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26. November 2012

Abnehmen: Per Pille zum Wunschgewicht?

 Von Anke Brodmerkel
160 Kilogramm wiegt der junge Chinese. Die neuen Abspeckpillen allein würden ihm nur geringfügig helfen. Sie reduzieren das Gewicht nur um wenige Prozent pro Jahr. Foto: Getty Images

Zwei neue Arzneien helfen gegen überflüssige Pfunde. In den USA sind sie bereits zugelassen. Deutsche Mediziner reagieren zurückhaltend. Denn es gibt Nebenwirkungen.

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Man schlucke eine Pille und der Heißhunger schwindet, die Pfunde purzeln – und Adipositas, krankhaftes Übergewicht, wäre schon bald ein Problem vergangener Zeiten. Zu schön, um wahr zu sein? Vermutlich. Tatsächlich aber hat die US-Arzneimittelbehörde FDA kürzlich zwei neue Arzneien zugelassen, die im Gehirn den Appetit mindern: Belviq des Herstellers Arena Pharmaceuticals und Qsymia von Vivus. Beide Unternehmen haben ihren Sitz in Kalifornien.

Ärzte dürfen die Tabletten stark übergewichtigen Menschen verschreiben, deren Body-Mass-Index (BMI) höher als 30 ist. Leiden die Patienten an Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck oder Typ-2-Diabetes, können die Arzneien schon ab einem BMI von 27 verordnet werden. Diesen Wert hat eine 1,80 Meter große Person schon erreicht, wenn sie mehr als 87 Kilogramm wiegt.

Ein Wundermittel sind die neuen Pillen jedoch nicht: Zum einen ist der Gewichtsverlust, der sich mit ihnen erzielen lässt, begrenzt. Zum anderen sind sie nicht ohne Nebenwirkungen. Deutsche Mediziner gehen dennoch davon aus, dass beide Arzneien bald auch den hiesigen Markt erobern werden. Trotzdem zeigen sie sich vorerst skeptisch. „Medikamente sollten immer erst dann eingesetzt werden, wenn Diäten und eine Umstellung des Lebensstils erfolglos geblieben sind“, sagt Joachim Spranger, Direktor der Medizinischen Klinik für Endokrinologie, Diabetes und Ernährungsmedizin am Campus Mitte der Berliner Charité. „Sie sind auch nicht für Menschen da, die zwar Übergewicht, aber keine gesundheitlichen Probleme deswegen haben.“

Keine Wundermittel

Helmut Schatz, der Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie, sieht das ähnlich und mahnt deswegen zur Vorsicht: „Diese Wirkstoffe sind keine Lifestyle-Medikamente, die eine schnelle Gewichtsabnahme ohne Diät ermöglichen“, sagt er. „Bei den ersten Medikamenten dieser Art, die jetzt nicht mehr erhältlich sind, traten die Risiken erst zutage, als sie schon längere Zeit auf dem Markt waren.“ Der in Bochum niedergelassene Internist spielt dabei unter anderem auf die Appetitzügler Acomplia und Reductil an, die unter anderem zu Suiziden und tödlichen Herz-Kreislauf-Störungen geführt hatten und deswegen seit einigen Jahren nicht mehr verschrieben werden dürfen (siehe Kasten).

Derzeit gibt es in Deutschland nur ein einziges verschreibungspflichtiges Medikament gegen Adipositas: das Mittel Xenical des Schweizer Herstellers Roche. Es wirkt nicht im Gehirn, sondern im Darm. Dort bremst sein Wirkstoff Orlistat die Fettverdauung, so dass ein Teil des aufgenommenen Fetts unverdaut wieder ausgeschieden wird. Den gleichen Wirkstoff, nur in halber Dosierung, enthält das rezeptfreie Präparat Alli der Firma Glaxo Smith Kline. Eine Monatspackung Xenical kostet rund 90 Euro, die die Patienten in der Regel selbst zahlen müssen. Alli schlägt mit etwa der Hälfte der Summe zu Buche.

Der Wirkstoff Orlistat hat sich als sicher erwiesen, ist aber nicht sonderlich beliebt. Denn wer sich nicht hinreichend fettarm ernährt, leidet während der Einnahme leicht an Durchfall und Stuhlinkontinenz. „Für einen Manager oder eine Mutter, die mitten im Leben stehen, ist der Wirkstoff nicht sonderlich geeignet“, sagt Spranger.

Neue Wege, dem Übergewicht zu begegnen, sind dringend nötig. In Deutschland gilt jeder zweite Erwachsene als übergewichtig, fast jeder vierte als adipös. Vor allem die über 50-Jährigen bringen häufig viel zu viele Kilos auf die Waage, Männer sehr viel öfter als Frauen. Diäten und mehr Bewegung alleine helfen den Betroffenen oft kaum mehr. Operationen, bei denen der Magen oder der Darm verkleinert werden, kommen bei ansonsten gesunden Menschen erst ab einem BMI von 40 in Frage. „Wir haben durchaus eine therapeutische Lücke, die neue Medikamente schließen könnten“, sagt Spranger.

Das Präparat Belviq, das künftig von dem japanischen Pharmakonzern Eisai vermarktet wird, enthält den Wirkstoff Lorcaserin. Er aktiviert im Gehirn einen Rezeptor für den Botenstoff Serotonin. Dadurch setzen die Nervenzellen Substanzen frei, die das Sättigungsgefühl verstärken. Bislang ist das Mittel in drei Studien mit insgesamt 8000 adipösen Probanden untersucht worden. Die Teilnehmer erhielten 52 bis 104 Wochen lang entweder Belviq oder ein Placebo. Zusätzlich mussten sie alle eine kalorienreduzierte Diät einhalten und etwas Sport treiben.

Nach einem Jahr war das Gewicht bei den mit Belviq behandelten Patienten um durchschnittlich etwas mehr als drei Prozent gesunken. Ein hundert Kilogramm schwerer Mensch würde demnach im Schnitt mit Belviq drei, höchstens vier Kilo verlieren – ein durchaus magerer Effekt, der in etwa dem von Xenical entspricht. Nur 47 Prozent der Probanden ohne Diabetes und 38 Prozent der zuckerkranken Teilnehmer gelang es, mehr als fünf Prozent ihres Körpergewichts zu verlieren. In den Kontrollgruppen schafften das allerdings nur 23 beziehungsweise 16 Prozent.

Schwindel und Übelkeit

Der bescheidene Effekt ist mit Nebenwirkungen verbunden. Am häufigsten waren Kopfschmerzen, Schwindel, Müdigkeit, Übelkeit, Mundtrockenheit und Verstopfung. Manche Diabetiker litten zudem an zeitweiliger Unterzuckerung. In einer Hinsicht allerdings scheint Lorcaserin sicher zu sein: Verwandte Wirkstoffe hatten in früheren Studien die Herzklappen der Probanden geschädigt – dieses Phänomen war bei der Einnahme von Belviq nicht zu beobachten. Dennoch hat die FDA die Verordnung der Tabletten an eine Bedingung geknüpft: Nur Patienten, die in den ersten zwölf Wochen der Einnahme mindestens fünf Prozent ihres Gewichts verlieren, dürfen Belviq auch weiterhin einnehmen.

Die gleiche Auflage gilt für das Präparat Qsymia, das die Wirkstoffe Phentermin und Topiramat enthält. Beide werden schon länger gegen andere Krankheiten eingesetzt. In Deutschland ist eine Monotherapie mit Phentermin wegen dessen herzschädigender Wirkung verboten. Auch in Kombination mit Topiramat fällt der Wirkstoff negativ auf: In den Zulassungsstudien mit 3700 Adipösen beschleunigte Qsymia bei manchen Probanden den Herzschlag. Auch Depressionen und Suizidgedanken traten vereinzelt auf. Und wenn Frauen die Pillen unwissentlich während einer Schwangerschaft einnehmen, besteht für das Kind ein erhöhtes Risiko, mit einer Lippen- oder Gaumenspalte zur Welt zu kommen.

Dafür scheint Qsymia etwas besser als Belviq zu wirken: Nach einem Jahr hatten die gesunden Probanden durchschnittlich 6,7 Prozent, die mit Begleiterkrankungen 8,9 Prozent ihres Gewichts verloren. Bei rund 62 beziehungsweise 69 Prozent der Patienten, die Qsymia geschluckt hatten, sank das Gewicht um mehr als fünf Prozent. In der Placebogruppe tat es dies nur bei rund 20 Prozent.

Was so einfach klingt, wird also auch in Zukunft eine schwierige Sache bleiben: Selbst mit den neuen Medikamenten purzeln die Kilos nicht von alleine.

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