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03. September 2014

Alterstraumazentren: Zurück ins Leben vor dem Sturz

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Ein Sturz kann für alte Menschen fatale Folgen haben.  Foto: Getty Images

Die meisten Krankenhäuser in Deutschland sind nicht optimal auf die notwendige Behandlung alter Menschen nach Unfällen eingestellt, dabei sind mehr als 60 Prozent der Opfer von Fahradunfällen älter als 65 Jahre. In Alterstraumazentren sollen betagte Patienten nach Unfällen optimal versorgt werden.

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Für die alte Dame hatte der an sich harmlose Schwindel schwerwiegende Folgen: Auf dem Bürgersteig stürzte sie schwer und brach sich die Hüfte. Der Krankenwagen brachte die 90-Jährige in die nächstgelegene Klinik, wo sie akut versorgt wurde – nach dem gleichen Schema wie bei allen Patienten mit ähnlichen Verletzungen. Auf die speziellen Bedürfnisse eines älteren Menschen war diese Unfallstation nicht optimal eingerichtet. Noch ist das derzeit leider keine Ausnahme. Besondere Vorkehrungen wegen des bei Hochbetagten erhöhten Risikos einer postoperativen Verwirrtheit traf niemand.

 Nach zwei Wochen wurde die Patientin schließlich in eine Rehaklinik verlegt. Aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen, fiel es ihr dort schwer, die nötige Kraft aufzubringen, um wieder auf die Beine zu kommen. Ihre Genesung zieht sich hin – ob die alte Dame je wieder ohne fremde Hilfe auskommen wird, ist ungewiss. Zumal die Situation zuhause problematisch ist: Ihr Ehemann starb vor einigen Jahren, die Kinder leben in einer anderen Stadt, die Wohnung befindet sich im zweiten Stock – ohne Aufzug.

Fälle wie diese spielen sich in Deutschland alljährlich tausendfach ab: Während die Zahl der Unfalltoten aufgrund der schnelleren und besseren Versorgung insgesamt gesunken und auch die der Verletzten im jungen und mittleren Lebensalter zurückgegangen ist, nehmen die Unfallopfer im höheren Alter stark zu, sagt Professor Reinhard Hoffmann, Ärztlicher Geschäftsführer und Ärztlicher Direktor der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Frankfurt und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU).

So seien mehr als 60 Prozent der Opfer von Fahrradunfällen und regional bereits über die Hälfte der Patienten in den unfallchirurgischen Notfallaufnahmen älter als 65 Jahre. Dabei steige insbesondere der Anteil der Hochbetagten. Und: Es werden auch immer mehr schwere Verletzungen bei den älteren Patienten diagnostiziert. „Als zusätzliche Belastung kommt bei diesen Menschen hinzu, dass sie meist noch an weiteren gesundheitlichen Problemen leiden“, erklärt der Frankfurter Mediziner: „Das können Kreislaufschwierigkeiten sein, Bluthochdruck, Osteoporose, Stoffwechselkrankheiten oder Demenz sein. Auch die Einnahme vieler Tabletten kann zu Störungen führen. Speziell Gerinnungshemmer erhöhen etwa die Blutungsgefahr bei Schädel-Hirnverletzungen drastisch.“

Ein Sturz kann neben der unmittelbaren Folge wie einer Fraktur von Oberschenkelhals und Hüfte, Becken und Wirbelsäule deshalb besonders für sehr alte Menschen jenseits der 80 verheerend sein: „Sie haben oft nur noch wenige soziale Kontakte, sind oft schon gebrechlich, aber vor dem Unfall noch gerade so alleine in ihrer Wohnung zurecht gekommen. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus funktioniert das dann oft nicht mehr. Auch die Angehörigen sind häufig völlig überfordert.“ Und das nicht allein: Rund 30 Prozent der alten Patienten mit einer gebrochenen Hüfte überlebe das erste Jahr nach der Operation nicht, erklärt Reinhard Hoffmann.

Eine unbefriedigende, frustrierende Situation, die sich ändern soll: Die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie hat deshalb in Zusammenarbeit mit den Fachgesellschaften für Geriatrie (Altersmedizin) Richtlinien erarbeitet, wie alte Menschen nach einem Unfall behandelt werden sollen. Ziel ist es, Probleme im Heilverlauf zu vermeiden, den Heilungsprozess damit insgesamt zu verbessern und eine möglichst weitgehende Wiederherstellung zu erreichen. Kliniken mit den entsprechenden Voraussetzungen dafür können sich als Alterstraumazentrum der DGU zertifizieren lassen. Die erforderlichen Kriterien hat die Gesellschaft im Dezember 2013 veröffentlicht; zu den (hohen) Anforderungen gehören bestimmte Strukturen in den beteiligten Abteilungen ebenso wie genau festgelegte diagnostische und therapeutische Abläufe.

Die meisten Krankenhäuser in Deutschland sind allerdings noch längst nicht optimal auf die notwendige Behandlung alter Menschen nach Unfällen eingestellt. Neben der rein operativ-chirurgischen Behandlung gehört ein komplexes Management der Vorerkrankungen und des sozialen Umfeldes dazu, erklärt Hoffmann. Bislang gibt es zehn zertifizierte Pilotkliniken in Deutschland und erste Kliniken, die nach dem offiziellen Projektstart Anfang 2014 zertifiziert wurden. Ein unabhängiges Unternehmen überprüft die Alterstraumazentren alle drei Jahre vor Ort. Zu den wegbereitenden Pilotkliniken gehört auch die Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Frankfurt, die in enger Kooperation mit der Medizinisch-Geriatrischen Klinik des Diakonissen-Krankenhauses in Frankfurt ein Alterstraumazentrum betreibt.

Die Basis einer optimalen Versorgung älterer Menschen nach einem Unfall ist die enge, abgestimmte Zusammenarbeit von Unfallchirurgen, Geriatern, Pflegern und Sozialdienst. Im Idealfall, so Reinhard Hoffmann, sollten die Patienten in ein und derselben Abteilung von Unfallchirurgen und Altersmedizinern betreut werden, um Verlegungen nach der Akutbehandlung zu vermeiden oder zumindest zu vereinfachen.

Grundsätzlich müssen die Mitarbeiter in Alterstraumzentren in besonders für ihre Aufgabe qualifiziert sein, das gilt für die Unfallchirurgie ebenso wie für die Altersmedizin. Auch muss die Kooperation mit anderen Fachgebieten, etwa der Radiologie, schriftlich vereinbart sein. Dabei seien die besonderen Bedürfnisse älterer Menschen, zum Beispiel nach einem geregelten Tagesablauf mit geringen Wartezeiten, in den Vordergrund zu stellen, erklärt Professor Hoffmann.

Bereits bei der Aufnahme in die Klinik müssten in einem Screening zudem Vorerkrankungen, resistente Keime und persönliche Voraussetzungen eines jeden älteren Patienten erfasst werden, „um ohne Zeitverlust und unmittelbar reagieren zu können“. Ein oft unterschätztes Problem ist auch die postoperative Verwirrtheit nach einer Vollnarkose; das Risiko dafür ist bei älteren Menschen – insbesondere bei verschiedenen Vorerkrankungen – deutlich erhöht. Im schlimmsten Fall kann dieser Zustand langfristig bestehen bleiben oder sich zumindest nicht mehr vollständig zurückbilden; was letztlich auch zur Pflegebedürftigkeit führen kann. Doch auch diesem Szenario lässt sich vorbeugen, sagt der Frankfurter Unfallchirurg: etwa, indem bestimmte, die Gefahr eines Delirs erhöhenden Medikamente vor einem Eingriff abgesetzt werden, eine schonende Narkose gegeben oder auch der Stoffwechsel reguliert wird. Neben solchen handfesten Maßnahmen spiele aber auch persönliche Zuwendung und Ansprache nach der Operation eine wichtige Rolle, erklärt der Mediziner.

Bereits unmittelbar nach dem Eingriff solle zudem eine mögliche Therapie zur Rehabilitation, die Versorgung mit Heil- und Hilfsmitteln zuhause oder eine Umstellung von Medikamenten vorgeplant werden. Und um weitere Stürze zu vermeiden, muss das Team in zertifizierten Kliniken während des stationären Aufenthaltes eines Patienten nach den möglichen auslösenden Faktoren suchen – ein häufiger davon ist Schwindel – und eine entsprechende Therapie verordnen. Auch das Einleiten einer Osteoporose Behandlung gehört meist dazu. Ebenso das Herausfinden von häuslichen „Stolperfallen“.

Die Einsicht in die Notwendigkeit einer dergestalt spezialisierten Behandlung älterer Unfallopfer in den deutschen Krankenhäusern scheint hoch: Immerhin 96 Kliniken haben sich nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie bisher registrieren lassen und streben eine Zertifizierung als „Alterstraumazentrum DGU“ an.

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