Frau Professor Barré-Sinoussi, im September machte die Meldung weltweit Schlagzeilen, dass es einen Durchbruch auf dem Weg zur Entwicklung eines Aids-Impfstoffs gegeben habe. Ist Optimismus angebracht?
Ich würde von einem ersten Signal sprechen, aber nicht von mehr. Denn dieser Impfstoff bewirkt einen nur sehr mäßigen Schutz. Das reicht nicht - aber wie gesagt, es ist ein erstes Signal, dass es einen Impfstoff geben könnte. Die Studie wirft einige wichtige Fragen auf, etwa ob die beiden Stoffe, die in Kombination angewendet wurden, wirklich die besten für diesen Zweck waren. Die zweite Frage dreht sich um die Schutzwirkung, die mit der Zeit nachgelassen hat. Es gibt also ein Problem mit der körperlichen Immunantwort - der Körper muss sich daran erinnern, dass er geimpft worden ist, wenn er tatsächlich mit dem Virus infiziert wird. Die dritte Frage ist die nach der Virus-Last: Geimpfte Personen, die sich später mit dem HI-Virus infizierten, wiesen die gleiche Virus-Last im Blut auf wie ungeimpfte Infizierte. Läge nach der Impfung eine Stärkung der Immunabwehr vor, hätte die HIV-Infektion eigentlich weniger gravierend sein müssen.
Françoise Barré-Sinoussi ist eine französische Virologin, die zusammen mit Luc Montagnier den Medizin-Nobelpreis des Jahres 2008 für die Entdeckung des Aids-Erregers HIV erhalten hat.
Die Wissenschaftlerin wurde am 30. Juli 1947 in Paris geboren. Am Institut Pasteur gelang ihr 1983 in der Arbeitsgruppe von Montagnier die Isolierung des HI-Virus. Engagiert setzt sie sich seit vielen Jahren im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit ein. Sie ist Beraterin der Weltgesundheitsorganisation WHO und beim UN-Programm Unaids.
Zur "12. Europäische Aids-Konferenz",die ab dem 11.November in Köln stattfindet, werden mehr als 3000 Teilnehmer aus ganz Europa erwartet. Veranstalter ist die European Aids Clinical Society (EACS), in der Ärzte, Klinikärzte und Forscher organisiert sind. Eines der wichtigsten Ziele der EACS ist es, das Interesse an klinischer HIV-Forschung insbesondere bei den jüngeren Wissenschaftlern und Medizinern zu wecken. Ein besonderer Schwerpunkt liegt hierbei auf Osteuropa.
Informationen im Internet: www.eacs-conference2009.com
Also mehr Fragen als Antworten?
Wie gesagt, das ist nur ein erster Schritt, der aber bei der Suche nach weiteren möglichen Impfstoffen hilfreich sein könnte.
Würden Sie eine Prognose wagen, wann der Menschheit ein Impfstoff gegen Aids zur Verfügung steht, in zehn Jahren oder gar in weniger als zehn Jahren?
Nein, das wäre vermessen. Bedenken Sie, wie lange es gedauert hat, bis wir die Ergebnisse der Studie aus Thailand hatten. Die Forscher begannen ihre Arbeit im Jahr 2003. Das sind sehr langwierige Prozesse. Es wird noch lange dauern.
Warum ist die Suche nach einem Impfstoff so schwer?
Das hat mehrere Gründe. Das HI-Virus ist sehr wandlungsfähig und es richtet sich gegen die Immun-Zellen - es ist fähig, die Funktion dieser Zellen sehr schnell zu verändern. Schneller, als diese reagieren können. Das Virus zielt nicht nur auf eine, sondern auf mehrere wichtige Komponenten unserer körperlichen Abwehr. Es verändert sich bei jedem Vermehrungszyklus, zuvor entstandene Antikörper können dann nicht mehr andocken. Das Virus entwickelt verschiedene Mechanismen, der Immunantwort zu entkommen. Hinzu kommt, dass wir zwei verschiedene Typen des Virus mit diversen Untergruppen und Subtypen haben. Und eine Ko-Infektion mit verschiedenen Subtypen kann wiederum dazu führen, dass sogenannte rekombinante Formen entstehen.
Was werden wichtige Forschungsschwerpunkte für die nächsten Jahre sein müssen?
Wir müssen mehr wissen über die entscheidende frühe Infektionsphase und auch darüber, wie das Virus über den Zelldialog das Immunsystem verändert. Ein anderes wichtiges Thema ist das so genannte Reservoir oder Versteck im Körper, aus dem die Viren immer wiederkommen - deshalb kann man bislang auch die anti-retrovirale Therapie nicht absetzen. Und was die Behandlung angeht, müssen wir dabei weiterkommen, die Nebenwirkungen der Medikamente zu reduzieren.
Sie engagieren sich persönlich sehr für den Kampf gegen Aids in den Entwicklungsländern in Asien und Afrika. Sind die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise bereits zu bemerken?
Es hat große Fortschritte gegeben - nehmen wir etwa Kambodscha: Dort bekamen Ende 2008 rund 30000 Menschen die anti-retrovirale Therapie. Doch dieser Tage hören wir, dass der Globale Fonds finanziell selbst in der Krise ist. Länder wie Uganda und Kamerun sind bereits in einer dramatischen Lage - ihnen geht das Geld für die Therapie-Programme aus. Die Industrieländer müssen mehr tun, sie müssen ihre finanziellen Anstrengungen nicht nur fortsetzen, sondern verstärken.
Eine Frage zur Prävention: In diesem Frühjahr hat Papst Benedikt XVI. anlässlich seines Afrika-Besuchs verkündet, dass Kondome keine Lösung für das Aids-Problem seien; Kondome würden es im Gegenteil verschärfen. Was haben Sie gedacht, als sie davon hörten?
Um zu protestieren, habe ich gemeinsam mit Kollegen einen offenen Brief an den Vatikan geschrieben. Wir haben deutlich darauf hingewiesen, dass diese Bemerkungen fatal sind.
Luc Montagnier und Sie haben vor rund 26 Jahren das HI-Virus entdeckt. Was haben Sie anders gemacht, als die anderen Wissenschaftler, um diesen Durchbruch zu erreichen?
Sie wollen mich zu einem Selbstlob zwingen? Nun gut, ich mache es kurz: Wir haben besonders intensiv mit der klinischen Forschung zusammengearbeitet; Beobachtung und Diskussion waren uns ebenso wichtig wie ein undogmatisches Vorgehen.
Pierre Bergé, Lebenspartner des verstorbenen Modemachers Yves Saint-Laurent, hat gerade der französischen Aids-Stiftung Sidaction, bei der auch Sie engagiert sind, gerade weitere zehn Millionen Euro gespendet. Warum sind solchen privaten Initiativen heute im Kampf gegen Aids so wichtig?
In Zeiten schrumpfender Budgets für die Forschung ist das natürlich besonders erfreulich. Das Geld aus dieser speziellen Spende soll übrigens nicht ausschließlich der Forschung dienen, sondern auch für internationale und nationale Präventionsmaßnahmen sowie Community-Arbeit verwendet werden. Die Projekte werden durch ein internationales, fachübergreifendes Team begutachtet. Was die Forschung angeht, kommt es uns darauf an, insbesondere junge Kollegen zu unterstützen.
Interview: Hans-Hermann Kotte
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