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20. Juni 2012

Abitur für Zirkuskinder: Von der Manege in den Schulwagen

 Von Michael Billig
Foto: dpa

Weil Nachwuchsartisten im Zirkus zwischen Wohnwagen und Manege aufwachsen, kommt die Schule oftmals zu kurz - oder die Lehrer gaben ihnen eine Sonderrolle. Nun haben erstmals haben zwei Zirkuskinder in Deutschland ihr Abitur gemacht - in einem rollenden Klassenzimmer.

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Leslie Maatz ist ein Schlangenmädchen. Die 19-Jährige kann ihren zierlichen Körper so weit verbiegen, wie sie will. Als Leslie klein war, brachten ihr mongolische Artisten die Akrobatik bei. In diesem Jahr nun hat die junge Frau aus dem Zirkus Proscho ein ganz anderes Kunststück vollbracht. Sie legte ihr Abitur ab. Das ist eine kleine Sensation. In der Zirkuswelt ist niemand bekannt, dem das zuvor gelungen ist. Leslie Maatz und ihre Mitschülerin Adela Alvarez vom Zirkus Roncalli sind damit die ersten Zirkuskinder in Deutschland, die die Hochschulreife erlangt haben.

Bis zu 12 000 reisende Kinder

Rund 200 Zirkusse reisen durch die Republik, die meisten sind Familienunternehmen. Ihre Kinder wachsen zwischen Wohnwagen und Manege auf. Die Schule müssen sie beinah wöchentlich wechseln. Etwa 10 000 bis 12 000 Kinder beruflich Reisender sind in Deutschland unterwegs. Dazu gehört der Nachwuchs reisender Handwerker, Marktbeschicker, Schausteller, Puppenspieler und Binnenschiffer. Etwa zehn Prozent sind Zirkuskinder. Studien über ihre Bildungssituation existieren kaum. Erfahrungen zeigen aber, dass es etliche Probleme gibt. Um Lösungen muss gerungen werden. In Nordrhein-Westfalen hat sich eine Schule dem Nomadenleben angepasst.

„Setz Dich mal da hinten hin und mal ein Bild.“ So oder so ähnlich reagierten noch bis vor wenigen Jahren viele Lehrer, wenn ein Zirkuskind in ihre Klasse kam. Den Gastschülern blieb häufig nur ein Stuhl in der letzten Reihe. Nach ein paar Tagen waren sie wieder weg – ohne viel gelernt zu haben. Doch die Situation habe sich verbessert, sagt Martin Treichel von Berid, einem Verband, der die schulische Bildung von Kindern beruflich Reisender fördern will. Treichel zufolge kommt dabei sogenannten Bereichslehrern eine wichtige Rolle zu. Sie decken bestimmte Regionen in einem Bundesland ab, gelten als Ansprechpartner für das fahrende Volk und sollen den Gang zur Schule erleichtern.

Schule für Circuskinder - in der Regel findet der Unterricht im Wohnwagen statt.
Schule für Circuskinder - in der Regel findet der Unterricht im Wohnwagen statt.
Foto: Ilona Surrey

Stets neue Lehrer, neue Mitschüler, neue Bücher

Doch nicht immer finden Zirkus, Schule und Bereichslehrer zusammen. „Es gibt viele Kinder, von denen kriegen wir gar nichts mit“, wie eine Bereichslehrerin aus Thüringen erzählt. Das gelte besonders für Zirkuskinder. Diese seien schwer zu erreichen. Anders als Schausteller. Die blieben schon mal länger an einem Ort, kehrten Jahr für Jahr an die etablierten Festplätze zurück und folgten einer festen Reiseroute. Unter Schaustellerkindern kennt die Bereichslehrerin auch welche, die aufs Gymnasium gehen. Unter Zirkuskindern nicht.

Besserung habe unter anderem das sogenannte Schultagebuch gebracht, sagt Treichel. Es dokumentiert den Wissensstand der Schüler und soll kontinuierliches Lernen ermöglichen. Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat sich dieses Instrument ausgedacht. Es wird zwar von vielen Seiten gelobt. Doch solange Zirkuskinder Woche für Woche eine andere Schule besuchen müssen, bleiben viele Probleme ungelöst: Die Kinder verfügen weder über eine vertraute Lernumgebung noch über feste Schulfreunde. Sie treffen stets auf neue Lehrer, neue Schüler, neue Bücher und neue Lehrkonzepte. Geht es über Ländergrenzen hinaus, kann es sein, dass sie von einer Ferienzeit in die nächste reisen. Sie verpassen bis zu 40 Prozent der Unterrichtszeit. Weil die Kinder häufig wichtige Aufgaben erfüllen, vom Kartenverkauf bis zur eigenen Zirkusnummer, sind Pflegefamilien und Internate selten eine Alternative.

30 rollende Klassenzimmer

Einmalig in Deutschland ist die „Schule für Circuskinder in NRW“. Sie zählt insgesamt mehr als 200 Schüler und 30 Lehrer und wird offiziell als „staatlich genehmigte private Ersatzschule“ geführt. Sie besteht aus 30 rollenden Klassenzimmern. Nordrhein-Westfalen finanziert sie mit jährlich rund zwei Millionen Euro. Träger ist die Evangelische Kirche im Rheinland.

Auch die Zirkuskinder Leslie Maatz und Adela Alvarez haben hier gelernt. Es gelang ihnen, am Dortmunder Westfalen-Kolleg einen speziellen Abitur-Kursus anzuschließen – mit Erfolg.

Samanta (6), Alichia (8) und Joy (14) müssen nicht zur Schule gehen. Schule und Lehrer kommen zu ihnen. Die drei Geschwister vom Zirkus Colani reisen mit ihren Eltern durch Nordrhein-Westfalen. In den letzten drei Monaten hatten sie 14 Stationen. Das Geschäft sei schwierig, berichtet Mutter Alexandra Colani. Manchmal wissen sie in der einen Woche noch nicht, wo sie in der nächsten sein werden. Doch ihre Schule reist ihnen hinterher. Sie rollt in einem Wohnmobil heran. Am Steuer sitzt Simone Wallach, Lehrerin an der „Schule für Circuskinder in NRW“. Sie ist viel auf Achse. Die Lehrerin aus der Umgebung von Gütersloh hat zwei Zirkusse in ihrer Obhut. Den Zirkus Colani steuert sie an zwei Tagen an. Die restliche Zeit der Woche sollen ihre Schüler Hausaufgaben erledigen und selbstständig lernen. Simone Wallach hilft dann aus der Ferne. Trotz der weiten Wege sagt sie: „Wir arbeiten sehr nah am Kind.“

Die 35-Jährige kann vergleichen. Sie kennt den Alltag an einer Grundschule, wo sie nach dem Studium unterrichtet hat. In ihrem Klassenzimmer auf Rädern sind die Gruppen sehr klein. Das Unterrichtsmobil bietet bis zu sechs Schülern Platz. Die Colani-Geschwister sind unter sich. Kinder und Lehrerin duzen sich.

Die „Schule für Circuskinder“ hat schon vor 17 Jahren Fahrt aufgenommen und ist immer noch ein Novum in Deutschland. „Die anderen Bundesländer tun so, als gäbe es bei ihnen keine Reisenden“, beklagt Schulleiterin Annette Schwer. Vor zwei Jahren hat zumindest Hessen in einem Pilotprojekt eine „Schule für Kinder beruflich Reisender“ auf den Weg gebracht. Dort lernen etwa 90 Schüler, zwei Drittel sind Zirkuskinder. „Die Eltern brauchen einen kompetenten Partner, der den Reiseweg begleitet“, sagt Projektleiterin Christiane Desbuleux.

Der Fuhrpark der „Schule für Circuskinder in NRW“ besteht aus 30 rollenden Klassenzimmern. In ihnen haben auch Leslie Maatz und Adela Alvarez gelernt. Ihr Abitur ist auch ein Erfolg dieser Schule. Die beiden jungen Frauen setzten ihre Schullaufbahn an einem Weiterbildungskolleg fort. Das Westfalen-Kolleg in Dortmund, das seit zehn Jahren Berufstätige mittels E-Learning zur Hochschulreife führt, hat ihnen diesen Schritt ermöglicht.

Studium soll dem Zirkus helfen

Es konzipierte einen Abitur-Kurs extra für Zirkuskinder und erwirkte bei der Landesregierung in Düsseldorf dafür eine Sondergenehmigung. Lernpakete, Online-Stunden und jeden zweiten Freitag von morgens bis abends Unterricht in Dortmund – das Abitur war keine Zauberei, sondern harte Arbeit, wie Leslie Maatz erzählt. Es habe von ihr viel Disziplin erfordert. „Man muss konsequent sein und gut planen“, sagt Leslie. Und verrät damit, wie sie die vergangenen drei Jahre bis zur Hochschulreife durchgehalten hat.

Ihr Ehrgeiz steckt offenbar an. Leslies Freund David hat an der „Schule für Circuskinder“ die Mittlere Reife nachgeholt. Der Sohn einer norddeutschen Puppenspielerfamilie kam ohne Schulabschluss zum Zirkus Proscho. Seine Eltern hatten ihn nach der 8. Klasse aus der Schule genommen. David konnte lesen, schreiben und rechnen – das musste reichen.

„Was willst Du mit dem Abitur?“ wurde auch Leslie manchmal gefragt. Wer so fragt, müsse schon älter sein, sagt Annette Schwer. „Viele Eltern haben in ihrer eigenen Schulzeit selbst schlechte Erfahrungen gemacht“, erklärt sie die Skepsis mancher Zirkusleute. Doch sie hat auch ein Umdenken festgestellt. Vor allem ihre Schüler der ersten Generation, die heute selbst Eltern sind, legten Wert auf gute Bildung.

Leslie Maatz weiß ganz genau, was sie mit dem Abi will. Sie will beim Zirkus bleiben und parallel studieren. Ein Fernstudium, das ist klar. Sie schwankt zwischen Pädagogik und Eventmanagement. Es soll auf jeden Fall etwas sein, das ihr im Zirkusleben weiterhilft. Auch der Zirkus selbst könnte davon profitieren.

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