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70.000 Stellen unbesetzt: Vom Chefarzt zum Krankenpfleger

Migranten könnten den Fachkräftemangel entschärfen, wenn ihr Studium anerkannt würde.

Ein Studium in Osteuropa qualifiziert nicht automatisch für eine Mediziner-Karriere  in Deutschland.
Ein Studium in Osteuropa qualifiziert nicht automatisch für eine Mediziner-Karriere in Deutschland.
Foto: getty

Rund 20 Milliarden Euro Umsatz gehen deutschen Unternehmen im Jahr durch die Lappen, weil sie Stellen für Ingenieure, Informatiker und Naturwissenschaftler nicht besetzen können, schätzt das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW). 70 000 Stellen in diesen Bereichen blieben 2007 unbesetzt. Eine dieser Lücken hätte Irene Fröhlich gerne gefüllt. Doch das Studium der Deutschstämmigen aus Tadschikistan galt in Deutschland nichts, ihr Abschlusszeugnis war wertlos.

Mit dem in Europa bislang einzigartigen neuen "Studienprogramm Informatik für Migranten" der Universität Oldenburg soll sich das jetzt ändern. "Wir müssen unser Bild von Migranten ändern", sagt Rolf Meinhardt vom Interdisziplinären Zentrum für Bildung und Kommunikation in Migrationsprozessen (IBKM) der Oldenburger Hochschule. "Statt sie nur als hilfsbedürftige Flüchtlinge zu sehen, sollten wir darauf schauen, welche Fertigkeiten und Qualifikationen sie mitbringen."

Informatik für Migranten

Die Universität Oldenburg bietet neu das Studienprogramm "Informatik für Migranten" an. Es ist gedacht für Ausländer, die in ihrer Heimat, Informatik, Mathe oder ein ähnliches Fach studiert haben, deren Abschluss in Deutschland aber nicht anerkannt wird. Bewerbungsschluss für das Sommersemester ist am 15. März. Anlass war eine Studie der Hochschule, wonach sehr viele der jüdischen Immigranten sowie der Spätaussiedler und anerkannten Asylbewerber zwar hoch qualifiziert sind, aber in schlecht bezahlten Branchen arbeiten müssen.

Kopfschüttelnd erzählt der emeritierte Pädagogik-Professor von einem Chefarzt aus Kasachstan, der in Hannover eine Stelle als Hilfskrankenpfleger antreten musste. Seine Zeugnisse und Referenzen wurden nicht anerkannt - der Mann wurde automatisch als ungelernte Arbeitskraft eingestuft. "Das ist nicht nur entwürdigend, sondern auch eine gewaltige Verschwendung an geistigen Ressourcen - brain waste", sagt Meinhardt, der sich seit mehr als zwei Jahrzehnten mit der Thematik befasst.

Während deutsche Mitarbeiter einer Baumschule etwa eine defekte Maschine in die Werkstatt brächten, schaue ein Traktorist aus der ehemaligen Sowjetunion erst einmal selbst unter die Motorhaube. "Es gibt bei Migranten viel verstecktes Wissen, auf das wir nur zugreifen müssen", sagt Meinhardt.

Ganz ähnlich ist es auch bei Irene Fröhlich. 1963 in der Kleinstadt Kujdyschew, geboren, hat sie 1980 bis 1985 zehn Semester Betriebswirtschaft und Informatik in Tadschikistans Hauptstadt Duschanbe studiert und anschließend als Diplom-Ingenieur-Ökonomin in einem Staatsbetrieb für die Wartung von Bussen und Landmaschinen gearbeitet. "Ich war dafür zuständig, Arbeitsprozesse EDV-gestützt zu optimieren", erzählt sie. Im Februar 1989 ging sie mit Ehemann Edmund und ihrem ersten Sohn Arthur nach Deutschland: "Die Lage war angespannt. Nationalisten wollten Tadschikistan für sich - wir Deutsche waren damals schlecht gelitten."

Ökonomin im Sozialismus

In der Gemeinde Belm im Osnabrücker Land wurden Fröhlichs heimisch. Glücklich wurden sie nicht: "Es war, als ob ich ein ganzes Leben in der alten Heimat gelassen hätte", sagt Irene. Von ihren Kenntnissen wollte niemand etwas wissen. Man schmunzelte auch schon mal über die "Ökonomin" aus dem abgewirtschafteten Sozialismus. So pflegte Irene Fröhlich ihre Mutter, machte eine SAP-Fortbildung und schließlich eine Umschulung zur Bürokauffrau. Kurzzeitig fand sie eine Stelle als Regionalsekretärin der evangelisch-lutherischen Kirche, bezahlt vom Arbeitsamt.

Inzwischen sitzt die 46-Jährige wieder in Hörsälen. Im Herbst hat sie als eine der ersten fünf Teilnehmer das Oldenburger Studienprogramm Informatik begonnen. In zwei bis drei Semestern soll sie ihren Master of Science in der Tasche haben, der europaweit akzeptiert wird. Wer weniger qualifiziert ist, der kann auch in drei bis sechs Semestern den Bachelor anstreben.

Zwei halbe Stellen hat die Uni geschaffen, um die bis zu 20 Studierenden pro Jahrgang zu begleiten. Eine promovierte Informatikerin aus Moskau und eine Psychologin geben Hilfestellung bei der Auswahl der Lehrveranstaltungen und notfalls auch Förderunterricht etwa in Programmiersprachen. "Ich habe noch nie so motivierte Studenten erlebt", berichtet Meinhardt, "die wollen schon im ersten Semester ihre Master-Arbeit besprechen."

In Oldenburg hat man langjährige Erfahrungen in der Arbeit mit ausländischen Akademikern. Schon 1985 haben Meinhardt und Kollegen einen Ergänzungsstudiengang für Unterricht mit Kindern nichtdeutscher Muttersprache eingerichtet. Interkulturelle Pädagogik hat seither mit drei Lehrstühlen einen festen Stellenwert an der Hochschule. Das IBKM koordiniert die verschiedenen Angebote in diesem Bereich.

Eine Studie der Oldenburger aus dem Jahr 2004 war auch Anlass für das neue Projekt: Ein großer Teil der jüdischen Immigranten aus Osteuropa, der Spätaussiedler und der anerkannten Asylbewerber verfügt demnach über eine hoch qualifizierte Ausbildung und ein dauerhaftes Bleiberecht, darf aber in seinem eigentlichen Beruf nicht tätig werden. Eine Überprüfung in den Ministerien der Niedersächsischen Landesregierung ergab, dass selbst dort viele Migranten deutlich unter ihrer Qualifikation beschäftigt waren. 2006 entstand daraus der Bachelor-Studiengang "Interkulturelle Bildung und Beratung" vornehmlich für Pädagogen, Sozialwissenschaftler und Ethnologen, deren Pech oft nur darin besteht, in ihrer alten Heimat nur ein Fach studiert zu haben, während es hierzulande mindestens zwei sein müssen.

2008 folgte das Studienprogramm für Informatiker. "Der Fachbereich Informatik hat sofort erkannt, dass er damit sein Profil schärfen kann", sagt Meinhardt. So richtig eingeschlagen ist das Programm mit fünf statt 20 Studierenden allerdings noch nicht. Rolf Meinhardt sieht vor allem finanzielle Gründe: "Viele Bewerber leben von Hartz IV, sollen bei uns aber die vollen Studiengebühren von insgesamt 720 Euro pro Semester zahlen."

Die Bundesagentur für Arbeit habe sich bislang außer Stande gesehen, diese Kosten als Fortbildung zu bezahlen. Schließlich, so die schlüssige wie irrsinnige Argumentation, hätten die Betroffenen ja bereits einen gültigen Studienabschluss. Dass Deutschland diesen nicht anerkennt, spielt dabei keine Rolle.

Autor:  MARTIN WEIN
Datum:  11 | 3 | 2009
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