Frau Löhrmann, reden wir über den Hamburger Volksentscheid. Wie fühlt es sich an, auf einem Sprungbrett zu stehen und dem Vordermann dabei zuzusehen, wie er gerade eine Bauchlandung hinlegt?
Uns stellt sich die Situation in NRW so ja nicht dar. Natürlich haben wir dem Hamburger Modell Erfolg gewünscht. Aber unabhängig davon haben wir in unserem eigenen Land lange einen anderen Weg geplant und jetzt auch politisch vereinbart – weil man ein Flächenland und einen Stadtstaat nicht miteinander vergleichen kann. Wir haben eine Millionenstadt wie Köln und viele kleine Gemeinden. Uns drohen aber auch nicht die ideologischen Auseinandersetzungen wie in Hamburg, weil wir keinen zentralistischen Ansatz wählen und von Landesseite keine Schulformen abschaffen wollen. Wir wollen keinen Schulkrieg.
Sylvia Löhrmann (Grüne) ist neue Kultusministerin in Nordrhein-Westfalen und stellvertretende Ministerpräsidentin einer rot-grünen Minderheitsregierung mit Hannelore Kraft (SPD) an der Spitze.
Die Lehrerin, die in Essen geboren wurde und dort ein katholisches Mädchengymnasium besuchte, studierte an der Ruhruniversität Deutsch und Englisch und unterrichtete an der Gesamtschule Solingen.
Die Gemeinschaftsschule hält sie für die Schule der Zukunft. Allerdings, so kündigte sie an, sollten Reformen nicht gegen den Willen der Eltern und Kommunen durchgedrückt werden.
In Hamburg ist es nicht gelungen, die sozial Schwächeren für den Volksentscheid zu mobilisieren. Gerade die sollten ja vom längeren gemeinsamen Lernen profitieren. Was lernen Sie daraus für NRW?
Mit Verlaub: Grüne Schulpolitik ist keine Klientelpolitik. Aber Sie haben recht, auch in Hamburg ist es nicht gelungen, klar zu machen, dass das nicht nur eine Reform für Bildungsverlierer ist, sondern eine Reform für alle. Den Anspruch an mehr soziale Gerechtigkeit im Bildungssystem bestreitet, so hoffe ich zumindest, niemand. Es muss gelingen, die Menschen davon zu überzeugen, dass es auch um leistungsstarke Kinder geht. Noch heute hallt die bildungspolitische Diskussion nach, die die 60er und 70er Jahre in Deutschland geprägt hat. Der Versuch, Gesamtschulsysteme umzusetzen, mündete in einer ideologischen Debatte, bei der Chancengleichheit mit Gleichmacherei verwechselt wurde.
Es sind aber auch die klassischen Stammwähler der Grünen skeptisch geblieben. Bildungsbürger, die gerne multikulturell leben, aber wenn es um die Schulwahl der eigenen Kinder geht, lieber auf den altbewährten Weg setzen. Können Sie deren Vorbehalte verstehen?
Ich verstehe alle Eltern, die sagen: „Ich möchte die beste Bildung für meine Kinder.“ Und im Gymnasium sehen offensichtlich nach wie vor Menschen den Garanten dafür, dass das gelingt. Dabei gibt es inzwischen viele andere Wege zum Abitur. Diese Erfahrung auf dem Weg zu mehr Bildungserfolg haben nicht alle Menschen machen können.
Was stellen Sie sich konkret vor?
In der Gemeinschaftsschule werden bestehende Schulformen zusammengeführt und aufgewertet. Das Entscheidende ist, dass auch die Gemeinschaftsschule die Möglichkeit auf einen höherwertigen Abschluss bietet. Das ist das, was die Eltern wollen.
Sie setzen auf die Freiwilligkeit der Kommunen beim Umbau der Schulen. Was, wenn die aber gar nicht interessiert sind?
Erstens bin ich Optimistin. Zweitens sind unsere Kommunen interessiert. Wir sind zuversichtlich, dass wir nennenswerte Entwicklungsprozesse in Gang setzen werden. Da ermutigt mich auch das Beispiel Schleswig-Holstein. Wenn in einer Stadt kein Veränderungsbedarf gesehen wird, dann ist das eben so. Die Gemeinschaftsschule ist eine Antwort auf das drohende Schulsterben auf dem Land. Deswegen ist der Veränderungsdruck hier auch größer. Aber es wird ganz sicher auch Städte geben, die Gemeinschaftsschulen gründen wollen.
Widerstand droht auch von den Linken. Sie sind kaum im Amt, da kündigt der NRW-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Zimmermann schon an, Ihr Schulkonzept nicht zu unterstützen, weil es ihm nicht weit genug geht. Ist die Linke als verlässlicher Mehrheitsbeschaffer damit nicht schon durchgefallen?
Alle Fraktionen des Landtags sind eingeladen, diesen pragmatischen Weg innovativer Schulentwicklung mitzugehen. Radikale Forderungen allein bedeuten noch lange keine gute Schulpolitik. Auch wenn ich mir eine breite parlamentarische Unterstützung wünsche, brauchen wir für die Genehmigung von Gemeinschaftsschulen keine neue gesetzliche Grundlage. Gleichwohl werden wir versuchen, mit allen Fraktionen einen Konsens zu erzielen.
Tatsächlich ist die deutsche Schullandschaft schon jetzt ziemlich unübersichtlich – und dürfte durch die Reformen in NRW noch unüberschaubarer werden.
Wir haben die Bildungsstandards – die gelten bundesweit und für alle Schulformen. Daran wird nicht gerüttelt. Jeder weiß doch, dass zum Teil die Unterschiede zwischen Schulen der gleichen Schulform größer sind als die Unterschiede zwischen den Schulformen selbst. Insofern stellt sich doch die Frage der Standardsetzung, der Qualitätsanalyse und der Qualitätssicherung in jedem System.
Mal zum täglichen Brot einer Kultusministerin. Die Lehramtsanwärter in NRW murren, weil Referendariatsplätze fehlen.
Völlig zu Recht. Hier müssen wir einen Fehler der Vorgängerregierung ausbaden. Trotz großer Werbeaktionen haben CDU und FDP nicht die nötigen Plätze bereitgestellt. Wir haben uns in der rot-grünen Koalition darauf geeinigt, zum ersten Februar die noch fehlenden Plätze zu beschaffen.
Denken Sie oft an Ihre frühere Arbeit als Lehrerin und daran, was Sie an der Bildungspolitik geärgert hat?
Tatsächlich, ja. Über das eine oder andere habe ich mich sicher auch geärgert. Insofern verstehe ich, dass sich Lehrer zuweilen gegängelt fühlen, weil sie doch wissen, wie sie ihren Job am besten machen müssen. Auch das spricht ja für mehr Freiheit und Verantwortung in der Schule. Aber ich war immer schon ein Mensch, der gesagt hat: Wir nehmen unsere Aufgabe ernsthaft und an der Sache orientiert an. So will ich das auch jetzt halten.
Interview: Y. Globert und K. Meier
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