Der Mittdreißiger Frank (Name von der Red. geändert) versichert: "In meinem Heimatdorf gibt es keinen Erwachsenen, der nicht trinkt." Diese Einschätzung entspricht vermutlich nicht ganz der Wahrheit. Zumindest nicht, wenn Frank nicht das kleine gallische Dorf im Nordwesten des heutigen Frankreichs meint, sondern einen ganz normalen Ort in der Mitte der Republik.
"Ich trinke auch", ergänzt Frank, "und zwar seit 20, 25 Jahren − jeden Tag. Und ich bin kein Alkoholiker", versichert der schlanke, äußerlich vor Gesundheit strotzende Mann. "Ich weiß, wovon ich rede: Mein Vater war Alkoholiker. Der hat sich jeden Abend so lange Bier hinter die Binde gegossen, bis er um neun umfiel. Und am nächsten Tag ging er wieder auf Schicht. "
1. Hatten Sie schon das Gefühl, dass Sie Ihren Alkoholkonsum reduzieren sollten?
2. Hat es Sie schon aufgeregt, wenn andere Leute Ihr Trinkverhalten kritisieren?
3. Hatten Sie wegen Ihres Alkoholkonsums auch schon Gewissensbisse?
4. Haben Sie morgens nach dem Erwachen auch schon als erstes Alkohol getrunken, um Ihre Nerven zu beruhigen oder den Kater loszuwerden?
Resultat: Mindestens zwei positive Antworten bezeugen das wahrscheinliche Vorhandensein von Problemen, die im Zusammenhang mit übermäßigem Alkoholkonsum stehen. Die Wahrscheinlichkeit eines Alkoholmissbrauchs beträgt: 62 Prozent bei einer positiven Antwort, 89 Prozent bei zwei positiven Antworten; bei drei und vier positiven Antworten 99 Prozent.
Weitere Informationen: www.kenn-dein-limit.info
Was Frank so in Rage versetzt, sind die Zahlen des Epidemiologischen Suchtsurveys des Instituts für Therapieforschung in München. Danach trinken 9,5 Millionen Menschen in Deutschland zu viel Alkohol. Das heißt, sie sind mindestens Risikokonsumenten.
Was das genau ist, definiert die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) so: Frauen, die mehr als zwölf Gramm reinen Alkohol am Tag trinken (bei Männern 24 Gramm), konsumieren riskant viel. Zwölf Gramm entsprechen etwa einem Achtelliter Wein. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist etwas großzügiger und gestattet 20 (Frauen) und 30 Gramm (Männer). Der Unterschied zwischen Frauen und Männern begründet sich durch den unterschiedlichen Anteil an Körperflüssigkeit.
Frank hat seine Lehren aus dem Beispiel seines Vaters gezogen: "Früher habe ich definitiv mehr getrunken, heute lasse ich es meist bei einem Viertel Wein." Womit er gerade noch so außerhalb der Risikogruppe bleibt. Und doch mag er sich nicht beruhigen: "Die Zahlen würden ja bedeuten, dass 70 Millionen Deutsche praktisch gar nicht trinken − und das glaube ich nicht."
Sollte er aber, empfiehlt Psychologe Gallus Bischof von der Uni Lübeck: "Das sind Einschätzungen auf Basis fundierter Daten. Und man weiß auch, dass eine Minderheit für die Mehrheit mittrinkt." Die Trunkenheitsfahrt von Bischöfin Margot Käßmann im Februar sorgte für Diskussionen an den Kneipentischen: "Wie viel Alkohol ist erlaubt?" Moralisch zeichnete sich schnell ab, dass die kolportierten zwei Glas Wein, samt Prosecco und ein, zwei Grappa zu viel waren für die gerne moralisch argumentierende Bischöfin. Am Steuer sowieso.
Doch auch so mancher Suchtexperte schüttelt den Kopf ob dieser Menge. Bischof empfiehlt, sich an die DHS-Menge von maximal einem Achtel Wein für Frauen, einem Viertel Wein oder halben Liter Bier für Männer zu halten. "An mindestens zwei Tagen der Woche sollte man gar nichts trinken, schon um das zu trainieren."
Und wer das nicht schafft? Der geht ein Risiko ein, aber Bischof weiß auch: "Wer seinen Konsum drosselt, tut sich was Gutes. Wenn jemand eine halbe statt einer Flasche Wein am Tag trinkt, ist das ein Gewinn."
Frank sagt zum Käßmann schen Konsum: "Das ist doch völlig normal und ziemlich verbreitet." Doch wo liegt die Grenze zur gesundheitlichen Schädigung? Zur Sucht? Zur schweren Abhängigkeit? Sind Frauen, die fünf mal die Woche zwei Glas Wein (à 0,2) trinken, schon am Rande der Trunksucht?
Professor Andreas Heinz, Leiter der Psychotherapie an der Berliner Charité, warnt vor Kurzschlüssen: "Die Trinkmenge ist individuell so unterschiedlich, die sagt zum Suchtrisiko nicht unbedingt etwas aus." Vielleicht sei es "pädagogisch angemessen", Männern zu empfehlen, täglich nicht mehr als einen halben Liter Bier zu trinken. "Fest steht, es gibt Gesellschaftsbereiche, in denen viel mehr Alkohol getrunken wird als ein Glas Wein am Tag." Je mehr man trinke, desto größer sei auch die Gefahr. "Wer akut viel verträgt, hat ein erhöhtes Risiko, abhängig zu werden. Wer andere unter den Tisch trinkt, ist deshalb nicht gefeit gegen Alkohol."
Organschäden und das Verlangen nach Alkohol "können Symptome der Abhängigkeit sein". Auch wenn Menschen andere Vergnügungen vernachlässigten, sei das ein Warnzeichen. "Ich hatte mal einen Patienten, der hat früher Skat in der Kneipe gespielt, hörte damit aber auf, weil er immer so viel trank, dass er mit dem Auto nicht mehr hätte heimfahren können." Also blieb er zu Hause und trank dort.
Zu den wichtigen Signalen einer Abhängigkeit gehöre die Toleranzentwicklung. Wenn jemand in einer Krise wie Arbeitsverlust oder nach einem Todesfall mehr und mehr trinke, "gewöhnt sich das Hirn an den Alkohol, und man muss man immer mehr trinken, um eine Wirkung zu erreichen."
Zum Kernkriterium habe der Alkoholforscher Griffith Edwards jedoch Entzugssymptome erklärt. "Wer sich nicht sicher ist, ob sein Konsum problematisch ist, sollte den Alkohol einfach mal weglassen: Schwitzen, Zittern, Unruhe, Kreislaufprobleme sind Hinweise auf ein Suchtproblem." Bei bestehender Abhängigkeit solle man das aber nicht ohne ärztliche Begleitung tun, damit keine Krampfanfälle oder andere bedrohliche Symptome auftreten.
Wenn sich das morgendliche Zittern nur mit dem Griff zur Flasche abstellen lässt, sprechen Ärzte von schwerer Abhängigkeit.
Wer zu viel Alkohol trinkt, lebt riskant: Herz, Leber, Bauchspeicheldrüse, Immunsystem, Magen und Darm, können Schaden nehmen, Bluthochdruck und bestimmte Krebserkrankungen sind Folge von Alkoholmissbrauch, warnt Bischof, "und Schwangere, die trinken, setzen ihr Baby einem sehr hohen Risiko aus".
Bischof kennt die Gedankengänge jener Menschen, die den geistigen Getränken zuneigen: "Glauben Sie nicht, dass es besser ist, wenn Sie auf das tägliche Viertel verzichten und dafür am Wochenende alles auf einmal hinunterstürzen." Im Gegenteil. Rauschtrinken − wenn jemand mindestens fünf alkoholische Getränke auf einmal trinkt − lasse Gehirnzellen absterben, erhöhe das Risiko für Unfälle und gewalttätige Auseinandersetzungen.
Doch auch den mäßigen, aber beständigen Trinkgenuss nach mediterraner Lebensart hält Bischof für gefährlich: "Wir wissen, dass die Rate für alkoholbedingte Lebererkrankungen in Weinanbauregionen erhöht ist", auch wenn das nicht gleich eine Sucht bedeuten müsse.
Die Grenze zur Sucht ist aus Bischofs Sicht überschritten, "wenn das Denken ständig um den Alkohol kreist und man nicht mehr kontrollieren kann, wann man beginnt, und wann man aufhört. Auch, wenn man zu Gelegenheiten trinkt, die über den gesellschaftlichen Usus hinausgehen, etwa in der Mittagspause oder gar bei der Arbeit". Auch ohne körperliche Abhängigkeit könne man süchtig sein, warnt Bischof.
Alkoholiker seien eben nicht immer die anderen.
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