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05. Januar 2016

Allergie Ambrosia-Pflanze: Schwere Zeiten für Allergiker

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Aus Nordamerika eingeschleppt und hochallergen: die Ambrosia-Pflanze.  Foto: iStock

Mediziner berichten von einer starken Zunahme der Asthmafälle seit den 1970er Jahren. Übermäßige Hygiene im frühen Kindesalter und die veränderten Lebensbedingungen in Industrieländern gelten als Hauptursachen. Die Verbreitung der Ambrosia-Pflanze macht Allergikern das Leben noch schwerer.

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Ein akuter Asthmaanfall kann Panik bis hin zur Todesangst auslösen: Die Bronchien verengen sich krampfartig, übermäßig viel zäher Schleim bildet sich, immer enger wird der Durchmesser der Röhren im Brustkorb, so dass die Luft nicht mehr ungehindert ein- und ausströmen kann. Die Muskulatur wird überlastet, zunehmende Atemnot stellt sich ein. Wer erstmals einen solchen Anfall erleidet oder von einer bis dahin unbekannten Heftigkeit überrascht wird, landet häufig in der Notfallambulanz von Krankenhäusern. Die Zahl dieser Fälle habe nach seiner Erfahrung „sehr deutlich zugenommen“, sagt Henry Schäfer, Chefarzt der Klinik für Pneumologie, Intensiv- und Beatmungsmedizin am Bürgerhospital in Frankfurt.

Eine eindeutige, wissenschaftlich abgesicherte Erklärung dafür gibt es bislang nicht. Fest steht, dass Asthma seit den 1970er Jahren weltweit zugenommen hat, besonders stark betroffen sind Australier und Neuseeländer europäischer Herkunft. Der Bundesverband der Pneumologen geht von rund 100 Millionen Patienten rund um den Globus aus. In Deutschland leiden etwa zehn bis 15 Prozent der Kinder und bis zu sieben Prozent der erwachsenen Bevölkerung unter Asthma, insgesamt rund acht Millionen Menschen. Als eine der Hauptursachen für diese Entwicklung – und den Anstieg der Allergien allgemein – gelten die veränderten Lebensbedingungen in den Industrieländern, speziell eine übertriebene Hygiene im frühen Kindesalter: Das Immunsystem hat deshalb immer weniger mit Keimen aller Art zu tun, gewöhnt sich nicht an den Umgang mit ihnen und bewertet in der Folge auch an sich harmlose Fremdstoffe als bedrohlich.

„Teufelszeug“ Ambrosia

In jüngster Zeit habe sich die Situation insbesondere für Menschen, die bereits an Heuschnupfen leiden, noch aus einem anderen Grund verschärft, sagt Schäfer: Zum einen dauere die Pollensaison durch die klimatischen Veränderungen deutlich länger als früher. Vor allem aber sei mit der Verbreitung der Ambrosia-Pflanze ein echtes „Teufelszeug“ für Allergiker und Ärzte nach Europa gekommen. Das vor einigen Jahren aus Nordamerika eingeschleppte Kraut hat sich geradezu explosionsartig auf dem gesamten Kontinent angesiedelt, es gilt als hochallergen und aggressiver als alle vorher in Deutschland bekannten Baum- und Gräserpollen. Ein zusätzliches Problem: „Ambrosia hat eine besonders lange Blütezeit bis weit in den Oktober hinein“, erläutert der Arzt. Eine Pflanze produziere bis zu eine Milliarde Pollen.

Ambrosia kann auch bei Menschen, die bislang noch nie mit Allergien zu tun hatten, Heuschnupfen und sogar direkt Asthma auslösen. Letzteres ist eigentlich eher ungewöhnlich, denn häufiger entwickelt sich Asthma aus einem „unzureichend behandelten Heuschnupfen“, sagt Schäfer: „Dann findet ein Etagenwechsel statt.“ Was bedeutet: Das Zentrum der Allergie verlegt sich von Nase und Augen Richtung untere Atemwege. Es sei deshalb wichtig, auch einen vermeintlich harmlosen Heuschnupfen gewissenhaft zu behandeln, betont der Arzt. Direkt und ohne eine solche Vorgeschichte auftretendes Asthma wiederum werde häufig nicht erkannt, weil es sich gerne hinter chronischem Husten verstecke – und für den werden dann andere Ursachen vermutet. Im Schnitt vergehen nach Angabe des Bundesverbandes der Pneumologen fünf Jahre, bis die richtige Diagnose gestellt wird. Aufschluss über ein mögliches Asthma geben unter anderem eine Lungenfunktionsprüfung, Allergietests, bildgebende Verfahren oder auch Untersuchungen der ausgeatmeten Luft („NO-Test“).

Neben quälendem Husten zählen eine pfeifende Atmung, ein Gefühl der Enge in der Brust, Kurzatmigkeit und Luftnot zu den charakteristischen Symptomen von Asthma, typisch ist auch das anfallsartige Auftreten – wobei die Beschwerden in unterschiedlich kurzen Abständen und Schweregraden auftreten. Häufig ist Asthma allergisch bedingt und wird durch klassische „Übeltäter“ wie Pollen, Nickel, Schalentiere, Staub, Lacke, Tierhaare oder Medikamente hervorgerufen.

Es gibt aber auch nicht-allergisches Asthma, das zwar ebenfalls durch bestimmte reizende Stoffe verursacht wird, aber eben keine allergische Reaktion im eigentlichen Sinne darstellt. Oft tritt diese Form erst im Erwachsenenalter und nach einer überstandenen Infektion der Atemwege auf. Bei einigen Patienten liegt auch eine Mischform Asthma vor. Auslöser für einen konkreten Anfall können bei allen drei Formen körperliche Anstrengung, kalte oder verrauchte Luft sein, erklärt Schäfer: „Oft genügen bei Asthmatikern schon kleinste Reize, damit sich die Bronchien verengen und vermehrt Schleim gebildet wird.“

Was letztlich genau dazu führt, dass ein Mensch Asthma entwickelt, ist nicht vollständig geklärt. Man gehe von einer genetischen Disposition aus, sagt der Lungenspezialist „In Familien, wo bereits Asthma aufgetreten ist, erhöht sich das Risiko erheblich.“ Aber auch Umwelteinflüsse spielen eine wichtige Rolle, etwa die Belastung der Luft mit Feinstaub, Zigarettenrauchen von Vater oder Mutter oder eben auch die zunehmende „Sterilität“, die Eltern um ihre Kinder herum schaffen. Henry Schäfer empfiehlt deshalb, dass bereits Säuglinge „möglichst viele potenzielle Allergene kennen lernen“, sie also mit Gräsern oder auch Tierhaaren konfrontiert werden: „Ihr noch unberührtes Immunsystem muss lernen, sich mit der Umwelt auseinanderzusetzen.“ Aus diesem Grund litten auch Kinder, die von Geburt an mit Hunden oder Katzen aufwachsen, seltener an Tierhaarallergie.

Keine Heilung, nur Behandlung

Asthma macht sich vielfach bereits im Kindesalter bemerkbar, nicht selten verschwindet es in der Pubertät – um dann aber möglicherweise im jungen Erwachsenenalter wiederzukehren, sagt Schäfer. Heilen lässt sich die Erkrankung nicht, wohl aber sehr gut behandeln, so dass die Lebensqualität nur leicht oder überhaupt nicht eingeschränkt ist. Auch die Lebenserwartung ist bei guter Behandlung nicht reduziert. Ohne Therapie könnten die Atemwege jedoch bleibend geschädigt werden. Aus chronischem Asthma kann sich dann eine gefährliche COPD, eine chronisch obstruktive Lungenerkrankung, entwickeln, warnt der Mediziner. Bei einem schweren akuten Anfall könnten sich die Blutgefäße überdies so stark verengen, dass das Herz kein Blut mehr in die Lunge pumpen kann.

Für die Asthmatherapie setzen Ärzte heute mehrere verschiedene Medikamente ein, deren Darreichungsform und Kombination der jeweiligen Schwere der Symptome angepasst werden. Zur Verfügung stehen Mittel zum Inhalieren oder Einnehmen, einige Medikamente sollten dauerhaft genommen werden, andere nur bei akuten Anfällen. „Der Vorteil beim Inhalieren liegt darin, dass sich auch kleinste Partikel einatmen lassen, diese direkt zum Zielort gelangen und deshalb eine geringe Menge ausreicht, um die gewünschte Wirkung zu erzielen, sagt Henry Schäfer. Standard bei der Dauertherapie ist die Gabe von entzündungshemmendem Cortison, das die Überempfindlichkeit der Bronchien mindern soll. In Notfällen sind adrenalinhaltige Substanzen zur Entspannung der Bronchialmuskulatur die Mittel der ersten Wahl. Sinnvoll könne bei allergischen Asthma auch eine Desensibilisierung sein, die den Körper allmählich an die auslösenden Stoffe gewöhnen und ihm die überschießende Reaktion austreiben soll, erläutert der Frankfurter Arzt.

Für einige Patienten mit anhaltenden allergischen Asthma kommt auch eine Therapie mit künstlich hergestellten Antikörpern infrage. Sie sollen das Immunglobulin E, ein körpereigenes Eiweiß, das bei der Entwicklung von Allergien beteiligt ist, abfangen und verhindern, dass es sich mit Mastzellen verbindet, die Abwehrstoffe wie Histamin freisetzen, erklärt der Arzt. Verordnet wird diese noch relativ junge Therapie allerdings nur bei einem schweren Krankheitsverlauf.

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