfolge in der Schule möglichst früh zu fördern?

Weil es meistens keine kindergerechte Art der Förderung ist. Richtig wäre es, die Grundfähigkeiten wie Sprache und soziale Kompetenz heranzubilden. Förderung geschieht nicht, indem Kinder möglichst früh Englisch lernen, sondern indem sie vor allem mit anderen Kindern zusammen sind in einer Umgebung, in der sie vielseitig aktiv werden können. Im Alter zwischen zwei und fünf Jahren sollten das etwa drei Stunden täglich sein. Eine Mutter allein kann die fehlenden Kinder nicht ersetzen, auch wenn sie noch so toll mit dem Kind spielt und auf es eingeht.

Eltern machen heute offenbar vieles falsch: Entweder werden sie als Rabeneltern beschimpft, die ihre Kinder vernachlässigen, oder als Helikopter-Eltern, die ihre Kinder überbehüten. Warum ist der Mittelweg so schwer geworden?

Es fehlen uns nicht nur die anderen Kinder, sondern auch weitere Bezugspersonen, zum Beispiel Nachbarn. Ich hatte zum Beispiel damals noch einen Schuhmacher nebenan, den ich heiß geliebt habe. Ich habe als Kind viel in seiner Werkstatt gesessen und zugeschaut, wie er Schuhe beklopft hat. Die Eltern haben es heutzutage wirklich nicht leicht. Sie fühlen sich sehr allein. Ihnen fehlen andere Bezugspersonen, die sie in ihrer Erziehungsarbeit unterstützen. Weil diese Unterstützung fehlt, muss sich die Gesellschaft vermehrt dafür einsetzen.

Hat auch die Schule den Druck auf die wenigen noch existierenden Kinder erhöht?

Die gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Veränderungen üben einen enormen Druck auf die Eltern aus. Viele Eltern sind existentiell verunsichert. Stichworte dazu sind: Finanzkrise, Hartz IV, aufstrebende asiatische Staaten. Die Eltern haben begreiflicherweise Angst um die Zukunft ihrer Kinder. Und so geben sie den Druck an ihre Kinder weiter, insbesondere, was die Schulkarriere anbetrifft. Eltern wenden in Deutschland eine Milliarde Euro pro Jahr für die Nachhilfe ihrer Kinder auf. Die Pisa-Studien haben die Bildungspolitiker aufgeschreckt. Mit Reformen setzen sie die Schulen unter Druck, die den Druck wiederum an die Kinder weitergeben.

Was läuft da falsch?

Wir müssen unsere Lebenssituation als Individuum und Gesellschaft gründlich überdenken. Wie sieht die Zukunft aus? Welche Fähigkeiten brauchen die Kinder, um in einer modernen Gesellschaft bestehen zu können? Von Hand schreiben ist gut, aber mit einem perfekten Zehn-Finger-System auf der Tastatur des Computers zu schreiben, ist offensichtlich besser. Weshalb wird das Schreiben am PC den Kindern nicht beigebracht? Wohl, weil es viele Lehrer selbst nicht beherrschen. Ein anderer Problembereich: Der hohe Ritalinverbrauch in Deutschland zeigt, dass die Erwachsenen Kinder – vor allem Jungen – lieber brav und ruhig gestellt statt zappelig und unaufmerksam haben wollen. Wir sollten uns aber vielmehr fragen: Wie viel Bewegung brauchen Kinder?

Schule heißt aber: viel sitzen und lernen.

Ja, und das ausgerechnet in einem Alter, in dem Kinder sich viel bewegen wollen und sollen. Die kindliche Motorik ist vor allem auf Bewegung im Freien eingestellt. Vermehrt Zeit in der Natur, im Wald wäre wünschenswert. Aber man muss auch sagen: In den Schulen tut sich was. Manche schaffen in den ersten drei Schuljahren die Stühle ab, andere schaffen Stehpulte für Jugendliche an. Studien zeigen ja auch: Wenn Kinder sich mehr bewegen können, erbringen sie bessere Leistungen. Für ein Kind kostet es Energie und Aufmerksamkeit, still zu sitzen. Viele Erwachsene meinen aber immer noch: Weil sie selbst damals durch die Sitzfolter gegangen sind, müssten ihre Kinder das nun auch erleben.

Weshalb ist eine solche Schule nicht mehr zeitgemäß?

Die Schule hatte während mehr als 100 Jahren einen wichtigen Disziplinierungsauftrag in der Industriegesellschaft. Heute leben wir jedoch in einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft, also müssen wir uns darauf einrichten: Kinder lernen dann am besten, wenn sie individuell unterrichtet werden. Wir können Kindern keinen Einheitsbrei mehr vorsetzen. Auch wenn wir das machen, sind sie nachher verschiedener denn je. Wir kommen nicht drum herum, Kinder individuell zu behandeln. Die Verschiedenheit fängt ja schon bei den Babys an, in der Pubertät schließlich gibt es dann eine riesige Entwicklungsspanne zwischen Gleichaltrigen. Man kann Kinder nicht über einen Leisten schlagen.

Was müsste sich sonst noch ändern in der Schule?

Sehr vieles. Die Schule, wie sie das Bildungsbürgertum begründet hat, ist ein Auslaufmodell. Es gibt heute eine Generationenkluft: Die Jüngeren ziehen Knowhow aus dem Netz, da kommen die Erwachsenen nicht mehr mit. Sie bleiben auf ihre Altlasten sitzen. Was nützt den Kindern später mehr: fünf Stunden pro Woche Latein oder Englisch? Und in Mathe könnte man ruhig 30 Prozent des Unterrichtsstoffs kürzen, das geben sogar Experten zu. Warum nicht diese Zeit dazu verwenden, die Schüler medienkompetent zu machen? Aber das heißt, wir Erwachsenen müssen dazulernen, wenn wir die Entwicklung der Kinder nicht behindern wollen.

Interview: Birgitta vom Lehn

Datum:  15 | 12 | 2010
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