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ADHS: Immer mehr Pillen

Die Zahl der hyperaktiven Kinder und Jugendlichen steigt. Offenbar sind Mediziner und Eltern auch schneller bereit, Betroffenen Pillen zu verschreiben. Von Katja Irle

Der Verbrauch des Medikaments Methylphenidat ist auf 1735 Kilogramm im Jahr 2009 gestiegen - 2008 waren es 1617 Kilogramm.
Der Verbrauch des Medikaments Methylphenidat ist auf 1735 Kilogramm im Jahr 2009 gestiegen - 2008 waren es 1617 Kilogramm.
Foto: dpa

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die aufgrund der Diagnose ADHS Medikamente nehmen, ist im vergangenen Jahr weiter angestiegen, obwohl das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die Zulassung von Methylphenidat im September 2009 eingeschränkt hatte.

Die Substanz ist in ADHS-Medikamenten wie Ritalin enthalten, mit denen hyperaktive Kinder ab sechs Jahren behandelt werden. Nach Angaben der Bundesbehörde ist der Verbrauch von Methylphenidat auf 1735 Kilogramm im Jahr 2009 gestiegen.

ADHS

Etwa drei bis sechs Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland leiden am Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom. Studien zufolge sind rund 600.000 Minderjährige betroffen, Jungen häufiger als Mädchen.

Viele Faktoren gelten als Auslöser der psychischen Störung, darunter eine genetische Disposition sowie Umwelteinflüsse. Die Störung kann sich unter anderem darin äußern, dass Kinder unruhig und leicht ablenkbar sind, ein gestörtes Sozialverhalten, mangelnde Ausdauer beim Spielen oder in der Schule zeigen. Allerdings ist die Abgrenzung zu einem "normalen" Lern- und Spielverhalten schwer.

Umstritten ist, ob ADHS ohne Medikamente behandelt werden kann. Viele Mediziner gehen davon aus, dass dies vor allem in schweren Fällen nicht möglich ist. Allerdings haben Pillen nicht immer Erfolg: Bei 15 bis 20 Prozent der Patienten zeigen sie keine Wirkung. (ki)Quellen: Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung, www.adhs.info, www.adhs.de

2008 waren es 1617 Kilogramm. Besonders drastisch fällt die Statistik aus, wenn man auf das Jahr 1993 zurückblickt: Dort lag der Erwerb von Methylphenidat durch die Apotheken lediglich bei 34 Kilogramm.

Ärzte diagnostizieren die Störung häufiger

Erklären lässt sich der Anstieg damit, dass Ärzte die Störung häufiger als früher diagnostizieren. Offenbar sind Mediziner und Eltern aber auch schneller bereit, Betroffenen Pillen zu verschreiben.

Diese "Fehl- und Überversorgung" wollte das Bundesinstitut für Arzneimittel einschränken, als es zum ersten September 2009 eine entsprechende Entscheidung der Europäischen Kommission umsetzte und die Verschreibepraxis einschränkte. Danach dürfen Medikamente mit Methylphenidat nur noch dann verordnet werden, wenn andere Therapiemaßnahmen wie Lern- oder Verhaltenstherapie nicht greifen.

Dass die neue Regelung bislang erfolglos ist, zeigt auch eine aktuelle Auswertung von Patientendaten der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK), die der FR vorliegt. Die DAK kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Tagesdosis für ADHS-Medikamente "stetig erhöht": von 2007 auf 2009 insgesamt um zehn Prozent.

Nach den ersten verfügbaren Daten könne man keinerlei Einbruch bei den Verordnungszahlen seit der Neuregelung vom 1. September 2009 sehen, sagt DAK-Sprecherin Reinhild Haacker: "Der erhoffte Erfolg der Richtlinie ist derzeit nicht erkennbar."

Kontrolliert wird die Vergabepraxis der Mediziner bislang nicht. Es handele sich um eine "Selbstverpflichtung" der Ärzte, heißt es beim Bundesinstitut für Arzneimittel.

"Die Ärzte, die bislang verantwortungsvoll mit der Medikamentierung umgegangen sind, werden das auch künftig tun. Andere werden fortfahren, bedenkenlos weiterzuverschreiben", prognostiziert der Psychotherapeut und ADHS-Experte Michael Borg-Laufs, Professor an der Hochschule Niederrhein. Er ist kein Gegner von Medikamenten, warnt aber vor einer Entkopplung von Pillenvergabe und anderen therapeutischen Maßnahmen. Es gebe Kinderarztpraxen, in denen würden Ritalin und andere Medikamente zu schnell verschrieben.

Die neusten Daten der DAK zeigen auch, wann Ritalin und Co. vor allem zum Einsatz kommen. "Durch unsere Zahlen wird der Hinweis belegt, dass die meisten Verordnungen kurz vor oder kurz nach dem Wechsel auf eine weiterführende Schule erfolgen", heißt es. Das verwundert nicht, denn der Druck für Kinder und Eltern ist in dieser Phase besonders groß. Oft stehen Mütter und Väter vor einem Dilemma: ohne Pille keine Versetzung oder kein "Aufstieg" aufs Gymnasium. Das Schul- und Familienleben ist durch ADHS extrem belastet.

Allerdings zahlen manche Kinder für die wieder hergestellte Funktionstüchtigkeit einen hohen Preis: Sie leiden an Nebenwirkungen, darunter Bluthochdruck, Wachstumsstörungen und Reizbarkeit. Die Bewertung der Langzeitwirkung von Ritalin und CO. sowie ihre grundsätzliche Bedeutung für die ADHS-Therapie ist in der Fachwelt umstritten. Viele Schulmediziner halten die Psychopharmaka für gut erprobt und sinnvoll für die Behandlung.

Andere Experten warnen vor einer Ruhigstellung durch Pillen, darunter der Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther. Das Problem der ADHS-Kinder sei keine Aufmerksamkeitsstörung oder ein gestörter Hirnstoffwechsel, sagt Hüther, sondern eine mangelnde Sozialisationserfahrung.

Autor:  Katja Irle
Datum:  6 | 5 | 2010
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