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Alpen-Brain-Drain: Warum der Schweizer keine Deutschen mag

"Wie viele Deutsche verträgt die Schweiz?" die Einwanderer aus dem großen Nachbarland werden nicht gerade begeistert empfangen. Umfragen zeigen eine latente Deutschen-Feindlichkeit.

Die Schweiz gilt laut Behörden als beliebtestes Auswanderungsland der Deutschen.
Die Schweiz gilt laut Behörden als beliebtestes Auswanderungsland der Deutschen.
Foto: dpa

Zürich. Ein sonniger Samstagvormittag in Zürich, im Szene- Café "Sportbar", wo sich Flohmarktbummler, Flirtlustige und Familien treffen: Es wird gelacht und geplaudert, in typisch schweizerdeutschem Singsang.

Zackigen Schritts stürmt ein Pärchen herein, die junge Frau blickt sich kurz um, verkündet lautstark in makellosem Hochdeutsch: "Ich mag die Leute hier nicht, lass' uns woanders hingehen", packt ihren Begleiter am Arm und rauscht ab.

Belustigtes oder verärgertes Kopfschütteln bei den einheimischen Gästen, dann tunkt man wieder in aller Ruhe sein Gipfeli, die Schweizer Variante des Croissants, in den Kaffee.

"Unhöflich und unverschämt" - so lauten die gängigen Ressentiments vieler Schweizer gegenüber den Deutschen im Land. Einen neuen Schub erhielt die Abneigung, als die Boulevardzeitung "Blick" ihre Leser vor Jahresfrist fragte: "Wie viele Deutsche verträgt die Schweiz?" Seitdem vergeht kaum ein Tag, an dem nicht auch seriöse Schweizer Medien auf die Bedrohung aus dem "großen Kanton im Norden" hinweisen, mal mehr, mal weniger hämisch.

"Die Deutschen und wir. Sie kommen in Scharen, werden unsere Vorgesetzten und vergreifen sich des Öfteren im Ton", titelte unlängst das konservative Magazin "Die Weltwoche" und zeigte einen blonden Managertyp mit Zigarre und Mercedes-Benz-Autoschlüssel auf dem Cover. Der staatliche Fernsehsender SF1 verweist auf seiner Internetseite auf eine Sendereihe mit dem ironischen Titel: "Die Deutschen kommen - und wie lieb wir sie haben."

Auch der Kulturbetrieb nimmt die Teutonen gern aufs Korn: So erlebte im Casino-Theater in Winterthur Ende August ein Stück mit dem Titel "Für die Deutschen" seine Uraufführung - Untertitel: "Sparwut und Heimatwahn." Es handele sich um "eine Farce auf falsche Ambitionen und den Vormarsch des Marketings auf die Kultur", erklärte Autor Peter Frey in Interviews.

"Die Schweizer mögen uns einfach nicht, daran muss man sich gewöhnen", sagt Andreas Vogel, ein Westfale, der seit zwölf Jahren in Zürich lebt. Als Leiter der örtlichen Kunstakademie entspricht er dem klassischen Feindbild: Er ist nicht nur Deutscher, sondern auch noch "Chef" - wenn auch nicht bei einem fremden Investor, sondern einer Schweizer Institution. "Als Führungskraft muss ich zusehen, dass der Laden läuft", sagt der 40-Jährige. Doch seine "vielleicht sehr deutschen" Eigenschaften Zielstrebigkeit und Schnelligkeit kämen nicht gut an. Auch nach über zehn Jahren erhalte er nach Konferenzen oft "beleidigte Leberwurst-E-Mails" von eidgenössischen Kollegen, die manches viel zu persönlich nähmen, "obwohl ich sowieso schon Samthandschuhe für die Schweizer trage." Vermutlich hätten viele einfach Angst um ihre Arbeitsplätze. "Andererseits: Hätten sie selbst genügend gut ausgebildete Leute, bräuchten sie jemanden wie mich ja nicht." In der Tat hat die Zahl der Zuwanderer in die Schweiz stark zugenommen, seit 2004 das sogenannte Personenfreizügigkeitsabkommen mit der EU in Kraft getreten ist. Arbeits- und Aufenthaltserlaubnisse sind für europäische Ausländer seitdem leichter zugänglich.

Grundsätzlich gilt: Wer zwölf Jahre ununterbrochen in der Schweiz lebt, davon die letzten drei Jahre am selben Ort, kann die dortige Staatsbürgerschaft beantragen. Und immer mehr Menschen machen davon Gebrauch: Wurden 1992 noch rund 10000 Einbürgerungen jährlich gezählt, so hat sich die Zahl bis zum vergangenen Jahr auf 45000 mehr als vervierfacht. Deutsche stellen örtlich die größte Gruppe der Zuwanderer - jedenfalls im boomenden Kanton Zürich, wo sie mittlerweile bald 20 Prozent der registrierten Ausländer ausmachen.

In der gesamten Schweiz wurden im vergangenen Jahr knapp 200.000 Exil-Deutsche gezählt, bei insgesamt rund 7,5 Millionen Einwohnern. Umgekehrt verzeichnen deutsche Behörden die Schweiz als beliebtestes Auswanderungsland, noch vor dem sonnigen Spanien und dem exotischen Australien. Allein im vergangenen Jahr haben 23.000 Menschen ihre hiesige Heimat verlassen, um in Helvetia ihr Glück zu suchen. Experten sprechen längst von einem "Brain Drain", einem schleichenden Verlust hoch qualifizierter Arbeitskräfte in Deutschland. Einer Studie des Basler Prognos-Instituts aus dem Frühjahr zufolge, schätzen die Zugereisten in der Schweiz besonders die höheren Löhne und die besseren Karrierechancen.

Kamen zunächst überwiegend akademisch gebildete Fachleute wie Banker, Werber und Wissenschaftler ins Land, so ziehen seit einigen Jahren zunehmend auch Arbeitskräfte aus anderen Sektoren nach, etwa aus der Gastronomie oder dem Pflegebereich. So stammen rund 1100 der gut 6000 Beschäftigten am Zürcher Universitätsspital aus Deutschland.

Ulrike Schubert, gelernte Pflegekraft aus Sachsen, ist eine von ihnen. "Es gibt hier eine andere Betriebskultur, meine Tätigkeit wird ganz anders bezahlt und wert geschätzt", sagt die 43-Jährige. Um die Jahrtausendwende war sie erstmals für ein Jahr nach Zürich gekommen und hat nach ihrer Rückkehr nach Sachsen eine leitende Stelle übernommen. "Das hat aber nichts an der Tatsache geändert, dass die Arbeitsbedingungen in Deutschland nicht vergleichbar sind", sagt die Sächsin.

Seit Einführung der Fallpauschalen hätten Pflegende hierzulande weniger Zeit für die Patienten. Sie habe Nachtschichten erlebt, in denen eine einzige Pflegerin über 36 teils schwerkranke Patienten wachen sollte. Statt der tariflichen 40-Stunden-Woche entstehe oft Mehrarbeit, die aber nicht bezahlt, sondern später "abgefeiert" werden müsse. "Und so fehlen die Kollegen dann bei der nächsten Schicht", sagt die 43-Jährige. Es sei ein Teufelskreis. Auch deshalb sei sie in die Schweiz zurückgekehrt.

Zu Schuberts Schilderung passt, was Zürcher Wirte dem deutschen Gast erwidern, wenn dieser sich, jovial scherzhaft, über die ungewohnt hohen Preise beschwert. "Selbst Schuld, wenn Ihr Euch in Deutschland ausbeuten lasst wie die Sklaven", lautet die selbstbewusste Antwort, wenn man sich etwa verwundert zeigt, dass ein Döner, der in Berlin zwischen drei und vier Euro kostet, in der Zürcher Innenstadt mit umgerechnet zehn Euro zu Buche schlägt - trotz identischer Ingredienzien.

Tatsächlich ist das Einnahmen-/Ausgabenverhältnis für Schweizer Arbeitnehmer anders gestaffelt als in Deutschland. Nicht nur liegen die Gehälter branchenübergreifend höher, auch die Steuern sind niedriger. Attraktiv ist Letzteres vor allem auch für deutsche Unternehmen. Jeder zehnte Gründer einer Holding-Gesellschaft in der Alpenrepublik war im vergangenen Jahr ein Deutscher, berichtete im Frühjahr die Wirtschaftsauskunftei Dun & Bradstreet (D&B). Demnach versuchen die Schweizer Kantone, sich bei den Pflichtabgaben gegenseitig zu unterbieten und liefern sich einen "Steuerwettbewerb" um ausländische Unternehmer.

Auf politischer Ebene drängen die EU-Staaten, allen voran die Bundesregierung in Berlin, auf Reformen in der Alpenrepublik, um eine Ungleichbehandlung von Unternehmen und Steuerflucht zu unterbinden.

So wünscht sich sie EU ein neues Zinsbesteuerungsabkommen mit der Schweiz, das die Erhebung einer anonymen Quellensteuer auf ausländische Konten erleichtern würde. Doch die Regierung in Bern beharrt auf ihrem Sonderstatus: "Wir haben unsere Steuersätze, das ist unsere Sache", bekräftigte vor wenigen Wochen der Schweizer Bundespräsident Pascal Couchepin. Grundsätzlich werden Steuern nach dem Prinzip "Treu und Glauben" erhoben. Steuerhinterziehung gilt nicht als Straftat, sondern lediglich als Ordnungswidrigkeit. Allerdings sind die Lebenshaltungskosten in der Schweiz vergleichsweise hoch - und für Deutsche oft ein Schock. So wären die Wohnungsmieten im Raum Zürich, wo sich derzeit reihenweise internationale Unternehmen wie der amerikanische Internet-Riese Google ansiedeln, mit deutschen Durchschnittsgehältern kaum zu bezahlen. Für eine modern ausgestattete Dreieinhalb-Zimmer-Bleibe im Stadtgebiet fallen umgerechnet bis zu 3300 Euro monatlich an. Wegen der vielen Zuzüge, nicht nur aus dem Ausland, sondern auch aus anderen Teilen der Schweiz, verschärft sich quasi wöchentlich die Wohnungsnot. Nach Angaben des Zürcher Mieterverbands standen im Juni ganze 57 Wohnungen auf dem freien Markt zur Verfügung - bei bald 400000 Einwohnern. Aufgeregt berichtet die örtliche Presse über die "Yuppisierung" der Stadt, und nicht selten werden auch hier die "vielen Deutschen" als Ursache angeführt.

Dass die Schweiz für den gegenwärtigen Aufschwung ausländische Experten dringend braucht, steht außer Frage. Nur wären andere Herkunftsländer vielen Eidgenossen offenbar lieber. Begeistert berichtete etwa der Zürcher "Tages-Anzeiger" im August über frisch zugezogene Arbeitnehmer aus China und porträtierte einige der fernöstlichen neuen Mitbürger liebevoll. Kurz zuvor war im Wirtschaftsteil derselben Zeitung ein Artikel über deutsche Arbeitnehmer zu lesen, der mit der Formulierung begann: "Sie sind gekommen, um zu bleiben." Das Problem mit den Deutschen sei, dass sie nicht unter sich blieben wie andere Migranten, vermutet Akademie- Leiter Vogel.

Die Vorbehalte gegen alles Deutsche gehen so weit, dass konservative Kräfte wie einige Mitglieder der umstrittenen Volkspartei SVP das Hochdeutsch aus den Schweizer Kindergärten wieder verbannen wollen. Gerade erst hatten einige Kantone die Reform zum Hochdeutsch als Pflichtsprache durchgesetzt, um Schweizer Kindern von klein auf einen größeren Wortschatz und "bessere Integrationsmöglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt" zu verschaffen, wie die Basler Schulbehörde erläuterte. Denn das urige Schweizerdeutsch verfügt, in seinen Aberdutzenden regionalen Varianten, über keine einheitliche Grammatik und Rechtschreibung. Das "Hochdeutsche" ist in der Schweiz auch eine Bildungsfrage: Je besser ein Schweizer es spricht, desto höher in der Regel sein Schulabschluss.

Mit einer selbstironischen "Kennzeichnungs-Aktion" hat Andreas Vogel auf die Ressentiments reagiert: Der Akademie-Leiter, der selbst Künstler ist, hat den Schriftzug "Achtung Deutsch" auf T-Shirts drucken lassen. Die kreuzförmig angeordneten weißen Buchstaben auf rotem Grund spielen auf die Schweizer Flagge an, und die T-Shirts werden mittlerweile in einer Filiale des Zürcher Traditionsbuchhändlers Orell Füssli verkauft. "Das soll kein Dauer- Geschäft werden, es ist als zeitlich begrenzte politisch- künstlerische Aktion gedacht", betont Vogel. Im Gästebuch seiner Interseite habe es "üble Anfeindungen" gehagelt, und fast habe er gehofft, dass ihn einmal jemand "krankenhausreif" schlage, wenn er das T-Shirt trägt. "Einfach, damit die Schweizer Medien endlich einmal aus einer anderen Perspektive über das Thema berichten." Auch eine Radiomoderatorin des Senders Radio Energy Zürich erhielt Morddrohungen, weil sie ihre Hörer statt mit "Grüezi" stets mit "Guten Morgen" begrüßt hatte. Unbekannte demolierten das Auto der 22- jährigen Deutschen, und nachdem sie dem Münchner Nachrichtenmagazin "Focus" ein Interview über die Vorfälle gegeben hatte, nahmen die Angriffe noch zu. Ende vergangenen Jahres gab die junge Frau auf und verließ die Schweiz. "Die ersten packen ihre Koffer und ziehen zermürbt nach Deutschland zurück", schrieb die "Neue Zürcher Zeitung" über den bislang spektakulärsten Fall eidgenössischer "Deutschen- Feindlichkeit".

Mit Tanzmusik bekämpft unterdessen der gebürtige Hamburger Robin Donat die Ressentiments. Donat, der seit 18 Jahren in der Alpenrepublik lebt und den Zürcher Nachtclub "Adagio" führt, hat gemeinsam mit einem Schweizer Kompagnon eine Party-Reihe "vo Schwiizer mit Schwiizer für Düütschi", von Schweizern mit Schweizern für Deutsche, ins Leben gerufen. Immerhin habe mit Friedrich Schiller ein Deutscher das Nationalepos der Alpenländer über die Staatsgrenzen hinaus berühmt gemacht, und vom "Wilhelm Tell"-Autor haben die Veranstalter dann auch den Namen der Veranstaltung geborgt: "Schillernd". Soeben ist die, laut Eigenwerbung, "erste Schweizer Party für Heimwehdeutsche und Freunde" in die Herbstsaison gestartet.

Ausgeschenkt wird, da lässt der norddeutsche Veranstalter bei aller Liebe zur Schweiz nicht mit sich verhandeln, Bier aus Hamburg. (dpa/Katja Kullmann)

Datum:  16 | 10 | 2008
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