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Ärzte: Gottgleich am Krankenbett

Eine Umfrage unter 700 Medizinstudenten zeigt: Die Nachwuchsakademiker idealisieren den Arztberuf und halten nicht viel von ihren Ausbildern. Eine Tendenz zum Burn-out nehmen viele gar nicht wahr. Von Frauke Hass

Kehrseite der Idealisierung: Die real erlebten Ärzte weichen deutlich vom perfekten Bild ab.
Kehrseite der Idealisierung: Die real erlebten Ärzte weichen deutlich vom perfekten Bild ab.
Foto: ddp

Der Arzt, der neben Apotheker und Pastor die am meisten idealisierte Person im Dorf ist - diese Klischee gewordene Tradition hat sich in die Postpostmoderne gerettet. Zumindest, was das Berufsbild unter Medizinstudierenden angeht.

Das ist das Ergebnis einer Studie an den Universitäten Tübingen und Heidelberg. Nur in einem Punkt dieser Zuspitzung widerspricht Professor Stefan Zipfel, einer der Mitautoren der Studie und Ärztlicher Direktor an der Uni Tübingen: "Eigentlich müssten wir von "der Ärztin" sprechen, nicht "dem Arzt". Denn es dominieren mit mehr als 60 Prozent der Studierenden längst die Frauen."

Ärzte tendieren dazu, sich stark zu verausgaben - etwa in stundenlangen Operationen.
Ärzte tendieren dazu, sich stark zu verausgaben - etwa in stundenlangen Operationen.
Foto: dpa

Die Kehrseite der Idealisierung: Die real erlebten Ärzte weichen den Studenten zufolge deutlich vom perfekten Bild ab. Sie seien weniger gründlich und feinfühlig sowie weniger sympathisch und verständnisvoll. Gleichzeitig zeigten vor allem die männlichen Studenten "Tendenzen zur Selbstüberschätzung", wenn sie sich selbst als vertrauenswürdiger und gründlicher als ihre Ausbilder wahrnehmen, sogar genauso fähig wie diese, aber auch als unsicher und machtlos. Dies müsse "aus Gründen der Patientensicherheit" genau beobachtet werden, warnen die Autoren. Schließlich sei die Wahrnehmung der eigenen Grenzen eine entscheidende Kompetenz des guten Arztes.

Das Team des inzwischen verstorbenen Mediziners Markus Schrauth befragte knapp 700 Medizinstudenten der Uni Tübingen nach ihrem Selbstbild und danach, wie sie praktizierende Ärzte sehen. Die Daten verglichen sie mit einer ähnlichen Studie mit knapp 500 Regensburger Studenten von 1981 (Speierer et. al. Psychother Psych Med, 1984, Bd. 34).

Das Ergebnis: Damals wie heute stellen Medizinstudenten allerhöchste Erwartungen an die Persönlichkeit des Arztes: Fähig soll er sein, vertrauenswürdig, zuverlässig, freundlich, sicher, gründlich und sympathisch. Der reale Arzt gilt bei den 2006 befragten Studenten als gefühlsärmer im Vergleich zu den Ergebnissen von 1981, aber auch als fähiger.

Neigung zur Selbstausbeutung

Die Autoren der Studie sehen einen Zusammenhang zwischen der Idealisierung des Berufs Arzt und einer bei Medizinern häufig zu beobachtenden Tendenz, sich selbst zu verausgaben und auszubeuten. Burn-out und depressive Symptome seien die Folge.

Zipfel nennt das vor allem auch mit Blick auf die Frauen interessant, die ohnehin mehr zur Selbstausbeutung neigten: "An Unikliniken sind sie zusätzlich zu den Diensten ja auch als Forscherin gefragt und müssen eher als die Männer die Herausforderung der Verbindung von Familie und Beruf stemmen. Bei diesen hohen Idealen und Erwartungen an sich selbst, ist das alles in einem 24-Stunden-Tag kaum zu schaffen."

Dass der Arzt im Umgang mit dem Patienten soziale Kompetenz bitter nötig habe, und wie kein anderer in der Lage sein sollte, sich einzufühlen, werde in der Ausbildung kaum berücksichtigt, bemängelt die Studie. Oft sei sogar die gegenläufige Tendenz festzustellen: "So ist zu beobachten, dass die Empathiefähigkeit Medizinstudierender im Verlauf ihrer Ausbildung abnimmt." Viele reagierten mit der Zeit zynisch auf Patienten und Kollegen.

Die Approbationsordnung ist laut Zipfel zwar längst geändert und fordert bereits seit 2003, "in der Ausbildung mehr Wert auf praktische Fertigkeiten und Fähigkeiten sowie auf Kommunikation zu legen, und dies auch zu überprüfen". Doch in Zeiten, in denen die Liegezeiten der Patienten aus Kostengründen extrem verkürzt seien, "ist der Patient für die Lehre am Krankenbett oft kaum noch zu erreichen".

Ein Patient mit Herzinfarkt sei vor 25 Jahren noch sechs Wochen im Krankenhaus gewesen, "heute sind es manchmal nur noch drei bis vier Tage. Das führt zu einer ungeheuren Arbeitsverdichtung". Und wirke sich natürlich auf das Arzt-Patienten-Verhältnis aus: "Die Arbeitsteilung ist so fortgeschritten, dass jeden Schritt ein neuer Kollege vornimmt. Nachher sitzt man dann vor lauter Befunden und sieht den Patienten nicht mehr."

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Autor:  Frauke Hass
Datum:  16 | 3 | 2010
Seiten:  1 2
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