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21. Juli 2014

Agrarwissenschaft: Den Hunger lindern

 Von 
Äthiopische Bauern bei der Arbeit.  Foto: REUTERS

In vielen Ländern fehlt es den Landwirten an Düngemitteln und Wasser, andernorts herrscht pure Verschwendung. Agrarwissenschaftler entwickeln daher eine Weltkarte mit "Strategien gegen den Hunger": Sie beschreibt, was je nach Region und angebauter Feldfrucht unternommen werden müsste.

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In armen Ländern fehlt es den Böden oft an Nährstoffen, damit wichtige Nahrungspflanzen wie Weizen, Mais oder Kartoffeln gut gedeihen können. Insbesondere in vielen Regionen Afrikas, Osteuropas und in Teilen Asiens bringen die Ackerflächen zu wenige Erträge, um die Menschen dort zu ernähren. Der Grund: Den Landwirten fehlt es an Düngemitteln und mancherorts oft auch an Wasser. In anderen Ländern wie den USA, einigen Gegenden Nordindiens und vor allem in China hingegen herrscht pure Verschwendung. Dort werden die Böden viel zu stark gedüngt. Das ist unnötig und belastet die Umwelt, sagt Stefan Siebert vom Institut für Nutzpflanzenwissenschaften und Ressourcenschutz der Universität Bonn: Hier ein Mangel an Düngung und Wässerung, dort ein Zuviel – „ein doppeltes Problem“, wie es der Wissenschaftler formuliert.

Dabei könnte mit gar nicht so viel Aufwand die globale Versorgung mit Lebensmitteln gesichert – und auch die Natur geschont werden, erklärt Siebert. Forscher der Universität Bonn und der Universität in Minnesota (USA) haben deshalb eine „Weltkarte“ mit „Strategien gegen den Hunger“ erarbeitet. Sie beschreibt, was je nach Region und angebauter Feldfrucht unternommen werden müsste, damit weniger Menschen hungern müssen.

Derzeit tun das nach Angaben der Universität Bonn rund eine Milliarde Kinder, Frauen und Männer. Passiert nichts, wird sich die Situation weiter verschärfen, denn bis zum Jahr 2050 soll die Weltbevölkerung Schätzungen zufolge um weitere zwei Milliarden Menschen wachsen.

Eines der wichtigsten Ziele müsse es deshalb sein, so Siebert, die Ernteerträge in den ärmeren Ländern zu erhöhen. Derzeit erwirtschafteten etwa die Bauern in Afrika, Osteuropa und Teilen Asiens „oft nur zehn Prozent dessen, was mit besseren Anbaumethoden möglich wäre“. Vor allem seien sie nicht der Lage, die Böden in diesen Gegenden ausreichend mit Nährstoffen und Wasser zu versorgen: „Die Landwirte dort haben keinen Zugriff auf Düngemittel und können ihre Felder nicht bewässern.“ Zum Vergleich: In Deutschland schöpfen die Bauern ihr Ertragspotenzial zu satten 80 bis 90 Prozent aus.

Mit besseren Anbaumethoden und Technologien könnten sich auch ihre Kollegen in den trockenen Regionen bis zum Jahr 2050 zumindest auf 50 Prozent des Möglichen steigern, sagt der Bonner Agrarforscher. Damit ließen sich weltweit rund 850 Millionen Menschen zusätzlich ernähren.

Eine Voraussetzung dafür ist es allerdings, Agrarland auch wirklich für jenes Gemüse oder Getreide zu nutzen, „das direkt unserer Ernährung zugute“ kommt, führt Siebert aus. Aktuell träfe das insbesondere in den USA, China, Westeuropa und Brasilien „teilweise auf nur noch 20 Prozent der Ackerflächen“ zu. Auch in Deutschland werden nach Angaben des deutsch-amerikanischen Forscherteams derzeit nur noch 40 Prozent der auf Ackerland erzeugten Kalorien direkt für die Ernährung von Menschen verwandt.

Stefan Siebert  Foto: Universität Bonn

Stattdessen würden viel zu viele Pflanzen angebaut, die später für Bioenergie oder Viehfutter verwendet werden, sagt Siebert. Zwar sollen die Tiere den Menschen auch wieder Nahrung liefern, gleichwohl gehe so aber ein Teil des Futters verloren. Denn kein Tier setze das, was es gefressen habe, zu 100 Prozent in Fleisch, Milchprodukte oder Eier umsetzt, erklärt der Wissenschaftler: „Wenn die Tiere sich auf Weiden ernähren, gibt es keine solchen Verluste. Gras können wir Menschen schließlich ja nicht selbst essen.“ Würde man das weltweit beherzigen, so Stefan Siebert, ließen sich vier Milliarden Menschen zusätzlich ernähren, davon allein 2,4 Milliarden in den betroffenen Regionen in Afrika, Osteuropa und Asien.

Um den Markt mit Bioenergie und Viehfutter zu versorgen, werden indes nicht nur Ackerflächen in Monokulturen verwandelt – es ist oft auch der Grund für das Abholzen des Regenwaldes, bei dem Brasilien und Indonesien traurige Spitzenreiter sind. „Zusammen machen sie mit 34 und 17 Prozent in den Jahren 2000 bis 2012 mehr als die Hälfte des weltweiten Verlustes aus“, erklärt Siebert. In Brasilien weicht der Regenwald meist zugunsten von Sojaanbau und Viehweiden, in Indonesien entstehen riesige Palmölplantagen, deren Erträge wiederum in die Produktion von Bioenergie fließen.

Das alles dient nicht primär der menschlichen Ernährung und hat zudem fatale Folgen für viele Tierarten und die gesamte Umwelt. So geht in Indonesien unter anderem der Lebensraum für die bedrohten Orang Utans verloren. Daneben speichert die tropische Vegetation im Regenwald aber auch eine große Menge an Kohlenstoff und bremst dadurch den Klimawandel. „Die Plantagen können das nicht leisten“, erklärt Siebert. Die Folge: Kohlenstoff entweicht in viel stärkerem Maße, die globale Erwärmung beschleunigt sich.

Ein weltweites Problem ist auch Verschwendung von Wasser in den Industrieländern auf der einen und der Mangel an Wasser in vielen armen Regionen auf der anderen Seite. Bei der Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen gebe es aber erhebliches Sparpotenzial durch bessere Methoden, sagt der Bonner Wissenschaftler. Er nennt ein Beispiel: Reis etwa müsse nicht die gesamte Zeit nass sein, es reiche, wenn das Getreide in der Anfangsphase, „wenn es noch klein ist“, stark bewässert werde: „So lassen sich große Mengen einsparen.“

In vielen reicheren Ländern wiederum könnten die Bauern gut auf die Hälfte des von ihnen verwendeten Düngemittels verzichten, ohne dass sie Einbußen bei der Ernte hätten. Stünden diese eingesparten Mengen wiederum den Landwirten in trockenen Regionen wie etwa in Afrika zur Verfügung, so könnten diese ihre Böden besser mit Nährstoffen versorgen und die Erträge in der Folge steigern – ohne dass sie dafür mehr Wasser benötigen.

Doch alle besseren Methoden helfen nichts, wenn nur ein Teil dessen, was geerntet wird, überhaupt beim Verbraucher ankommt. Und dieser Müll ist keinesfalls nur ein Problem der Industrieländer, sagt Stefan Siebert. In unseren Breiten treten die Verluste am Ende der Kette auf, weil die Supermärkte Lebensmittel, die eigentlich noch gut sind, wegschmeißen – und die Kunden später das gleiche tun, wenn das Verfallsdatum nur leicht überschritten ist oder ein Stück Obst eine scheinbare Macke aufweist.

„In den Entwicklungsländern hingegen entstehen diese Verlust gleich am Anfang, bei den Landwirten“, erklärt der Agrarwissenschaftler. Als Gründe nennt er unter anderem schlechte Lagerung, etwa, weil die Möglichkeiten zum Kühlen fehlen. Weltweit käme es dadurch zu Verlusten von 30 bis 50 Prozent – wobei das Luxusverhalten in den Industrie- und die Lagerungsprobleme in den Entwicklungsländern nach Angaben von Stefan Siebert etwa zu gleichen Teilen dazu beitragen.

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