Die Schule liegt mitten zwischen Wiesen, Feldern und Äckern. Altingen ist seit 1979 ein Teilort von Ammerbuch, einem Sechs-Dörfer-Verbund im Schwäbischen, zwischen Herrenberg und Tübingen. Seit Schulleiter Ulrich Scheufele mit zwölf Schülern und Lehrern in Berlin den mit 25.000 Euro verbundenen deutschen Schulpreis 2008 abgeholt hat, erreichen ihn viele Dankesschreiben ehemaliger Schüler, die stolz auf ihre frühere Schule sind.
Scheufele weiß von den meisten, wo sie gelandet sind. Acht Jahrgänge ließ er evaluieren: 95 Prozent der Altinger Schüler sind in Arbeit, in Ausbildung, auf einer weiterführenden Schule oder im Studium. "Daran zeigt sich, dass unsere Arbeit richtig ist", urteilt Scheufele. "Das nehmen sie fürs Leben mit." Der Schulleiter meint das "Altinger Konzept", das der Jury preiswürdig war. Matthias Steiner, der Gewichtheber-Olympiasieger, lobte die Schule als eine, "die ihre Schützlinge tüchtig macht, in der Welt zu bestehen".
Mit dem Deutschen Schulpreis zeichnet der Bundespräsident jedes Jahr hervorragende Schulen aus. Bewertet wird, ob eine Einrichtung ein gutes Konzept für erfolgreiches Lernen verwirklicht hat.
Den mit 100.000 Euro dotierten Hauptpreis erhielt in diesem Jahr die Wartburg- Grundschule in Münster.
Die FR stellt weitere Preisträger in einer Serie vor. Insgesamt hatten sich 250 Schulen um den Deutschen Schulpreis beworben.
Ziel: Gerechte Gemeinschaft
189 Schülerinnen und Schüler werden in dieser Grund-, Haupt- und Werkrealschule nach dem Klassenlehrerprinzip unterrichtet. Und weil Ulrich Scheufele überzeugt ist, dass nur selbstbewusste Kinder mit Persönlichkeit sich fürs Lernen öffnen können, dafür, sich Wissen anzueignen, ist es ihm so wichtig, dass die Kinder und Jugendlichen in einer Atmosphäre der Angstfreiheit lernen.
Schule soll "Lern- und Erlebnisraum" sein, mit dem Ziel einer "gerechten Gemeinschaft", in der man sich auf gemeinsame Werte verständigen kann. Sich wohl fühlen und gleichzeitig Herausforderungen angehen, zu Hause sein und Verantwortung übernehmen - so steht es auch in den Kriterien des Schulpreises. In Altingen gelingt das.
Rektor Scheufele ist ein 68er. Jedenfalls wurde er schulpädagogisch in dieser Zeit sozialisiert. Als junger Lehrer versuchte er, den starren Frontalunterricht aufzubrechen. "Vor 30 Jahren haben wir uns auf den Weg der inneren Schulreform gemacht", erzählt er: Neue Formen, Projektarbeit, Schülermitbestimmung, Theaterprojekte. "Was, die spielen bloß Theater?" hieß es da schon mal. Dabei sei dies eine hoch differenzierte Arbeit, die alle Fächer zusammenbinde. Und die Persönlichkeit stärke.
Wenn ihm eines aus der "alten" Schule verhasst war, dann die Herabsetzungen. "Schule kann so verletzen durch Bloßstellungen", ist Scheufele überzeugt. Er hat es selbst erlebt, damals. In seiner Schule sollte es das nicht geben. Positive Verstärkung deshalb. Durch Theaterspiel; durch öffentliche Selbstbeurteilung der Schüler; durch die Schülerfirma "Altina", in der die Achtklässler Produkte herstellen, vermarkten und verkaufen; durch eine Schulordnung, die den respektvollen Umgang miteinander festschreibt; durch Versammlungen in Klassen und im Schulverbund, wo Konflikte nicht weggedrückt, sondern besprochen werden. Das Einüben demokratischer Prinzipien sei zu Beginn schwierig gewesen. Und doch gelang es.
Schulleiter Scheufele und seine 19 Lehrerkollegen sehen das "Altinger Konzept" als fließendes. Man sei bewusst "keine Modellschule", weil das schon wieder heiße: Nur so werdet Ihr froh! "Wir wollen überhaupt keinen Dogmatismus", sagt der Rektor. Vieles wurde übernommen aus der Reformpädagogik, anderes behalten aus der alten Lehranstalt. Alle Ansätze werden stets aufs Neue daraufhin überprüft, ob es "noch stimmt für unsere Kinder".
Niemand geht ohne Abschluss
Ein paar eherne Gesetze gibt es allerdings: Sitzenbleiben ist in Altingen abgeschafft. Auch geht keiner ohne Abschluss. Das Gemeinschaftsgefühl wird gestärkt durch Aktionen wie zum Thema "Schule ohne Rassismus". Durch Erlebnispädagogik im Kletterhang. Aber auch durch gemeinsames tatkräftiges Anpacken. So wurden Klassenzimmer in Eigenregie ausgebaut und mit Regalwänden und Sitzecken versehen.
Das alles spielt hinein, wenn der Schulleiter von einer "Gesellschaft im Kleinen" spricht, als die er seine Altinger Schule sieht. Und die Erleichterung darüber ist ihm anzumerken, dass sein Konzept, das er "gegen alle Widrigkeiten" durchgehalten hat, nun von höchster Ebene "legitimiert" wurde - fast zehn Jahre nachdem die Hertie-Stiftung der Schule den Hauptschulpreis zuerkannte.
Manches brauche eben seine Zeit. Die 25 000 Euro Preisgeld sind schon verplant: Das alte Buswartehäuschen wird das neue Heim der Schülermitverwaltung. Natürlich bauen es die Schüler im Schulhof selbst neu auf.
Ulrich Scheufele (Hg.): "Weil sie wirklich lernen wollen - Bericht von einer anderen Schule: Das Altinger Konzept." 312 Seiten, Beltz Verlag, Weinheim 2003, 15,90 Euro.
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