Frau Professor Staudinger, ich beginne mit einer unhöflichen Frage: Wie alt sind Sie?
Da muss ich kurz überlegen. Ich bin 51.
Ursula M. Staudinger ist Vizepräsidentin der Nationalen Akademie der Wissenschaften, Leopoldina, die die Wanderausstellung „Neue Bilder vom Alter(n)“ zeigt. Die Psychologin und Altersforscherin ist auch Vizepräsidentin der Jacobs University Bremen.
Die Fotoausstellung ist vom 6. September an im Braunschweiger Haus der Wissenschaft zu sehen. Die Bilder sind Ergebnis eines Fotowettbewerbs. Sie werden auch in Stuttgart, München, Berlin und Bonn gezeigt. (ki)
www.altern-in-deutschland.de
Würden Sie sich in 15 oder 20 Jahren so fotografieren lassen wie die alten Menschen auf den Fotos: in Unterwäsche vor dem Ehebett oder als Clown verkleidet auf dem Wohnzimmersofa?
Ich weiß nicht, wohin mich der Weg des Alterns führen wird. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass ich mich als alte Frau fotografieren lasse, um etwas, das mir dann wichtig sein wird, zum Ausdruck zu bringen.
Warum setzt eine Wissenschaftsakademie wie die Leopoldina beim Thema Altersforschung auf Provokation?
Wir wollten die Debatte um den demographischen Wandel einmal aus einer ganz anderen Richtung anstoßen. Zunächst hatten sich in einer Akademiearbeitsgruppe Mediziner, Neurowissenschaftler, Psychologen, Soziologen, Ökonomen, Stadtplaner, Ingenieure, Historiker, Philosophen und Politologen intensiv mit dem Thema Altern wissenschaftlich auseinandergesetzt. Daraus sind dann Empfehlungen entstanden, die wir letztes Jahr dem Bundespräsidenten übergeben haben. Aber darauf wollten wir es nicht beruhen lassen, weil es auch darum geht, Brücken in die Politik und die Öffentlichkeit zu bauen, um die Umsetzung der Empfehlungen voran zu treiben. Das Altersbild, das in vielen Köpfen noch existiert, ist einseitig negativ und von der Realität oft längst überholt. Es ist aber ein wichtiges Hemmnis auf dem Weg zu den notwendigen Veränderungen. Mit diesen ungewöhnlichen Fotos kann man diese Klischees möglicherweise durchbrechen und Diskussionen anstoßen.
Eine Ihrer Kernbotschaften lautet, die Zukunft der Gesellschaft liege bei den Alten. Ist das nicht zynisch angesichts der geringen Wertschätzung, die ältere Menschen oft erfahren − etwa im Beruf?
Natürlich ist das für viele ein Widerspruch und man kann sich fragen, ob die Person, die so etwas behauptet, noch ganz bei Trost ist. Wir diskutieren in unserer Gesellschaft Alter leider nicht als die Zukunft, sondern als das Ende. Aber es liegt an uns, das Geschenk der durch medizinischen Fortschritt, bessere Ernährung und Bildung gewonnenen 30 Jahre Lebenszeit zu nutzen. Wir haben dadurch nämlich etwas ganz Faszinierendes erfahren: Kultur verändert die Biologie.
Was heißt das?
Lange Zeit dachten wir, dass die Menschen von der Evolution mit einer biologischen Information ausgestattet wurden, die auch nur in evolutionären Zeiträumen wieder verändert werden kann. Das ist falsch. Wir wissen beispielsweise anhand zentraler medizinischer Werte, dass die heute 60-Jährigen etwa fünf bis acht Jahre biologisch „jünger“ sind als die 60-Jährigen der Vorgängergeneration. Wir sollten diese historische Veränderung endlich ernst nehmen.
Wir werden also immer gesünder älter. Warum haben dann aber viele Menschen schon mit 55 auf dem Arbeitsmarkt kaum noch Chancen?
Zum Glück beginnen sich die Zahlen zugunsten der älteren Arbeitnehmer zu verändern. Wenn auch noch nicht in dem Umfang, in dem wir uns das wünschen. In dem Maße aber, in dem der Druck auf den Arbeitsmarkt wächst, weil qualifizierter Nachwuchs fehlt, werden sich die Türen für die Älteren weiter öffnen.
Erlebt die alternde Gesellschaft jetzt die Rückkehr zur Wertschätzung von Weisheit und Erfahrung?
Das würde uns zumindest allen gut tun. Bleiben wir mal beim Beispiel der Berufserfahrung: Sie ist eine ganz wesentliche Stärke von Mitarbeitern im mittleren und höheren Lebensalter. Sie sind in der Regel auch emotional stabiler, verlässlicher und loyaler als die Jungen. Einige wenige sogar weiser.
Sie haben als Entwicklungspsychologin untersucht, wie sich Weisheit entwickelt. Können Sie uns eine Anleitung geben?
Es ist schade, aber wahr: Es genügt nicht, älter zu werden, um weiser zu werden. Der entscheidende Unterschied besteht darin, wie wir mit unseren Lebenserfahrungen umgehen. Der eine sammelt seine Erfahrungen einfach. Dann sitzt er auf seinem angehäuften Berg und hat den Eindruck, weit blicken zu können. De facto hat er aber viele blinde Flecke und zuviel Gewissheit.
Und die Weisen?
Es gibt eine kleine Gruppe von alternden Menschen, die nutzt ihren Erfahrungsschatz, um weiterzudenken, die Erfahrungen zu bündeln und neue Schlüsse daraus zu ziehen. Diese Alten hinterfragen das Erfahrene und Gelernte und korrigieren es auch, wenn es nötig ist.
Alter kann also weise machen. Es macht aber auch Falten, Schmerzen und oft einsam. Haben Sie Angst davor?
Nein, Angst nicht. Aber ich beobachte den Prozess des Alterns an mir sehr aufmerksam. Das beginnt ja nicht schlagartig erst mit 50 oder 60, sondern viel früher. Manchmal erschrecke ich, aber dann gewöhne ich mich an das veränderte Aussehen oder die veränderten Lebensumstände. Das Abenteuer besteht wohl darin, dass man sich immer wieder neu entdecken und sich dann wieder mit sich selbst neu anfreunden muss.
Zu den Klischees über das Altern gehört, dass Liebe und Sex in dieser Lebensphase keine große Rolle mehr spielen. Was sagt die Forschung?
Sexualität ist ein Grundbestandteil unserer Existenz. Sie verändert sich mit dem Älterwerden, aber sie hört nicht auf. Der intime Kontakt mit anderen Menschen, vor allem die Berührung der Haut, ist extrem wichtig dafür, dass wir gesund bleiben. Man darf alten Menschen nicht suggerieren, dass dieses Bedürfnis etwas Unpassendes oder gar Unwürdiges ist.
Genau das passiert aber doch – zum Beispiel in vielen Altenheimen.
Das hat sich längst gewandelt. Es werden auch dort Freundschaften und sogar Ehen geschlossen, die natürlich über das Platonische hinausgehen. An diesem Punkt zeigt sich mal wieder: Die Realität ist viel weiter als die Bilder in unseren Köpfen.
Interview: Katja Irle
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