Mehr Bildung führt nicht nur zu mehr Teilhabe und weniger Armut – sondern auch zu weniger Schwerkriminalität. Das ist das Ergebnis einer Studie der Bertelsmann-Stiftung, die gerade in Berlin vorgestellt wurde. Die Frage „Ist Mord eine Folge schlechter Bildung?“, erklärte der Stiftungsvorstand Jörg Dräger, müsse eindeutig mit „Ja“ beantwortet werden.
In Fallzahlen ausgedrückt kamen Forscher der Frankfurter Goethe-Universität, die die Untersuchung im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung durchgeführt hatten, zu dem Schluss: Wäre es bereits 2009 gelungen, die Zahl der Schulabbrecher zu halbieren (erklärtes Ziel von Bund wie Ländern), hätte es seitdem 416 Morde, 13500 Raubüberfälle und 320000 Diebstähle weniger gegeben. Damit, so Dräger, wäre erstmals erwiesen, was bisher nur als gefühlte Wahrheit existierte: „Dass in den Gefängnissen überproportional viele Menschen mit wenig Bildung sitzen, wussten wir. Aber wir wussten nicht genau: Warum?“
Um das herauszubekommen, haben die Forscher die Daten von rund 1800 Insassen mit denen von rund 1200 in Freiheit lebenden Menschen verglichen und zusätzlich die Kriminalitätsentwicklung in allen westdeutschen Bundesländern über 20 Jahre analysiert. Dabei stellte sich – wenig überraschend – heraus, dass kriminelle Karrieren wesentlich von der Familie mitgeprägt werden: Hatten bereits die Eltern Vorstrafen, stieg die Wahrscheinlichkeit für eigene Knast-Aufenthalte um beinahe ein Viertel.
Auch dass Kinder aus schwierigen Verhältnissen häufiger bildungsfern aufwachsen, ist bekannt. Aber: Auch wenn man Faktoren wie soziale Herkunft, Wohnmilieu und Arbeitslosenquote „herausrechnet“, bleibt der Schulabschluss signifikant. Wer keinen Hauptschulabschluss gemacht hat, hat im Vergleich zu einem statistisch ansonsten vergleichbaren Menschen eine zehn Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, schwerkriminell zu werden. Mit dem Realschulabschluss wiederum sinkt die Wahrscheinlichkeit für schwere Straftaten um knapp sieben Prozent.
1,42 Milliarden Euro sparen
Nachdem die Stiftung bereits 2009 die volkswirtschaftlichen Folgekosten der zahlreichen „Risikoschüler“ in Deutschland vorgerechnet hat, kalkulierte sie auch dieses Mal, was der Gesellschaft erspart werden könnte. Nur halb so viele Schulabbrecher würde demnach auch bedeuten: 1,42 Milliarden Euro im Jahr weniger Kosten durch Kriminalität. Als Konsequenz forderte Dräger, als Ex-Wissenschaftssenator in intimer Kenntnis der Konflikte zwischen Bildungs- und Finanzressort, ein Sofortprogramm für Schulen in Brennpunkten: „Mehr Geld, extra Anleitung – und die besten Lehrer und Schulleiter.“
Vor allem aber forderte Dräger, das System der Sonderbeschulung für Kinder mit Behinderungen „zügig und konsequent“ abzuschaffen. „Mehr als jeder zweite Schulabbrecher kommt von einer Förderschule“, so Dräger, darunter viele, die mit Lern- oder Sprachproblemen dorthin „abgeschoben“ würden.
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