In Oer-Erkenschwick sind pünktliche Schüler bald ein paar Videospiele wert: Die kleine Stadt im nördlichen Ruhrgebiet will "problematischen" Eltern einen Warengutschein von hundert Euro zahlen, wenn sie ihre Kinder rechtzeitig zur Schule bringen.
Für ein ordentliches Pausenbrot, und beispielsweise den Besuch des Elternsprechtages soll es noch einmal Extraprämien geben. "Wir sind mit unserem Latein am Ende und wollen nun diesen kreativen Weg gegen das Schwänzen gehen", sagt Peter Raudszus, Sprecher der Stadt.
Es gebe etwa hundert Familien in der 35 000-Einwohner starken Stadt, bei denen Sozialarbeiter und Lehrer "keinen Fuß in die Tür" kriegen. Da seien neue Wege notwendig.
Starten soll das Projekt so bald wie möglich. Pädagogen, Sozialarbeiter und das Jugendamt sollen darüber befinden, welche Familien die "Bonuskarte" erhalten könnten. Die Gutscheine sollen nicht für Alkohol gelten, sondern etwa für Elektronik- oder Bekleidungsgeschäfte.
Den Großteil zahlen soll das Landesjugendamt über seinen Topf für "innovative Projekte". Neu ist die Idee in jedem Fall. "Uns lag noch kein solcher Antrag vor", sagt der Sprecher des Landesjugendamtes, Markus Fischer. Aber erst nach der Verabschiedung des NRW-Haushaltes, die wegen des Konjunkturpakets auf Februar verschoben ist, könne über solche Projekte nachgedacht haben. Das Landesjugendamt Westfalen lehnt die Pünktlichkeitsprämie bislang aber ab.
Pädagogen und Bildungsexperten beklagen immer wieder einmütig die Vernachlässigung von Kindern. Viele Schüler kämen ungewaschen und unausgeschlafen zur Schule, sie verspäten sich und hätten kein Pausenbrot dabei. "Mittlerweile bringen einige Lehrer selbst Brote mit zur Schule, um die Schüler zu versorgen", erzählt der Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung, Ludwig Eckinger.
Die Zahl der vernachlässigten Kinder nähme dramatisch zu. Trotzdem hält Eckinger nichts von der Prämie. "Hier wird selbstverständliches Verhalten von Eltern mit Geld belohnt - das ist vollkommen absurd." Dies benachteilige alle Erziehungsberechtigten, die ihre Pflichten erfüllen. "Es ist eine Bankrotterklärung unserer Demokratie."
Bislang gehen die meisten Bundesländer mit Strafen gegen Schwänzer und notorische Zuspätkommer vor. Nach Expertenschätzungen fehlen rund zehn Prozent der bundesweit 12,4 Millionen Schüler jedes Jahr unentschuldigt im Unterricht. Manche nur einige Stunden, andere tage- oder sogar wochenweise. Ob nun Strafen oder Belohnungen wirksamer sind ist bundesweit umstritten.
In Berlin zum Beispiel hat die SPD auf einem Parteitag zuletzt über empfindliche Geldbußen und Repressionen debattiert. Über die strittigen Punkte, zum Beispiel über einen schnelleren Entzug des Sorgerechts, soll im Frühjahr ein Parteitag entscheiden.
Die Gewerkschaft GEW hingegen will lieber das Angebot an die Schüler verbessern. Vize-Vorsitzende Marianne Demmer fordert "individuelle Lehrmethoden" an den Schulen. "Ein Lehrsystem nach dem Motto ,Friss oder stirb!' oder ,Im Gleichschritt marsch' bewährt sich nicht." Kinder und Jugendliche müssten die Schule als einen Ort wahrnehmen, an dem sie mit ihren individuellen Fähigkeiten zum Zug kommen, sagt Demmer.
An eine Belohnung für fürsorgliche Eltern hat bislang aber noch niemand gedacht. Michael Wagner von der Universität Köln hat als Soziologe die Schulverweigerer untersucht. Demnach seien Schwänzer häufig diejenigen, die in der Schule schlechte Leistungen zeigten. Wagner findet, die Idee der Prämie sei "zumindest einen Versuch wert".
Grundsätzlich sei es sinnvoller, die Eltern mit positiven Anreizen "zu erziehen", statt ihnen mit Strafe zu drohen. Denn die Bußgelder seien bei den oftmals ohnehin armen Familien schwer einzutreiben und eine Einsicht nicht zu erzwingen. "Keine empirische Untersuchung konnte beweisen, dass Strafen sinnvoll sind."
Der Wissenschaftler kennt viele Gründe dafür, warum Eltern ihre Kinder zu spät oder unregelmäßig zur Schule schicken. Manchmal haben sie nicht genügend Zeit, sich intensiv um ihre Kinder zu kümmern. Zum Beispiel, weil sie berufstätig sind.
Damit fehlt auch eine Kontrollmöglichkeit über den Schulbesuch. Oftmals hätten die Eltern aber selbst nur geringe Schulabschlüsse und sähen den Wert der Bildung nicht. "Die Vorstellung, durch Bildung aufzusteigen, teilen sie nicht", so Wagner.
Vielleicht könnte es gelingen, diese Personen wieder durch eine Geldgabe für die Schule zu interessieren. Die Ratlosigkeit von Eltern und Lehrern ist jedenfalls groß. Oer-Erkenschwick hat schon jetzt einige Anfragen aus anderen Städten erhalten.
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